Der Ruf des Dresdener Auswärtsblocks hallt durch das Berliner Olympiastadion. Dann wird er von der Heimkurve erwidert. Minutenlang. Fans gegnerischer Teams stimmen gemeinsam einen Schlachtruf an. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Hannover, in Frankfurt, in Düsseldorf und in vielen anderen Kurven Deutschlands. Es ist ein Schmähgesang, und der Adressat ist immer derselbe: der Deutsche Fußball-Bund. Kein Spieltag der laufenden Spielzeit vergeht, an dem in den Fanblöcken nicht Transparente mit einer eindeutigen Botschaft gegen den DFB gezeigt werden.
Getreu dem Motto »Getrennt in den Farben, vereint in der Sache« machen Fangruppen Stimmung gegen den Verband. Die Abneigung gegen die Funktionäre aus der Otto-Fleck-Schneise ist nicht neu, eine solche Solidarisierung über alle Feindschaften hinweg hat der deutsche Fußball jedoch noch nicht gesehen. Die Fronten zwischen Fans und Verbänden sind verhärtet wie nie. Während Verbandsvertreter neue Maßnahmen und härtere Strafen ankündigen, reagieren Fans mit Protesten und Grenzübertritten, Politiker und Medien suchen in ihren Kommentaren die Extreme. Wie konnte sich der Konflikt so zuspitzen?
Helmut Spahn bewertet das Konzept als »seriös«
Alles beginnt mit einer Wortmeldung. Der Frankfurter Kongress »Feindbilder ins Abseits« am 12. Januar 2011 verzeichnet 300 Anmeldungen. Es sind Vertreter von Polizei, Fans, Verbänden und Vereinen anwesend. In der offenen Diskussionsrunde nimmt sich Anke Wiedenroth das Mikro. »Was wir brauchen, ist nicht nur die Bereitschaft, Gespräche zu führen.« Man müsse auch wirklich miteinander reden und sich auf Augenhöhe begegnen. Wiedenroth tritt als Sprecherin der Initiative »Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren« auf, in der Hand hält sie ein 12-seitiges Dossier über die Möglichkeiten eines kontrollierten Abbrennens von Pyrotechnik. Wiedenroth schließt ihre kurze Rede mit den Worten: »Und nun, Herr Spahn, würde ich Ihnen das Konzept gerne überreichen!«
Die Fans nutzen die Öffentlichkeit, so mancher spricht gar von einer »Guerilla-Aktion«, geräuschlos kann dieser Entwurf nun jedenfalls nicht mehr im Papierkorb landen. Helmut Spahn, zu diesem Zeitpunkt Sicherheitsbeauftragter des DFB, denkt auch gar nicht daran. Er liest die Papiere und ist erstaunt. Noch heute sagt er: »Im Konzept gab es erstmals eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema Pyrotechnik.«
Zwei Fakten gelten damals und tun es noch heute: 1. Pyrotechnik ist in deutschen Stadien verboten. 2. Pyrotechnik wird trotz modernster Sicherheitsvorkehrungen immer häufiger unkontrolliert gezündet. Sowohl für Spahn als auch für die Initiative ist dieser Zustand nicht tragbar.
Die Initiative schließt sich aus über 50 deutschen Ultragruppen zusammen und hat sich, schon das ist bemerkenswert, auf gemeinsame Grundsätze geeinigt. Sie distanziert sich von Böllerwürfen und Leuchtraketen. Sie sucht nach Möglichkeiten für ein kontrolliertes Abbrennen von Bengalos. Und das mit einem dicken Katalog von Einschränkungen: nur nach Genehmigung von Behörden, Feuerwehr, Verein, in festgelegten Bereichen, von befähigten Personen, in abgestimmter Anzahl und Zeitspanne. Diese sehr engen Grenzen würden den Einsatz von Pyrotechnik erlauben, mehrere unabhängige Gutachten werden das in der Folge bestätigen.
