Warum Armin Veh vor dem HSV flüchtet

Das Chaos vor dem Sturm

Warum Armin Veh vor dem HSV flüchtetimago

Es hat zunächst etwas Aberwitziges. Der HSV geht im Orkan unter, doch die Steuermänner halten die Flagge hoch, als würden sie gerade an einem karibischen Strand von Deck gehen. Der Aufsichtsratsvorsitzende Ernst Otto Rieckhoff etwa spricht nach Bernd Hoffmanns Entmachtung von einem »Druck, der erstmal weg ist« und von »Klarheit«. Das mutet leger und frühlingshaft an. Dabei zeigt sich jene Klarheit bei genaueren Hinsehen als riesiges Puzzle: Bernd Hoffmann weg, Armin Veh weg, der Aufsichtsrat in der Kritik. Der neue Sportdirektor Frank Arnesen sitzt derweil in London und muss parallel zu seinem Job beim FC Chelsea einen neuen Trainer für den HSV suchen. Dazu noch Spieler, die orientierungs- und kopflos durch das Grau der Liga taumeln. Am Wochenende, so heißt es, werden sie in München Fußball spielen. Fußball! Wie unschuldig das hier klingt.

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Für die meisten war klar, dass es Bernd Hoffmann nach der Aufsichtsratswahl im Januar schwer haben würde, seine Position als Vorstandsvorsitzender zu behaupten. Vier Hoffmann-Kritiker wurden damals in den zwölfköpfigen Rat gewählt, und doch gab man sich strategisch und aufgeräumt. Eine klare Positionierung in der Personalie Hoffmann fand anfangs jedenfalls nicht statt. Wenig strategisch ist das, was dieser Tage passiert: Denn wieder einmal wurde eine wichtige Personalentscheidung des Klubs öffentlich gemacht, ohne dass eine Alternative zur Verfügung stünde. Dramatisch ist das vor dem Hintergrund, dass Bernd Hoffmann seinen Vertrag, der erst im Dezember 2011 ausläuft, eventuell gar nicht mehr erfüllen wird.

Armin Veh: »Ich muss dazu nicht viel sagen. Sie wissen es alle.«

In diesem Szenario trat nun auch Armin Veh vor die Presse und sprach zur aktuellen Situation des HSV: »Ich glaube dazu muss ich nicht viel sagen. Sie wissen es alle.« Wir wissen »es« alle. Nur leider spricht »es« niemand aus. All die HSV-Trainer der letzten Jahre verschwanden einfach, sie nahmen keine Stellung zu den Ereignissen, nannten keine wirklichen Gründe für ihr Ausscheiden. Huub Stevens schob im Frühjahr 2008 seine kranke Frau in den Niederlanden als Grund für sein vorzeitiges Ende in Hamburg und seine Rückkehr in die Heimat vor. Kurze Zeit später begann er ein Engagement bei Red Bull Salzburg. Martin Jol verkündete ein Jahr nach Stevens seinen Abschied nach Amsterdam, er sagte, es sei immer schon ein Traum gewesen, bei Ajax zu arbeiten. Bei Bruno Labbadia mehrten sich schon vor seiner Entlassung die Anzeichen, dass er ebenfalls freiwillig die Segel gestrichen hätte, wenn er nicht kurz vor Ende der Saison entlassen worden wäre. Und Ricardo Moniz, sein Interims-Nachfolger, blieb 17 Tage im Amt. Dann folgte er Dietmar Beiersdorfer nach Salzburg. Man musste nach all diesen Fluchten kein Hoffmann-Intimus sein, um zu erkennen: Irgendetwas ist faul in seinem Staate. Nur was? Auch Veh benennt »es« nicht.

Immerhin deutet er an. Er sagt: »Dieser Verein ist führungslos. Was hier passiert, habe ich noch nie erlebt. Das ist extrem gefährlich für den ganzen Klub. Wer jetzt glaubt, hier sei alles in Ordnung, der verkennt die Tatsachen.« Nun kann man natürlich kritisieren, dass der Trainer versuche, das eigene sportliche Scheitern auf die Entwicklung des Vereins zu schieben. Schließlich verwischen solche Aussagen den Fakt, dass der HSV nicht nur im Grau der Liga steht, sondern auch exakt so spielt: grau und bieder. Wohlgemerkt mit dem teuersten Kader der Vereinsgeschichte. Doch fernab der Frage, ob sich dieser Trainer so weit aus dem Fenster hätte lehnen dürfen, kann man zunächst einfach mal festhalten, dass in den letzten Jahren niemand so unverblümt und öffentlich Kritik an den Machtspielen in der HSV-Führungsetage übte wie Armin Veh.

Top 20 Europas? Der HSV ist nicht mal Top 5 in der Liga!

Natürlich liegt es auch am Trainer all diese vereinspolitische Diskussionen von seinen Spielern fernzuhalten, und natürlich beteuern alle sportlich Beteiligten, dass Interna Interna bleiben und die Leistung auf dem Platz nicht beeinflussen. Es sind Durchhalteparolen. Schönwettermachen, nennt man das. Denn wie schwer hing zuletzt die immer wieder geforderte »große Lösung« an den Beinen den Spieler, dazu der Lärm im Umfeld, das fast hysterische Schreien nach einem Titel jedweder Art oder der jahrelang präsente Hoffmannsche Ausspruch »Der HSV muss in die Top 20 Europas kommen«. Top 20 Europas! Dabei ist der Klub nicht mal dauerhaft Top 5 in der Bundesliga.

Armin Veh: »Es geht hier nicht mehr um Fußball«

Die Entschuldigung von eigenen Fehlern, aber auch diese stet Lücke zwischen Realität und Wunschdenken, die Herrschaftsansprüche der Führungsriege und die Ungeduld im Klub mögen Armin Veh dazu bewogen haben, noch einmal – auch wenn in Hamburg lässt jeder wusste, dass er in der kommenden Saison nicht mehr Trainer sein würde – nachzutreten.

»Es geht hier nicht mehr um Fußball«, sagte Armin Veh. Auch das wissen die meisten HSV-Fans seit vielen Jahren. Und doch rutschte das Jol, Stevens und Labbadia nie über die Lippen. Und vielleicht war es das, was Ernst Otto Rieckhoff mit »Klarheit« meinte. Und vielleicht ist dieser große Knall die Chance, nun endlich einmal richtig durchzukehren und »Neuanfang« nicht nur als Worthülse zu benutzen. Mit einem Vorstandsvorsitzenden, der auf Transparenz setzt und einem Trainer, der keine Zwischenlösung darstellt, sondern der Zeit bekommt. Wer den suchen wird? Der wird noch gesucht! Wer das sein wird, ist indes schon klar: Felix Magath, Robin Dutt, Ralf Rangnick, Michael Laudrup oder Stale Solbakken. Die Hamburger Presse hat ihre Wünsche formuliert. Voraussetzung wäre allerdings ein Bekenntnis zu einer Sache, in der der HSV einst ganz gut war: Fußball. 

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