Warum Cottbus kaum Fans hat

Energie sparen

Kein ostdeutscher Fußballverein behauptet sich erfolgreicher in der Bundesliga als Energie Cottbus. Dennoch finden die Lausitzer keine Akzeptanz als Freibeuter des Ostens. Woran kann das das bloß liegen? Warum Cottbus kaum Fans hatImago Die Fassade bröckelt. Über den rissigen Balkonen hängen vergilbte Markisen, Wellblech schützt sie vor Wind, vor der Tristesse des Alltags. Hier im Cottbuser Stadtteil Sandow, wenige hundert Meter vom »Stadion der Freundschaft« entfernt, leben rund
16 000 Menschen. Der Altersdurchschnitt liegt bei über 47 Jahren, wer hier aufwächst, bricht nach der Schule auf in die Metropolen, nach Berlin, Leipzig, Dresden. Zurück bleiben die, die nicht mehr alleine reisen können, oder die, die kein Geld haben, um irgendwo neu anzufangen.

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Dass um die Ecke der FC Energie spielt, wissen sie alle, doch die meisten Sandower zucken mit den Schultern. »Ach, Fußball, interessiert mich nicht«, sagt eine ältere Frau. Doch dann erinnert sie sich an die letzte Saison, daran, dass Energie bereits vorm letzten Spieltag den Klassenerhalt schaffte. »Da war ich dann doch froh«, sagt sie und erzählt, dass sie auf dem Balkon stand und die jubelnden Fans beobachtete, die bis in die Nacht durch Sandow zogen.
Für Christian Beeck, der sechs Jahre hier spielte und heute als Sportdirektor beim 1. FC Union Berlin arbeitet, ist diese Haltung kein Dilemma, sie ist schlichtweg Cottbuser Realität: »Fußball hat in der Region einen ganz anderen Stellenwert. Priorität genießen die Familie und der Job, erst dann kommt der Fußball.« Deshalb dürfe man nicht den Fehler machen, Energie mit Klubs aus westdeutschen Großstädten gleichzusetzen oder das Fanpotenzial des Ruhrpotts als Blaupause zu verwenden.

Ein Vergleich mit anderen Ostvereinen wie etwa Dynamo Dresden hinkt ebenso, denn die Vergangenheit von Energie erzählt eine andere Geschichte als die des alten sozialistischen Vorzeigeklubs: 21 Jahre spielte Energie Cottbus in der DDR-Liga, sieben in der DDR-Oberliga, dort kam man aber nie über die Nebendarstellerrolle hinaus, auch weil die besten Spieler per Parteibeschluss stets an Dynamo Berlin abgegeben werden mussten. Nach der Wende dümpelte der Verein zunächst in der gesamtdeutschen Ober- und Regionalliga umher, bei den Spielen verirrten sich oft kaum mehr als 500 Zuschauer.

Angesichts der aktuellen Situation kann sich Ronny Gersch, Pressesprecher von Energie Cottbus, heute über diese Jahre, in denen sich der Verein fast in der Unsichtbarkeit auflöste, bestens amüsieren: »Als wir uns damals als Energie-Fans outeten, wurden wir regelrecht ausgelacht«, sagt er und lächelt mit einer Spur Schadenfreude. Wenn auch mit Eduard Geyer Mitte der 90er Jahre der sportliche Erfolg nach Cottbus kam, kämpft der Verein weiter mit seiner grauen Historie, mit der nicht vorhandenen Tradition und dem Mangel an »Kult-Potenzial«. Von einem solchen, von diesem undurchsichtigen Ding namens »Kult«, zehren die Vereine aus Leipzig, Dresden oder Magdeburg bis heute, auch wenn die sich schon seit Jahren nicht mehr auf Augenhöhe mit Energie bewegen.

Im Osten ruft der Name Energie Cottbus vielerorts nichts als ein gelangweiltes Gähnen hervor. Martin Teichmann vom Dynamo-Dresden-Fanklub »Tramp« etwa nennt den Klub die »ehemalige Fahrstuhlmannschaft, die man zu DDR-Oberliga-Zeiten ständig mit 6:0 oder 7:0 nach Hause geschickt hat«. Als goldenes Aushängeschild, das stellvertretend für den gesamten Osten glänzt, scheint Energie gänzlich ungeeignet: »Die Magdeburger, die Dresdner, die Leipziger – alle haben die Hoffnung, dass ihr eigenes Team wieder nach oben kommt. Was mit Energie passiert, ist nebensächlich«, sagt Teichmann.

Auch Wolfgang von der Burg, Sportredakteur der »Lausitzer Rundschau«, sieht Energie nicht als einigendes Band des Ostens, vielmehr als einen Strohhalm der Region selbst. In der Lausitz fängt der Name Energie allmählich an zu glänzen. Gerade in diesen erfolgreichen Zeiten, in denen Spieler wie Gerhard Tremmel den Schulterschluss mit den Fans an der Nordwand demonstrieren und Tomislav Piplica offen seine Liebe zur Stadt bekundet – in diesen Zeiten bröckelt die graue Fassade. In diesen Zeiten wirkt das Image des Vereins sowohl am pittoresken Cottbuser Altmarkt als auch im verwohnten Sandow wie eines aus den 90er Jahren. »Wenn sich die Spieler hier 100-prozentig mit dem Verein identifizieren und gleichzeitig der Erfolg da ist«, sagt der Exilant Christian Beeck, »dann kommen die Leute aus ihren Häusern, auch die, die sich nicht für Fußball interessieren. Und sagen dann fast schüchtern: Hier ist zwar nicht alles so bunt wie in den großen Städten. Aber unser Fußball –
der ist doch super!«



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