Helmut Spahn ist zu diesem Zeitpunkt für jegliche Idee offen. Seit 2006 ist der frühere Polizist Sicherheitsbeauftragter des Fußballbundes. Seither hat es Jahr für Jahr mehr Pyrotechnik in den Stadien gegeben, nach unzähligen Maßnahmen und Sicherheitskonferenzen hat sich bei ihm eine Erkenntnis durchgesetzt, die viele Polizisten und Sicherheitsbeauftragte teilen: »Mit den herkömmlichen Methoden bekommen wir das Problem nicht in den Griff, war die einhellige Meinung. Es wurden bereits viele Dinge ausprobiert. Mehr Ordnungsdienst, bessere Kameras, vor manchen Auswärtsblocks wurden Zelte aufgebaut, in denen sich Fans ausziehen mussten.« Doch selbst schärfsten Kamerabildern und penibelsten Ordnern rutscht Pyrotechnik durch, die mitunter in der Unterwäsche ins Stadion gebracht wird.
Chancen der Annäherung: DFB sendet positive Signale
Am 19. Mai 2011 kommt es in Frankfurt zum ersten Treffen zwischen der Initiative und dem DFB. »Es ging bei unseren Gesprächen nie um eine Legalisierung von Pyrotechnik, sondern um mögliche Pilotprojekte«, sagt Spahn. »Der kontrollierte Einsatz von Pyrotechnik muss in Einzelfällen geprüft werden, am Ende sind die Vereine in der Verantwortung.«
Über Sinn und Unsinn von Pyrotechnik, ihre Gefahren und ihren Beitrag zur Fankultur ist viel geredet worden, die Gegner haben berechtigte Zweifel. Um die heutige Situation verstehen zu können, muss man den Blick auf die Beteiligten der Gespräche werfen. Mit den Vertretern des DFB diskutieren keine vermummten Gewalttäter, sondern engagierte Fans aus verschiedenen Regionen und von verschiedenen Vereinen, vom Studenten oder Handwerker bis zum Bürokaufmann. Sie alle blenden die Animositäten zwischen rivalisierenden Szenen aus. Die moderaten Kräfte verbünden sich, begleitet vom Argwohn der Hardliner daheim, die das Fäusteheben dem Händereichen vorziehen.
»Ich hätte nie für möglich gehalten, dass sich Stuttgarter und Karlsruher zusammen an einen Tisch setzen«, erzählt Ronny Licht, ein Sprecher der Initiative. Doch nicht nur die Feindseligkeiten der Fanvertreter untereinander ruhen, sondern auch die Vorbehalte gegenüber dem DFB. »Die Gespräche wurden in einer solch angenehmen und sachlichen Atmosphäre geführt, wie ich es in meinen positivsten Vorstellungen nicht erwartet hätte«, sagt Helmut Spahn. »Vor allem hat mich überrascht, dass die Fans auch Grenzen und Zwänge des Verbandes ohne Vorbehalte anerkannt haben.«
Die Gesprächsbereitschaft des DFB wird in der Fanszene als positives Signal gewertet. Dabei geht es nicht nur um das Thema Pyrotechnik selbst, sondern um das Gefühl, endlich ernstgenommen zu werden. Es ist eine einzigartige Chance der Annäherung.
Am 7. Juli 2011 treffen sich Vertreter der Initiative und des Verbandes erneut in der DFB-Zentrale in Frankfurt. Es wird bei diesem Treffen erstaunlich konkret.
Um den Einfluss der Fans abschätzen zu können, regt Spahn einen Verzicht von Pyrotechnik an den ersten drei Spieltagen in erster und zweiter Bundesliga, Dritter Liga und Regionalliga sowie dem Pokalwochenende an. Die Fans stimmen zu. In einem internen Schreiben des Fußballbundes heißt es: »Im Erfolgsfall geht der DFB einen Schritt auf die Gruppierungen zu und ermöglicht im Rahmen von Einzelfallprüfungen unter bestimmten Voraussetzungen den kontrollierten Einsatz von Pyrotechnik.« Im Gesprächsprotokoll ist gar die Rede von einer Änderung der Sicherheitsrichtlinien und Straffreiheit bei genehmigtem Einsatz. »Das hieße, dass die Vereine selbst entscheiden können und nicht mehr den DFB fragen müssen«, sagt Ronny Licht. Es wird ein weiteres Treffen für September vereinbart. Der DFB beschließt auf einer Präsidiumssitzung am 19. August 2011 zudem, ein Rechtsgutachten einzuholen, um »die alles entscheidende rechtliche Frage zu klären«.
