Warten auf den Finalgegner

Deutschland siegt türkisch

Fünf Minuten vor Schluss schlugen die Comeback-Türken wieder zu und erzielten den Ausgleich. Doch auf Philipp Lahms 3:2 in der letzten Minute hatten sie keine Antwort mehr – Deutschland steht im Finale. Warten auf den FinalgegnerImago Die Deutschen sind wieder da. Die guten alten Deutschen, die sich mit Glück und Kampf durchmogeln, so wie gestern im EM-Halbfinale von Basel. In der letzten Spielminute schoss der Münchner Philipp Lahm das Tor zum 3:2 (1:1)-Sieg. Vor 39 000 Zuschauer im St. Jakob-Park zu Basel erreichte die deutsche Nationalmannschaft zum sechsten Mal bei einer Europameisterschaft das Endspiel. Gegner ist am Sonntag in Wien der Sieger des zweiten Halbfinales, das heute Spanien und Russland ausspielen.

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Die dramatische Schlussphase entschädigte für viel Leerlauf. In Minute 79 sahen die Deutschen wie der sichere Sieger aus, als Miroslav Klose zum 2:1 einköpfte. Doch die Türken kamen durch Semih Sentürk zurück – wieder einmal. Doch diesmal waren die Deutschen die besseren Türken: Als alles schon mit einer Verlängerung rechnete, schlug Philipp Lahm zu.

Vorbei war ein Spiel, aus dem die Deutschen nur das Ergebnis mitnehmen sollten. Über weite Strecken spielten sie so uninspiriert wie bei der 1:2-Niederlage gegen Kroatien in der Vorrunde. Lange Zeit fehlte die innere Spannung, die Fokussierung auf den Moment, in dem sich alles entscheiden würde. Selten hat man die deutschen Spieler so kraftlos gesehen, so ideenlos. Zum Beispiel Michael Ballack. Im Viertelfinale gegen Portugal war der Mann vom FC Chelsea noch überragend. Gestern trabte er hochmütig durch das Mittelfeld, spielte hier einen Fehlpass, verlor dort einen Zweikampf. Simon Rolfes, die Überraschung des Viertelfinales, war gestern eine einzige Fehlerquelle.

Selbst der spätere Matchwinner Philipp Lahm, bei dieser EM bislang die personifizierte Zuverlässigkeit, leistete sich auf der linken Seite rätselhafte Aussetzer. Schon nach ein paar Minuten spielte er den Ball unbedrängt auf den Fuß von Hamit Altintop, mit der er zwar beim FC Bayern, nicht aber in der Nationalmannschaft zusammenspielt. Mit einiger Mühe hielt Jens Lehmann Altintops Schuss. Kurz darauf wäre er machtlos gewesen, doch der Schuss von Kazim prallte von der Latte zurück. Dann spitzelte Sentürk den Ball knapp am Pfosten vorbei, nahm Rolfes in letzter Sekunde Akman den Ball vom Fuß. Die Türken erspielten sich ihre Chancen im Minutentakt und die Deutschen hatten Mühe, ihre Gedanken und Beine zu ordnen.

Aber irgendwann ist auch der größte Glücksvorrat aufgebraucht. Gestern war dies in der 22. Minute der Fall. Wieder einmal irrlichterten die Herren in Weiß durch den eigenen Strafraum, wieder traf Kazim die Latte, und wieder setzten die Deutschen nicht nach. Der Ball prallte zurück auf Ugur Boral, Arne Friedrich reklamierte eine Abseitsstellung und dachte gar nicht daran, den Türken beim Torschuss zu stören. Mit ein wenig Glück schob Boral den Ball Lehmann durch die Beine, und die Türken führten 1:0, völlig zu Recht.

Ausschließlich der vermeintliche Außenseiter, schwer vom Verletzungspech und Sperren gezeichnet, macht sich die Qualität dieses Halbfinales verdient. Es war dem Spiel der Türken kaum anzumerken, dass sie in dieser Formation noch nie zusammengespielt hatten. Sie hatten Spaß am Spiel, allen voran Hamit Altintop, der lang Zeit der beste Mann auf dem Platz war.

Die Deutschen hatten in der gesamten ersten Halbzeit nur eine einzige gute Szene. Es spricht immerhin für ihre Effizienz, dass sie daraus den Ausgleich machten. Hitzlsperger verlagerte das Spiel mit einem geschickten Pass auf den linken Flügel auf Podolski, der die Linie hinunter lief und scharf in die Mitte passte, ganz so, wie der das schon gegen Portugal getan hatte. Und wieder kam aus dem Hintergrund Bastian Schweinsteiger herangestürmt. Mit dem rechten Außenrist schlenzte er den Ball hoch ins rechte Eck.

Es war ein Tor wie aus dem Nichts, und die Türken steckten es so unbeeindruckt weg, dass es fast schon unheimlich war. Sie ließen den Ball wie im Training zirkulieren und trieben die Deutschen zeitweise wie Tanzbären über den Rasen. Bundestrainer Joachim Löw bekam an der Seitenlinie einen Wutanfall nach dem anderen und zeigte dabei sehr viel mehr Engagement und Leidenschaft als sein kickendes Personal.

Kurz vor der Pause verletzte sich Rolfes bei einem Zusammenstoß mit Akman am Kopf, zu seinem Glück, muss man fast schon sagen. Für ihn kam Torsten Frings in die Mannschaft, aber auch mit dem Bremer Antreiber wurde es nicht besser. Einmal reklamierten sie wütend einen Elfmeterpfiff, und in der Tat hatte Sarioglu den kleinen Lahm umgerannt, allerdings knapp außerhalb des Strafraums. Ja, es gab ein, zwei harmlose Torschüsse, nichts, was den türkischen Torhüter Rüstü in Gefahr hätte bringen können. Diese Gefahr verursachte er am Ende selbst, mit seinem völlig unmotivierten Ausflug an den Elfmeterpunkt nach Lahms Flanke. Klose war der einzige Deutsche im türkischen Strafraum, er sprang höher als Rüstü und drückte den Ball mit der Stirn ins Tor.

Das hätte elf Minuten vor Schluss zum Sieg reichen müssen, aber die deutsche Abwehr ließ sich kurz vor Schluss noch einmal übertölpeln. Sabrioglu spielte Lahm aus und flankte nach innen, Lehmann hatte schon die Arme ausgebreitet, aber dann spritzte Semih Sentürk dazwischen und erzielte sein drittes EM-Tor. Die Comeback-Türken waren wieder da, aber eben nur für fünf Minuten. Auf Lahms Siegtor in der Schlussminute hatten sie keine Antwort mehr.

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