Hier geschockte Bayern und dort BVB-Spielern, denen der Trainer die Augen geöffnet hatte. Wer sich auf den Rängen schon damit abgefunden hatte, einem Irrtum aufgesessen zu sein, wurde nun angenehm überrascht. Die Partie nahm Fahrt auf und wurde hochklassig. »Wir haben in der Defensive vereinzelt nicht gut ausgesehen«, musste Heynckes hernach zugeben.
Ein »ekliger Ausgleichstreffer«
Dortmund drückte auf den Führungstreffer. Uli Hoeneß‘ Kopf dürfte in diesen Minuten die kräftig rote Farbe eines Weihnachtsmarktbratapfels angenommen haben? »Aber dann gehen wir kurz vom Gas und der FC Bayern ist da«, beschrieb Jürgen Klopp den Zeitpunkt, als das Spiel erneut in eine neue Phase eintrat. Auf deren Höhepunkt tanzte Kroos Hummels und Subotic aus und traf trocken zur Bayern-Führung.
Eben jener Toni Kroos blieb sieben Minuten später bei einem Dortmunder Eckball am Strafraum stehen, statt Mario Götze zu folgen, und hoffte, dass irgendeiner seiner Kollegen auftauchen würde, um Götze bei der Ballannahme und am Schuss zu hindern. Aber da war weit und breit niemand. Müller sprach von »einem ekligen Ausgleichstreffer«. Also wieder kein Bayern-Sieg gegen Dortmund? Die Münchner wehrten sich gegen das Stigma.
Wie ein Fußgänger auf der Autobahn
Als Neven Subotic in der 81. Spielminute vom Platz humpelte, musste sich Felipe Santana seiner warmen Kleidung entledigen – was die BVB-Abwehr instabiler machte. Es sei sehr kalt gewesen, entschuldigte der nach einer heißen Dusche wieder aufgetaute Brasilianer seine Integrationsprobleme auf dem Platz. Jürgen Klopp nahm den Abwehrspielerin in Schutz: »Wenn du da total kalt rein musst, kommst du dir vor, wie ein Fußgänger auf der Autobahn.«
Dafür war Roman Weidenfeller auf einmal richtig warmgeschossen. Selbst der gegnerische Trainer zeigte sich nach Spielende schwer beeindruckt von den Taten des Dortmunder Torhüters in der Schlussphase. »Ich weiß nicht, was passieren muss, dass dieser Junge endlich mal international spielt«, meinte Jupp Heynckes Richtung Jogi Löw.
Mit seinen Weidenfeller-Lachgrübchen nahm der Held des Abends all die Huldigungen entgegen und war wie die anderen Mitglieder der Dortmunder Delegation zufrieden mit dem Punkt, den man in München geholt hatte, auch wenn dadurch der Abstand zum Tabellenführer nicht kleiner wurde. »Die Bayern habe es wieder nicht geschafft, gegen uns zu gewinnen«, stellte er stolz und trotzig fest. Thomas Müller gab ein paar Meter weiter zu, dass das Remis schon ein bisschen schmerze. »Wir hätten sie heute schlagen können.«
Andererseits könne man auch gut mit dem Punkt gut leben. Roman Weidenfeller, der einzige Sieger an diesem Abend in der Münchner Allianz Arena, strotze vor lauter Selbstbewusstsein. »Der Herbstmeister ist gegessen, aber dafür kann man sich nichts kaufen. Die Meisterschaft«, fügte er mit einem Lächeln und einer geballten Ladung Testosteron im Köper hinzu. »ist weiter komplett offen.«