DFB räumt ein: »Vielleicht haben wir Fehler gemacht«
Über die Zahl der Vorfälle in der vereinbarten Testphase mit über einer Million Stadionbesuchern gehen die Meinungen auseinander. Licht sagt: »Es gab vielleicht acht Bengalos in sechs Wochen in ganz Deutschland, keine Böller, keine Leuchtspurgeschosse. Bei den Einzelfällen handelte es sich um Leute, die mit unserer Kampagne nichts zu tun hatten und die gar nicht wussten, worum es geht.« Der DFB zählt 21 Fälle und stellt fest: »Das von der Faninitiative angestrebte Ziel, in diesem Zeitraum vollständig auf das verbotene Abbrennen von Feuerwerk zu verzichten, wurde damit nachweislich verfehlt.« Dabei hatte Helmut Spahn eine gewisse Zahl an Vorfällen einkalkuliert: »Mir war klar, dass die Initiative nicht jeden Zuschauer der ersten Ligen kontrollieren kann. Deswegen waren die einzelnen Vorfälle für mich keine Überraschung. Wichtiger war mir, dass die Zahl der Vorfälle im genannten Zeitraum sehr stark zurückgegangen war.«
Streit um ein Gutachten: DFB veröffentlicht nur Auszüge
Damals löst die Mitteilung aus Frankfurt in den Fanszenen Enttäuschung und Wut aus. Man fühlt sich abgekanzelt. Ronny Licht und die anderen bekommen von den Hardlinern zu hören: »Was wollt ihr denn? Die verarschen uns doch nur!« In den kommenden Wochen brennt es in den Fanblöcken. Unrühmlicher Höhepunkt: Am 25. Oktober 2011 werfen Dresdner im Dortmunder Stadion Bengalos auf den Rasen und zünden Böller. Aktionen, von denen sich die Initiative klar distanziert hat. Auf der Tribüne zürnt Reinhard Rauball, Präsident des BVB und Vorsitzender der Deutschen Fußball Liga.
Acht Tage später, am 2. November 2011, erklärt der DFB in einer offiziellen Mitteilung die Pyrotechnik-Diskussion für beendet. Dort heißt es: »Bestätigt wird das Verbot durch ein vom DFB-Präsidium in Auftrag gegebenes unabhängiges Rechtsgutachten.« Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. In dem Gutachten von Volker Löhr steht auf Seite 4: »Der begrenzte Einsatz von Pyrotechnik in Fußballstadien ist nur unter folgenden einschränkenden Voraussetzungen möglich.« Es folgt jener Katalog, der in den Gesprächen von Spahn und den Fans ausgearbeitet worden war.
Weiter heißt es in dem Gutachten aber auch, dass der Einsatz von Pyrotechnik unter »DFB-verbandsinternem Erlaubnisvorbehalt« stehe. Mit anderen Worten: Der Verband als höchste Instanz hat das Recht, den Daumen zu heben oder zu senken. Dieser Erlaubnisvorbehalt mag begründet sein, den Fans wurde er nicht erklärt. Helmut Spahn sagt: »Zumindest hätte ich noch einmal versucht, den Entschluss zu erläutern. Ich kann die Entscheidung des DFB und der DFL letztendlich nachvollziehen, allerdings würde ich den Prozess dahin kritisch hinterfragen.«
Die Diskussion um Pyrotechnik ist damit allerdings keineswegs beendet, wie der DFB behauptet. Sie ist es auch nicht durch eine vom Verband angestrengte Umfrage mit grotesk anmutenden Suggestivfragen (»Pyrotechnik ist gefährlich. Sie ist schädlich für den Fußball und soll deshalb hart bestraft werden. Stimmen Sie dem zu?«). Sie fängt genaugenommen erst richtig an. Der brüske Abbruch der Gespräche macht fortan aus jeder brennenden Bengalfackel eine kleine Demonstration. Allein während des Pokalfinales 2012 zwischen Dortmund und Bayern werden unter den Objektiven mehrerer Dutzend Überwachungskameras mehr als 15 Bengalos gezündet. Der DFB ist Ausrichter des Spiels. Die Fackeln in den Fanblöcken gehen im Jubel um den rauschhaften Auftritt der Dortmunder noch unter. Wenige Tage später jedoch diskutiert ganz Deutschland über die Zustände in den Kurven. Die Vorfälle rund um das zweite Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC erzeugen einen medialen Furor, der die Fanszenen bis heute verstört.
