Warum das Verhältnis von Fans und Verbänden zerrüttet ist

Der tiefe Graben

Das Verhältnis zwischen Fans und 
Verbänden ist so schlecht wie noch nie. Das Protokoll einer Zerrüttung.

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Der Ruf des Dresdener Auswärtsblocks hallt durch das Berliner Olympiastadion. Dann wird er von der Heimkurve erwidert. Minutenlang. Fans gegnerischer Teams stimmen gemeinsam einen Schlachtruf an. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Hannover, in Frankfurt, in Düsseldorf und in vielen anderen Kurven Deutschlands. Es ist ein Schmähgesang, und der Adressat ist immer derselbe: der Deutsche Fußball-Bund. Kein Spieltag der laufenden Spielzeit vergeht, an dem in den Fanblöcken nicht Transparente mit einer eindeutigen Botschaft gegen den DFB gezeigt werden.

Getreu dem Motto »Getrennt in den Farben, vereint in der Sache« machen Fangruppen Stimmung gegen den Verband. Die Abneigung gegen die Funktionäre aus der Otto-Fleck-Schneise ist nicht neu, eine solche Solidarisierung über alle Feindschaften hinweg hat der deutsche Fußball jedoch noch nicht gesehen. Die Fronten zwischen Fans und Verbänden sind verhärtet wie nie. Während Verbandsvertreter neue Maßnahmen und härtere Strafen ankündigen, reagieren Fans mit Protesten und Grenzübertritten, Politiker und Medien suchen in ihren Kommentaren die Extreme. Wie konnte sich der Konflikt so zuspitzen?

Helmut Spahn bewertet das Konzept als »seriös«

Alles beginnt mit einer Wortmeldung. Der Frankfurter Kongress »Feindbilder ins Abseits« am 12. Januar 2011 verzeichnet 300 Anmeldungen. Es sind Vertreter von Polizei, Fans, Verbänden und Vereinen anwesend. In der offenen Diskussionsrunde nimmt sich Anke Wiedenroth das Mikro. »Was wir brauchen, ist nicht nur die Bereitschaft, Gespräche zu führen.« Man müsse auch wirklich miteinander reden und sich auf Augenhöhe begegnen. Wiedenroth tritt als Sprecherin der Initiative »Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren« auf, in der Hand hält sie ein 12-seitiges Dossier über die Möglichkeiten eines kontrollierten Abbrennens von Pyrotechnik. Wiedenroth schließt ihre kurze Rede mit den Worten: »Und nun, Herr Spahn, würde ich Ihnen das Konzept gerne überreichen!«

Die Fans nutzen die Öffentlichkeit, so mancher spricht gar von einer »Guerilla-Aktion«, geräuschlos kann dieser Entwurf nun jedenfalls nicht mehr im Papierkorb landen. Helmut Spahn, zu diesem Zeitpunkt Sicherheitsbeauftragter des DFB, denkt auch gar nicht daran. Er liest die Papiere und ist erstaunt. Noch heute sagt er: »Im Konzept gab es erstmals eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema Pyrotechnik.«

Zwei Fakten gelten damals und tun es noch heute: 1. Pyrotechnik ist in deutschen Stadien verboten. 2. Pyrotechnik wird trotz modernster Sicherheitsvorkehrungen immer häufiger unkontrolliert gezündet. Sowohl für Spahn als auch für die Initiative ist dieser Zustand nicht tragbar.

Die Initiative schließt sich aus über 50 deutschen Ultragruppen zusammen und hat sich, schon das ist bemerkenswert, auf gemeinsame Grundsätze geeinigt. Sie distanziert sich von Böllerwürfen und Leuchtraketen. Sie sucht nach Möglichkeiten für ein kontrolliertes Abbrennen von Bengalos. Und das mit einem dicken Katalog von Einschränkungen: nur nach Genehmigung von Behörden, Feuerwehr, Verein, in festgelegten Bereichen, von befähigten Personen, in abgestimmter Anzahl und Zeitspanne. Diese sehr engen Grenzen würden den Einsatz von Pyrotechnik erlauben, mehrere unabhängige Gutachten werden das in der Folge bestätigen.

Helmut Spahn ist zu diesem Zeitpunkt für jegliche Idee offen. Seit 2006 ist der frühere Polizist Sicherheitsbeauftragter des Fußballbundes. Seither hat es Jahr für Jahr mehr Pyrotechnik in den Stadien gegeben, nach unzähligen Maßnahmen und Sicherheitskonferenzen hat sich bei ihm eine Erkenntnis durchgesetzt, die viele Polizisten und Sicherheitsbeauftragte teilen: »Mit den herkömmlichen Methoden bekommen wir das Problem nicht in den Griff, war die einhellige Meinung. Es wurden bereits viele Dinge ausprobiert. Mehr Ordnungsdienst, bessere Kameras, vor manchen Auswärtsblocks wurden Zelte aufgebaut, in denen sich Fans ausziehen mussten.« Doch selbst schärfsten Kamerabildern und penibelsten Ordnern rutscht Pyrotechnik durch, die mitunter in der Unterwäsche ins Stadion gebracht wird.

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