23.11.2012

Warum das Verhältnis von Fans und Verbänden zerrüttet ist

Der tiefe Graben

Seite 4/5: Der übliche bayrische Law-and-Order-Katalog
Text:
Andreas Bock, Philipp Köster und Ron Ulrich
Bild:
Imago

In den vergangenen Monaten hat es genug schockierende Bilder und Meldungen gegeben. Leuchtraketen, Attacken auf unbeteiligte Fans auf der Autobahn, Angriffe auf Spieler – niemand bei gesundem Menschenverstand kann diese Aktionen tolerieren. In der Konsequenz werden allerdings jene durchgeknallten Einzeltäter, die oft keiner festen Fangruppe angehören, reflexartig den Ultragruppen zugeordnet.

Die Zentrale Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) hat die Zahlen für die vergangene Spielzeit noch nicht veröffentlicht, doch der Bericht der vorherigen Spielzeit widerspricht der These von der nahenden Apokalypse. Die Zahl der Strafverfahren: sinkend. Die Zahl der polizeilichen Einsatzstunden: sinkend. Es gab 2010/11 insgesamt 846 Verletzte (wobei hier die Ursache der Verletzungen nicht ausschließlich von Fans ausgehen muss). 846 Verletzte bei knapp 18 Millionen Besuchern in 612 Spielen. Zum Vergleich: Auf dem Münchner Oktoberfest 2011 mussten im Schnitt 600 Menschen medizinisch behandelt werden – pro Tag. Der Anstieg der Verletztenzahlen steht in Relation zu dem gewachsenen Zuschauerinteresse. Mittlerweile besuchen im Schnitt über 45 000 Zuschauer die Spiele, laut Statistik wird dabei im Mittel eine Person verletzt. Auch wenn jeder Verletzte einer zu viel ist, so kann von einer Zunahme der Gewalt keine Rede sein. Doch das ging in der Hysterie unter. »Es gibt eine Vielzahl von Vorfällen, die verhindert werden sollten. Aber die Situation ist bei weitem nicht so dramatisch, wie sie wahrgenommen wird«, bestätigt auch Helmut Spahn.

 Nach den Relegationsspielen im Mai meldet sich erwartbar auch die Politik. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich rührt gleich am Allerheiligsten: »Den Erhalt der Stehplätze haben die Fans selbst in der Hand.« Auch Friedrich argumentiert nicht mit Statistiken, er gibt sich gefühlig. In einer ZDF-Reportage sagt er: »Ich bin einer, der früher auch in den Süd-, Nord- und Fankurven stand.« Der Rest ist der übliche bayrische Law-and-Order-Katalog. Elektronische Fußfesseln für Fans müssten »als Möglichkeit durchaus in Betracht« gezogen werden, sagt er.

Es ist der ideale Zeitpunkt für den CSU-Politiker, sich als starker Mann zu positionieren, glaubt Grünen-Politiker Miro Jennerjahn: »Das Innenministerium stand nach der NSU-Affäre in der Kritik und hatte aus konservativer Sicht ein überaus dankbares Thema, mit dem man sich wunderbar profilieren kann.« Helmut Spahn kennt solche populistischen Forderungen. »Andere Themen wie der Datenschutz sind medial nicht so transportabel. Wenn sich aber ein Politiker hinstellt und sagt: ›Die Gewalt im Fußball nimmt überhand‹, dann wird sein Name in der Zeitung gedruckt.« Wäre es da nicht die Aufgabe der Verbandsvertreter, die Diskussion zu versachlichen? Der Fanforscher Jonas Gabler sagt: »Die Verbände müssen sich im Klaren sein, dass sie auch Einfluss darauf haben, wie die Diskussion in den Medien geführt wird.« Der DFB als größter Sportverband der Welt mit seiner wirtschaftlichen Macht könne durchaus gegen Aussagen der Politiker opponieren. »Doch vielleicht will manch einer bei den Verbänden auch einfach den Druck und die Verantwortung weitergeben.«

Zehn Jahre Stadionverbot? »Schlag ins Gesicht der Fans!«

Am 17. Juli 2012 laden DFB und DFL Vereinsvertreter aus den ersten drei Ligen nach Berlin zu einer Sicherheitskonferenz. Innenminister Friedrich hat sich angekündigt und will von neuen Maßnahmen hören. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren Funktionäre die Einmischung von außen. »Es fühlt sich an, als müsse man zum Rapport«, sagt ein führender Verbandsvertreter. Hendrik Große Lefert, Spahns Nachfolger als DFB-Sicherheitsbeauftragter, sagt hingegen: »Wir mussten und wollten der Politik und den anderen Netzwerkpartnern ein Zeichen senden.«