Dass Hertha-Fans Bengalfackeln in den Innenraum werfen – unverantwortlich. Dass Düsseldorfer Fans vor dem Schlusspfiff das Spielfeld stürmen – selten dämlich. Dass aber ein friedlicher Platzsturm dazu führt, dass Sandra Maischberger von den »Taliban der Kurve« fabuliert, der Boxexperte Werner Schneyder bei den Ultras »faschistoide Versammlungsrituale« ausmacht und »Kicker«-Mann Rainer Franzke »Zustände wie im Bürgerkrieg« in den Fanblöcken diagnostiziert, verrät weniger über die Ultras als über die Ahnungslosigkeit, mit der in den Medien über Fankultur gesprochen wird. Zumal die öffentliche Erregung eine offenbar weniger wichtige Frage in den Hintergrund drängt. Nämlich die, ob es tatsächlich immer mehr Gewalt beim Fußball gibt.
Der übliche bayrische Law-and-Order-Katalog
In den vergangenen Monaten hat es genug schockierende Bilder und Meldungen gegeben. Leuchtraketen, Attacken auf unbeteiligte Fans auf der Autobahn, Angriffe auf Spieler – niemand bei gesundem Menschenverstand kann diese Aktionen tolerieren. In der Konsequenz werden allerdings jene durchgeknallten Einzeltäter, die oft keiner festen Fangruppe angehören, reflexartig den Ultragruppen zugeordnet.
Die Zentrale Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) hat die Zahlen für die vergangene Spielzeit noch nicht veröffentlicht, doch der Bericht der vorherigen Spielzeit widerspricht der These von der nahenden Apokalypse. Die Zahl der Strafverfahren: sinkend. Die Zahl der polizeilichen Einsatzstunden: sinkend. Es gab 2010/11 insgesamt 846 Verletzte (wobei hier die Ursache der Verletzungen nicht ausschließlich von Fans ausgehen muss). 846 Verletzte bei knapp 18 Millionen Besuchern in 612 Spielen. Zum Vergleich: Auf dem Münchner Oktoberfest 2011 mussten im Schnitt 600 Menschen medizinisch behandelt werden – pro Tag. Der Anstieg der Verletztenzahlen steht in Relation zu dem gewachsenen Zuschauerinteresse. Mittlerweile besuchen im Schnitt über 45 000 Zuschauer die Spiele, laut Statistik wird dabei im Mittel eine Person verletzt. Auch wenn jeder Verletzte einer zu viel ist, so kann von einer Zunahme der Gewalt keine Rede sein. Doch das ging in der Hysterie unter. »Es gibt eine Vielzahl von Vorfällen, die verhindert werden sollten. Aber die Situation ist bei weitem nicht so dramatisch, wie sie wahrgenommen wird«, bestätigt auch Helmut Spahn.
Nach den Relegationsspielen im Mai meldet sich erwartbar auch die Politik. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich rührt gleich am Allerheiligsten: »Den Erhalt der Stehplätze haben die Fans selbst in der Hand.« Auch Friedrich argumentiert nicht mit Statistiken, er gibt sich gefühlig. In einer ZDF-Reportage sagt er: »Ich bin einer, der früher auch in den Süd-, Nord- und Fankurven stand.« Der Rest ist der übliche bayrische Law-and-Order-Katalog. Elektronische Fußfesseln für Fans müssten »als Möglichkeit durchaus in Betracht« gezogen werden, sagt er.
