23.11.2012

Warum das Verhältnis von Fans und Verbänden zerrüttet ist

Der tiefe Graben

Seite 3/5: Streit um ein Gutachten: DFB veröffentlicht nur Auszüge
Text:
Andreas Bock, Philipp Köster und Ron Ulrich
Bild:
Imago

Damals löst die Mitteilung aus Frankfurt in den Fanszenen Enttäuschung und Wut aus. Man fühlt sich abgekanzelt. Ronny Licht und die anderen bekommen von den Hardlinern zu hören: »Was wollt ihr denn? Die verarschen uns doch nur!« In den kommenden Wochen brennt es in den Fanblöcken. Unrühmlicher Höhepunkt: Am 25. Oktober 2011 werfen Dresdner im Dortmunder Stadion Bengalos auf den Rasen und zünden Böller. Aktionen, von denen sich die Initiative klar distanziert hat. Auf der Tribüne zürnt Reinhard Rauball, Präsident des BVB und Vorsitzender der Deutschen Fußball Liga.

Acht Tage später, am 2. November 2011, erklärt der DFB in einer offiziellen Mitteilung die Pyrotechnik-Diskussion für beendet. Dort heißt es: »Bestätigt wird das Verbot durch ein vom DFB-Präsidium in Auftrag gegebenes unabhängiges Rechtsgutachten.« Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. In dem Gutachten von Volker Löhr steht auf Seite 4: »Der begrenzte Einsatz von Pyrotechnik in Fußballstadien ist nur unter folgenden einschränkenden Voraussetzungen möglich.« Es folgt jener Katalog, der in den Gesprächen von Spahn und den Fans ausgearbeitet worden war.

Weiter heißt es in dem Gutachten aber auch, dass der Einsatz von Pyrotechnik unter »DFB-verbandsinternem Erlaubnisvorbehalt« stehe. Mit anderen Worten: Der Verband als höchste Instanz hat das Recht, den Daumen zu heben oder zu senken. Dieser Erlaubnisvorbehalt mag begründet sein, den Fans wurde er nicht erklärt. Helmut Spahn sagt: »Zumindest hätte ich noch einmal versucht, den Entschluss zu erläutern. Ich kann die Entscheidung des DFB und der DFL letztendlich nachvollziehen, allerdings würde ich den Prozess dahin kritisch hinterfragen.«

Die Diskussion um Pyrotechnik ist damit allerdings keineswegs beendet, wie der DFB behauptet. Sie ist es auch nicht durch eine vom Verband angestrengte Umfrage mit grotesk anmutenden Suggestivfragen (»Pyrotechnik ist gefährlich. Sie ist schädlich für den Fußball und soll deshalb hart bestraft werden. Stimmen Sie dem zu?«). Sie fängt genaugenommen erst richtig an. Der brüske Abbruch der Gespräche macht fortan aus jeder brennenden Bengalfackel eine kleine Demonstration. Allein während des Pokalfinales 2012 zwischen Dortmund und Bayern werden unter den Objektiven mehrerer Dutzend Überwachungskameras mehr als 15 Bengalos gezündet. Der DFB ist Ausrichter des Spiels. Die Fackeln in den Fanblöcken gehen im Jubel um den rauschhaften Auftritt der Dortmunder noch unter. Wenige Tage später jedoch diskutiert ganz Deutschland über die Zustände in den Kurven. Die Vorfälle rund um das zweite Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC erzeugen einen medialen Furor, der die Fanszenen bis heute verstört.

Dass Hertha-Fans Bengalfackeln in den Innenraum werfen – unverantwortlich. Dass Düsseldorfer Fans vor dem Schlusspfiff das Spielfeld stürmen – selten dämlich. Dass aber ein friedlicher Platzsturm dazu führt, dass Sandra Maischberger von den »Taliban der Kurve« fabuliert, der Boxexperte Werner Schneyder bei den Ultras »faschistoide Versammlungsrituale« ausmacht und »Kicker«-Mann Rainer Franzke »Zustände wie im Bürgerkrieg« in den Fanblöcken diagnostiziert, verrät weniger über die Ultras als über die Ahnungslosigkeit, mit der in den Medien über Fankultur gesprochen wird. Zumal die öffentliche Erregung eine offenbar weniger wichtige Frage in den Hintergrund drängt. Nämlich die, ob es tatsächlich immer mehr Gewalt beim Fußball gibt.

 
 
 
 
 
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