Als Mitte der ersten Halbzeit das vermeintliche »Spiel der Giganten«, das in 203 Länder übertragen wurde, zu einem gewöhnlichen Bundesligaspiel auf mäßigem Niveau zusammengeschrumpft war, musste man sich doch ein wenig über sich selbst wundern. Warum man nämlich an diesem frostigen Wintertag in fester Erwartung eines wahren Spektakels seinen Platz im Stadion eingenommen hatte.
Die Bayern würden mit einem Unentschieden den wohl einzigen echten Konkurrenten im Kampf um die Meisterschaft auf Distanz halten, und die Schwarz-Gelben ihrerseits könnten mit einem Remis beim dominierenden Bundesliga-Tabellenführer gesichtswahrend die Heimreise antreten – was also sprach für einen offenen Schlagabtausch, ein grandioses Fußballfest? Dass ein Thomas Müller angesichts der fünf zurückliegenden Niederlagen gegen diesen aufmüpfigen BVB vor der Partie behauptete, er und seine Mitspieler seien »bis zur Weißglut gereizt«? Oder war es die feste Überzeugung, die Dortmunder würden auch mal in der Bundesliga auf ihren Champions League-Modus umschalten, wenn der FC Bayern München der Gegner heißt?
Tatsächlich erweckten Müller und seine Teamkollegen nach Anpfiff nur kurz den Eindruck, als hätten sie Messer zwischen den Zähnen und würden wirklich auf eine Revanche brennen. Es dauerte zehn Minuten, dann hielten Klopps Männer den Gegner fortan vom BVB-Strafraum fern.
Zu viel Respekt?
Manuel Neuer wurde zur häufig gesuchten Anspielstation, was eigentlich alles über den hilflosen Spielaufbau des Rekordmeisters sagte und beinahe auch noch zum Führungstreffer der Dortmunder geführt hätte, als nämlich dem Münchner Keeper bei einem dieser Rückpässe der Ball über den Schlappen rutschte. Nicht einmal wirklich intensiv war das, was den fröstelnden Zuschauern auf dem beheizten Rasen in den ersten 45 Minuten gezeigt wurde, attraktiv schon gar nicht, bestenfalls taktisch interessant. Jupp Heynckes sprach später von einem Kontrollverlust nach zehn, 15 Minuten. Jürgen Klopp fand, dass »seine Jungs das richtig gut gemacht haben«.
Und während die Bayern-Spieler nach dem Halbzeitpfiff beim Gang zur Kabine am Physioraum vorbei mussten, in dem der schwer am Knie Verletzte Holger Badstuber lag, zeigte Klopp an der Taktiktafel seinen Leuten die freien Räume, die sie bislang übersehen hatten. »Vielleicht«, meinte Klopp nach dem Schlusspfiff, »hatten wir anfangs ein bisschen zu viel Respekt.« Roman Weidenfeller nutzte derweil die Gelegenheit, um die kurze, gegen eine lange Hose auszutauschen. Offensichtlich hatte auch er bei der Vorbereitung auf das Spitzenspiel mit mehr Arbeit gerechnet.
Der »eklige Ausgleichstreffer«
Hier geschockte Bayern und dort BVB-Spielern, denen der Trainer die Augen geöffnet hatte. Wer sich auf den Rängen schon damit abgefunden hatte, einem Irrtum aufgesessen zu sein, wurde nun angenehm überrascht. Die Partie nahm Fahrt auf und wurde hochklassig. »Wir haben in der Defensive vereinzelt nicht gut ausgesehen«, musste Heynckes hernach zugeben.
Ein »ekliger Ausgleichstreffer«
Dortmund drückte auf den Führungstreffer. Uli Hoeneß‘ Kopf dürfte in diesen Minuten die kräftig rote Farbe eines Weihnachtsmarktbratapfels angenommen haben? »Aber dann gehen wir kurz vom Gas und der FC Bayern ist da«, beschrieb Jürgen Klopp den Zeitpunkt, als das Spiel erneut in eine neue Phase eintrat. Auf deren Höhepunkt tanzte Kroos Hummels und Subotic aus und traf trocken zur Bayern-Führung.
Eben jener Toni Kroos blieb sieben Minuten später bei einem Dortmunder Eckball am Strafraum stehen, statt Mario Götze zu folgen, und hoffte, dass irgendeiner seiner Kollegen auftauchen würde, um Götze bei der Ballannahme und am Schuss zu hindern. Aber da war weit und breit niemand. Müller sprach von »einem ekligen Ausgleichstreffer«. Also wieder kein Bayern-Sieg gegen Dortmund? Die Münchner wehrten sich gegen das Stigma.
Wie ein Fußgänger auf der Autobahn
Als Neven Subotic in der 81. Spielminute vom Platz humpelte, musste sich Felipe Santana seiner warmen Kleidung entledigen – was die BVB-Abwehr instabiler machte. Es sei sehr kalt gewesen, entschuldigte der nach einer heißen Dusche wieder aufgetaute Brasilianer seine Integrationsprobleme auf dem Platz. Jürgen Klopp nahm den Abwehrspielerin in Schutz: »Wenn du da total kalt rein musst, kommst du dir vor, wie ein Fußgänger auf der Autobahn.«
Dafür war Roman Weidenfeller auf einmal richtig warmgeschossen. Selbst der gegnerische Trainer zeigte sich nach Spielende schwer beeindruckt von den Taten des Dortmunder Torhüters in der Schlussphase. »Ich weiß nicht, was passieren muss, dass dieser Junge endlich mal international spielt«, meinte Jupp Heynckes Richtung Jogi Löw.
Mit seinen Weidenfeller-Lachgrübchen nahm der Held des Abends all die Huldigungen entgegen und war wie die anderen Mitglieder der Dortmunder Delegation zufrieden mit dem Punkt, den man in München geholt hatte, auch wenn dadurch der Abstand zum Tabellenführer nicht kleiner wurde. »Die Bayern habe es wieder nicht geschafft, gegen uns zu gewinnen«, stellte er stolz und trotzig fest. Thomas Müller gab ein paar Meter weiter zu, dass das Remis schon ein bisschen schmerze. »Wir hätten sie heute schlagen können.«
Andererseits könne man auch gut mit dem Punkt gut leben. Roman Weidenfeller, der einzige Sieger an diesem Abend in der Münchner Allianz Arena, strotze vor lauter Selbstbewusstsein. »Der Herbstmeister ist gegessen, aber dafür kann man sich nichts kaufen. Die Meisterschaft«, fügte er mit einem Lächeln und einer geballten Ladung Testosteron im Köper hinzu. »ist weiter komplett offen.«