Es ist der ideale Zeitpunkt für den CSU-Politiker, sich als starker Mann zu positionieren, glaubt Grünen-Politiker Miro Jennerjahn: »Das Innenministerium stand nach der NSU-Affäre in der Kritik und hatte aus konservativer Sicht ein überaus dankbares Thema, mit dem man sich wunderbar profilieren kann.« Helmut Spahn kennt solche populistischen Forderungen. »Andere Themen wie der Datenschutz sind medial nicht so transportabel. Wenn sich aber ein Politiker hinstellt und sagt: ›Die Gewalt im Fußball nimmt überhand‹, dann wird sein Name in der Zeitung gedruckt.« Wäre es da nicht die Aufgabe der Verbandsvertreter, die Diskussion zu versachlichen? Der Fanforscher Jonas Gabler sagt: »Die Verbände müssen sich im Klaren sein, dass sie auch Einfluss darauf haben, wie die Diskussion in den Medien geführt wird.« Der DFB als größter Sportverband der Welt mit seiner wirtschaftlichen Macht könne durchaus gegen Aussagen der Politiker opponieren. »Doch vielleicht will manch einer bei den Verbänden auch einfach den Druck und die Verantwortung weitergeben.«
Zehn Jahre Stadionverbot? »Schlag ins Gesicht der Fans!«
Am 17. Juli 2012 laden DFB und DFL Vereinsvertreter aus den ersten drei Ligen nach Berlin zu einer Sicherheitskonferenz. Innenminister Friedrich hat sich angekündigt und will von neuen Maßnahmen hören. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren Funktionäre die Einmischung von außen. »Es fühlt sich an, als müsse man zum Rapport«, sagt ein führender Verbandsvertreter. Hendrik Große Lefert, Spahns Nachfolger als DFB-Sicherheitsbeauftragter, sagt hingegen: »Wir mussten und wollten der Politik und den anderen Netzwerkpartnern ein Zeichen senden.«
Das bedeutet: Der Fußball will Einigkeit demonstrieren. Die Vereinsvertreter reisen an, um im Eilverfahren einen Verhaltenskodex zu unterzeichnen, den sie erst wenige Stunden zuvor per Mail erhalten haben. Allerdings schließt »der Fußball« in der Auffassung der Funktionäre die Fans nicht mit ein. Die sind nämlich beim Gipfel im Berliner Intercontinental Hotel unerwünscht. Reinhard Rauball, der Chef der DFL, sagt: »Heute saßen diejenigen zusammen, die für das, was passiert, auch geradestehen müssen.« 500 Meter weiter, im Palace-Hotel, haben die Fans deshalb eine Parallelveranstaltung organisiert. Sie hoffen, dass Verbands- oder Vereinsvertreter nach dem Gipfel vorbeikommen, um mit ihnen über die Ergebnisse zu reden. Zahlreiche Journalisten warten ebenfalls. Ob die Fans wüssten, worüber die Funktionäre diskutieren, fragt ein Reporter. Schulterzucken. Vielleicht eine Verschärfung der Stadionverbote? Nein, das schließen die Fans aus. Für solche Themen ist im Frühsommer 2012 mit den Verbänden extra die Gründung einer »AG Stadionverbotsrichtlinien« beschlossen worden, der sowohl DFB- als auch Fanvertreter angehören sollten. Die konstituierende Sitzung der AG ist für August angedacht.
Dann kommt die Pressemitteilung der Sicherheitskonferenz. »Gleichzeitig sind deutliche Verschärfungen in Bezug auf die Dauer von Stadionverboten vorgesehen – von bislang drei auf fünf Jahre, in besonders extremen Ausnahmefällen sogar zehn Jahre«, lesen die Fans schockiert.
Große Lefert beteuert, dass er die AG schon im Mai habe starten wollen, aufgrund der Terminenge der Fanvertreter habe man jedoch erst im August einen ersten Termin gefunden. Außerdem, so betonen Große Lefert und DFL-Vizepräsident Peter Peters, sei auf dem Gipfel nichts beschlossen worden. Es handele sich lediglich um Möglichkeiten. »Die Politik hat uns signalisiert, dass sie die Möglichkeit hat, stärker in den Fußball einzugreifen, als sie es bisher getan hat«, sagt Peters. »Deshalb muss es der Fußball schaffen, die Situation selbst in den Griff zu bekommen – Vereine, Verbände, aber auch die Fans selbst.«
Doch die Zahl »10« prangt am Tag nach dem Gipfel auf sämtlichen Sportseiten und hat verheerende Signalwirkung. Schließlich galt innerhalb der aktiven Fanszenen die Reduzierung der Stadionverbote von fünf auf drei Jahre im Jahr 2007 als einzig zählbarer Erfolg des Dialogs mit den Verbänden – diese soll nun aufgehoben werden. »Das war das falscheste Signal, das man senden konnte«, sagt Jonas Gabler. Fanvertreter sprechen von einem »Schlag ins Gesicht«. Der von ihnen angebotene Dialog wird nicht wahrgenommen, nur vier Vereinsvertreter besuchen die Fanveranstaltung, kein einziger von DFB oder DFL.