Das bedeutet: Der Fußball will Einigkeit demonstrieren. Die Vereinsvertreter reisen an, um im Eilverfahren einen Verhaltenskodex zu unterzeichnen, den sie erst wenige Stunden zuvor per Mail erhalten haben. Allerdings schließt »der Fußball« in der Auffassung der Funktionäre die Fans nicht mit ein. Die sind nämlich beim Gipfel im Berliner Intercontinental Hotel unerwünscht. Reinhard Rauball, der Chef der DFL, sagt: »Heute saßen diejenigen zusammen, die für das, was passiert, auch geradestehen müssen.« 500 Meter weiter, im Palace-Hotel, haben die Fans deshalb eine Parallelveranstaltung organisiert. Sie hoffen, dass Verbands- oder Vereinsvertreter nach dem Gipfel vorbeikommen, um mit ihnen über die Ergebnisse zu reden. Zahlreiche Journalisten warten ebenfalls. Ob die Fans wüssten, worüber die Funktionäre diskutieren, fragt ein Reporter. Schulterzucken. Vielleicht eine Verschärfung der Stadionverbote? Nein, das schließen die Fans aus. Für solche Themen ist im Frühsommer 2012 mit den Verbänden extra die Gründung einer »AG Stadionverbotsrichtlinien« beschlossen worden, der sowohl DFB- als auch Fanvertreter angehören sollten. Die konstituierende Sitzung der AG ist für August angedacht.

Dann kommt die Pressemitteilung der Sicherheitskonferenz. »Gleichzeitig sind deutliche Verschärfungen in Bezug auf die Dauer von Stadionverboten vorgesehen – von bislang drei auf fünf Jahre, in besonders extremen Ausnahmefällen sogar zehn Jahre«, lesen die Fans schockiert.

Große Lefert beteuert, dass er die AG schon im Mai habe starten wollen, aufgrund der Terminenge der Fanvertreter habe man jedoch erst im August einen ersten Termin gefunden. Außerdem, so betonen Große Lefert und DFL-Vizepräsident Peter Peters, sei auf dem Gipfel nichts beschlossen worden. Es handele sich lediglich um Möglichkeiten. »Die Politik hat uns signalisiert, dass sie die Möglichkeit hat, stärker in den Fußball einzugreifen, als sie es bisher getan hat«, sagt Peters. »Deshalb muss es der Fußball schaffen, die Situation selbst in den Griff zu bekommen – Vereine, Verbände, aber auch die Fans selbst.«

Doch die Zahl »10« prangt am Tag nach dem Gipfel auf sämtlichen Sportseiten und hat verheerende Signalwirkung. Schließlich galt innerhalb der aktiven Fanszenen die Reduzierung der Stadionverbote von fünf auf drei Jahre im Jahr 2007 als einzig zählbarer Erfolg des Dialogs mit den Verbänden – diese soll nun aufgehoben werden. »Das war das falscheste Signal, das man senden konnte«, sagt Jonas Gabler. Fanvertreter sprechen von einem »Schlag ins Gesicht«. Der von ihnen angebotene Dialog wird nicht wahrgenommen, nur vier Vereinsvertreter besuchen die Fanveranstaltung, kein einziger von DFB oder DFL.

Unterstützung erhalten die Fans immerhin von einigen Klubs. Allen voran von Union Berlin, dem einzigen der 36 eingeladenen Vereine, der dem Sicherheitsgipfel ferngeblieben war. »Bei uns ist es üblich, dass wir über Dinge, die die Fanszene betreffen, zuerst mit dieser diskutieren«, sagt Präsident Dirk Zingler. Sämtliche Infos erhielten die Vereine allerdings erst am Vortag um 15 Uhr, eine eingehende Prüfung der Unterlagen war Union nicht möglich. Beim DFB heißt es heute, dass man sich auch ohne Absprache mit den Fans von Gewalt distanzieren kann. Zingler sagt dazu: »Dann müssen wir keinen Sicherheitsgipfel einberufen. Dann machen wir eine Pressekonferenz und sagen: ›Wir sind gegen Gewalt!‹« Beim Gipfel sei es hingegen um konkrete Maßnahmen gegangen. Zingler wertet die Konferenz als »symbolhafte Distanzierung, durch die sich die aktiven Fans noch weiter in die Enge getrieben fühlen«.

 
 
 
 
 
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