24.04.2012

Warum Castrop-Rauxel die Hertha rettet

Das New York des Ruhrpotts

Hertha BSC bezieht ab Mittwoch ein Mini-Trainingslager, um den Klassenerhalt zu schaffen – und zwar in Castrop-Rauxel. Unser Autor Ron Ulrich kommt »von da wech« und weiß: Es gibt keinen besseren Ort, um das Wunder zu schaffen.

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Otto Rehhagel, der große alte Spieler, zieht den letzten Joker. Hertha geht in ein Mini-Trainingslager nach Castrop-Rauxel. In ersten Meldungen gestern war die Rede davon, dass Hertha »in die Provinz« gehen würde. Das ist natürlich eine fatale Falschmeldung, unüberlegten Recherchen und bodenloser Unkenntnis geschuldet. Denn wie jeder weiß, ist die beliebte Castroper Kneipe »Provinz« seit Jahren geschlossen. Wenn überhaupt, dann kann Hertha ins »Rauxeler Stübchen« gehen, nicht in die »Provinz«.

Was weiß der geneigte Fußballfan über die Metropole an der Ruhr? Zu wenig. Fest steht aber: Wenn irgendwo auf dieser Welt doch noch der Grundstein für den Klassenerhalt gelegt werden kann, dann in Castrop-Rauxel, der Perle des Westens, dem New York des Ruhrpotts, der Schönheit vom Emscherstrand. Eine Stadt, von der schon Frank Sinatra sang: »If you make it there, you make it everywhere.« Fünf Gründe, warum Castrop-Rauxel die Hertha rettet.

1. Die Hälfte der Stadt steht hinter Hertha

Völlig ironiefrei hat man sich hier den Slogan verpasst: »Europastadt im Grünen«. Das Maß an Selbstüberschätzung passt perfekt zur Hertha. Der Glaube teilt zwar die Stadt, doch trotz der unterschiedlichen Konfessionen leben die Bewohner einträchtig zusammen – Schalker und Dortmunder versuchen, einander aus dem Weg zu gehen. Beim Gastspiel der Hertha in Gelsenkirchen wird also die Hälfte der Castrop-Rauxeler das Team unterstützen. Mehr, als in Berlin der Fall wäre.

2. Ein Vorbild für Berlin

Castrop-Rauxel war schon immer ein Vorbild für Berlin. Nicht umsonst nennen es manche St. Castropez, Bikini-Schönheiten und Szene-Snobs räkeln sich am Rhein-Herne-Kanal und nippen lasziv am Rotwein aus Tetra-Paks. Keine Frage, Berlin-Dahlem ist nur eine billige Kopie. Und auch sämtliche Hipster aus Berlin haben sich von Rentnern in Casrop-Rauxel ihren Look abgeschaut, die in Unterhemd, mit Hornbrille und farbenprächtiger Ballonseide durch die malerische Altstadt flanieren.

3. Der Geist von Goldschmieding

Im Hotel »Goldschmieding«, dem Hertha-Quartier, residierte bereits die Nationalmannschaft und die Klitschko-Bande. Feinste Technik, brachiale Härte – genau das, was Otto verlangt. Bei dem letzten Besuch der Nationalelf brachen allerdings einige Jugendliche in die Wohnwagen der ARD-Reporter ein und entwendeten Kühlboxen mit alkoholischen Getränken. Kein Grund zur Panik, galt so etwas in Castrop-Rauxel doch schon immer als Mundraub.

Es kann nur gut sein für die Berliner, wenn die Spieler von der alkoholischen Versorgung abgeschnitten sind. Denn auch die angesagteste Disco der Stadt, der »Isi Tanz-Treff«, ein Laden, der das P1 in München wie eine verkümmerte Bruchbude aussehen lässt, liegt einige Kilometer vom Hotel entfernt. Die Türsteher dort sind noch unberechenbarer als ihre Kollegen vor dem Berghain. Patrick Ebert wäre ohne Kontakte chancenlos.

4. Talentschmiede des deutschen Fußballs

Klaus Fichtel, Dieter Hecking, Wolfram Wuttke – die Liste der in Castrop-Rauxel ausgebildeten Kicker ist unendlich. Mit Christopher Nöthe, Marc-Andre Kruska und Michael Esser spielen allein drei gerade in der zweiten Liga. Wer hier geboren wird, der kommt an einer Karriere im Fußball nicht vorbei. So versuchte vor einigen Jahren ein der Redaktion namentlich bekannter Nachwuchsspieler sein Glück beim örtlichen Arbeitsamt. Er fragte, ob nicht eine Stelle als Fußballprofi frei sei. Seine Stärken: Er konnte den Ball tausendmal hochhalten – wenn auch mit zwischenzeitlichem Aufticken. Das ist das Selbstvertrauen dieser Stadt, das auf Hertha BSC abfärben wird.

5. Von Castrop lernen, das heißt siegen lernen

Zum Schluss die größte Gemeinsamkeit. Mit der Stadt Castrop-Rauxel verhält es sich so wie mit der Chance von Hertha auf den Klassenerhalt: Niemand glaubt, dass es sie wirklich gibt. Was die Bewohner auszeichnet, kann für Hertha maßgebend sein: Zusammenhalt und Maloche. Otto Rehhagel wird einen Spruch eines Castroper Jugendtrainers übernehmen und damit Hertha retten: »Männer, hinten löschen und vorne feuern.«

Und statt Frank Zander wird dann im Olympiastadion dieser Hit gespielt:

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