Unterstützung erhalten die Fans immerhin von einigen Klubs. Allen voran von Union Berlin, dem einzigen der 36 eingeladenen Vereine, der dem Sicherheitsgipfel ferngeblieben war. »Bei uns ist es üblich, dass wir über Dinge, die die Fanszene betreffen, zuerst mit dieser diskutieren«, sagt Präsident Dirk Zingler. Sämtliche Infos erhielten die Vereine allerdings erst am Vortag um 15 Uhr, eine eingehende Prüfung der Unterlagen war Union nicht möglich. Beim DFB heißt es heute, dass man sich auch ohne Absprache mit den Fans von Gewalt distanzieren kann. Zingler sagt dazu: »Dann müssen wir keinen Sicherheitsgipfel einberufen. Dann machen wir eine Pressekonferenz und sagen: ›Wir sind gegen Gewalt!‹« Beim Gipfel sei es hingegen um konkrete Maßnahmen gegangen. Zingler wertet die Konferenz als »symbolhafte Distanzierung, durch die sich die aktiven Fans noch weiter in die Enge getrieben fühlen«.
Der DFB gibt sich selbstkritisch: neuer Kurs bei Strafen
Ende September 2012. Alex Schulz, Christian Bieberstein, Ronny Licht und Anke Wiedenroth sitzen im Haus des Frankfurter Fanprojekts. Es befindet sich etwas versteckt in einem kleinen Waldstück, an den Wänden Graffiti, Aufkleber. Mainz-Fan Schulz ist Mitglied der Organisation »ProFans«, HSV-Anhänger Bieberstein ist Sprecher der Interessengemeinschaft »Unsere Kurve«, die Würzburg-Anhängerin Wiedenroth und der Chemnitz-Fan Licht vertreten die Pyro-Initiative. Sie nennen sich aktive Fans, sie sind Fußballanhänger, die jedes Wochenende in der Kurve stehen, die für Europacupspiele mit dem Zug nach Dnipropetrowsk oder Heidenheim fahren, die für die bunten Choreografien in den Stadien verantwortlich sind. Ja, es gebe auch heute noch einen Dialog mit dem DFB und der DFL, sagen sie, doch dieser sei nicht zufriedenstellend. Die Fans fühlen sich nicht verstanden, nicht von den Verbänden, nicht von den Vereinen, nicht von den Medien. »Wir befinden uns seit Jahren in einem Rückzugsgefecht. Es ist zermürbend«, sagt Bieberstein. »Bei uns werden immer mehr Stimmen laut, die keinen Sinn mehr in Gesprächen sehen«, sagt Schulz. Die Hardliner einiger Szenen sollen schon mehrmals ihr »finales Jahr« verkündet haben. Sie wollten sich eine letzte Saison lang richtig austoben. Ein Vorfall wie in Köln, als Fans mit Pyrotechnik eine riesige schwarze Rauchwolke produzierten, sei nur ein Vorgeschmack gewesen. Moderate Vertreter wie Schulz oder Bieberstein hielten sie im Zaum.
Dass sich der DFB bewegt, langsam zwar, aber immerhin, wird von den radikalen Kräften nicht mehr ernst genommen. Dabei gibt es insbesondere bei der Frage der Kollektivstrafen neue Perspektiven.
Seit geraumer Zeit verhängt der DFB nach Vorfällen Geldstrafen und Zuschauerausschlüsse. Die Mehrheit der Fans büßt für das Verschulden einiger Gewaltbereiter. Mit der Folge, dass sich Anhänger virtuelle Tickets kaufen und zu Tausenden vor den Stadien protestieren. Die »Geisterspiele«, also Partien von Dresden und Rostock ohne Fans, waren auf diese Weise ausverkauft und wurden zu »Anti-DFB-Mottopartys«. »Es ist richtig, Strafen auszusprechen. Sie müssen aber die Richtigen treffen. Kollektivstrafen führen allerdings dazu, dass die Falschen bestraft werden. Diese Sippenhaft hilft keinem«, befindet Kölns Präsident Werner Spinner.
Die Kriterien der DFB-Gerichtsbarkeit sind für Außenstehende schwer nachzuvollziehen. In der Satzungsordnung steht, dass man Platzsperren gegen einen Verein aussprechen kann, wenn die Situation »als schwerwiegend gewertet wird oder es sich um ein Wiederholungsvergehen handelt«. Sportanwalt Adam Piechnik sieht darin ein Problem: »Im Strafrecht wäre ein Paragraph unwirksam, wenn er zu weit auslegbar wäre.« Denn was heißt schwerwiegend? Ist eine Situation schwerwiegend, wenn Fans einen Platz wütend stürmen (Frankfurt) oder freudig über den Rasen rennen (Düsseldorf)?
»Früher wurden Urteile wenig flexibel gefällt. Davon wollen wir weg: Wir möchten den Katalog an Sanktionierungsmöglichkeiten erweitern« sagt der zuständige DFB-Vizepräsident Rainer Koch. »Bevor Platzsperren verhängt oder Geldstrafen ausgesprochen werden, kann man sich mit dem betreffenden Klub über eine kurzfristige Verbesserung seiner Sicherheitsmaßnahmen einigen. Zum Beispiel: Mehr Ordner oder bessere Kameras beim nächsten Spiel.« Ende September 2012, wenige Stunde vor einer DFL-Konferenz, räumt auch Helmut Sandrock Fehler ein: »Wir müssen selbstkritisch sein und sagen: Passen unsere Strafen, oder müssen wir da was ändern?« Die Ergebnisse dieser Konferenz werden später im Papier »Sicheres Stadionerlebnis« dokumentiert. Die DFL unterstreicht das Bestreben nach einer Strafenreform, allerdings zieht sie auch Maßnahmen in Erwägung, die bei der Fanszene auf Kritik stoßen. Zum Beispiel sollen Klubs Körperkontrollen der Fans in Containern durchführen. Bei Nichtumsetzung der Maßnahmen »kann dies bei Vorkommnissen bei der Strafzumessung durch das Sportgericht berücksichtigt werden und ggf. (...) angeordnet werden«, heißt es auf Seite 20 des Dokuments. Sportanwalt Piechnik befürchtet, dass die Vereine zu »Getriebenen der Verbandsstrafen« werden. Eine Ultragruppe sieht in den Vorschlägen »das Ende der Fankultur, wie wir sie bisher kannten«.
Die große Sorge vor englischen Verhältnissen
Klar ist: Es geht schon längst nicht mehr um Pyro, diese Fackel, die mittlerweile viel zu sehr zu einem Widerstandssymbol geworden ist, als dass man sich noch Hoffnungen auf eine Legalisierung machen würde. Es geht um die letzten sozialen Begegnungsräume im modernen Fußball, die Stehplätze. Es geht um die Angst vor englischen Verhältnissen in vollständig versitzplatzten und überwachten Stadien. Und schließlich geht es um eine Solidargemeinschaft »Der Fußball«, die auch die Fans mit einschließt, die sich im Gegenzug nicht hinter Parolen verschanzen. »Ein Plakat wie ›Fick dich, DFB‹ ist sicher nicht zielführend«, sagt auch Dirk Zingler. »Beide Seiten müssen verbal abrüsten.«
Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, wie Werner Spinner das Thema angeht, gab es doch zuletzt etliche Vorfälle im FC-Umfeld. Man dürfe den Dialog mit den Fans nicht abbrechen, sagt der Klubpräsident. Kurz vor seinem Amtsantritt besuchte er Kölner Ultras in ihrem Quartier. Er kam unangemeldet. Als sich die Tür öffnete, stand da ein verdutzter junger Mann. Spinner sagte: »Hallo, ich wollte mich mal vorstellen!« Der junge Mann sagte: »Hallo.« Dann drehte er sich um und rief: »Jungs, räumt mal auf, der Präses ist da!«
Es war der Anfang eines Dialogs auf Augenhöhe. Immerhin.