War was?

Die Lehren der Euro 2012

Die 14. Europameisterschaft begründet keine neue Ära, sie geht als Turnier der Redundanzen in die Geschichte ein. Fast alle Spiele waren von Langeweile geprägt, taktische Innovationen Fehlanzeige und der neue Titelträger ist der alte. Selbst die Lehren dieser EM sind Binsen.

1.
Fußball ist keine Mathematik


Die Experten waren sich einig: Den Titel machen Deutschland oder Spanien unter sich aus. Das Team von Jogi Löw hatte allen Grund, an eine Revanche für 2008 und 2010 zu glauben. 16 Pflichtspiele ohne Niederlage. Ein variabler Kader, der über gut zwanzig Spieler mit Stammelfqualität verfügt. Dann die makellose Vorrunde gegen honorige Gegner. Mutig stellte der Bundestrainer im Viertelfinale um. Auch diese Elf erfüllte pflichtergeben ihre Aufgabe. Getreu dem Motto des A-Team-Bosses Hannibal – »Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert« – ging Löw auf dem nächsthöheren Level wieder mit Chuzpe ins Spiel. Blind vertraute er seinen Leuten, erging sich im Mantra der Siegesgewissheit (»Wir sind stark genug…«) und setzte auf die erprobte Überraschungstaktik.
Doch Menschen sind keine Computer, auch wenn Journalisten von deutschen Profis gerne das Gegenteil behaupten. Der zuverlässige Mats Hummels drehte sich gegen Antonio Cassano ein einziges Mal zu langsam ein. Dann spielte Ricardo Montolivo einen Steilpass für die Ewigkeit. Beide Male kam Instinktfußballer Mario Balotelli an den Ball. Und der machte das, was sonst angeblich deutsche Spieler am zuverlässigsten machen: seinen Job. Na und? Es gibt solche Tage. Trösten wir uns damit, dass die DFB-Elf auf diese Weise wenigstens für die größte Überraschung in der ansonsten spannungsarmen KO-Runde sorgte.



2.
Der Heimvorteil ist Legende

Von UEFA-Präsident Michel Platini heißt es, ihm läge immer noch viel am Spiel. Nun wurde das wichtigste Turnier des europäischen Verband das zweite Mal in Folge in Ländern ausgetragen, denen es offenbar an fußballerischer Qualität fehlt. Die Gastgeberländer verwenden scheinbar zu viel Energie darauf, für die vor der UEFA geforderte Infrastruktur, die Erfüllung der strengen Auflagen und die nötige Sicherheit zu sorgen, dass die sportliche Vorbereitung dabei in Vergessenheit gerät. Das kann Platini nicht schmecken. Zumal die Wiedererkennbarkeit des Turnierortes durch die globalisierte Stadionarchitektur und das einheitliche Sponsorenbranding ohnehin bis zur Unkenntlichkeit eingeschränkt ist. Der Strukturwandel schlägt sich auch auf den Rängen nieder. Man kann nur mutmaßen, dass ein polnisches Team ein übereventisiertes Eröffnungsmatch im Warschauer Stadion nur noch schemenhaft als echtes Heimspiel wahrnimmt.
Dabei – das wissen wir seit 2006 – kann der Schwung eines Auftaktmatches jeder Heimmanschaft Flügel wachsen lassen. So aber war die EM wie vor vier Jahren, als sich die Schweiz und Österreich ohne Sieg verabschiedeten, nach nur zehn Tagen ein Turnier in der Diaspora. Damit es dennoch stimmungsvoll blieb, verschob die UEFA-Regie nach Gutdünken Stadionbilder durch die Live-Übertragung. Platini denkt nun darüber nach, die Euro auf zwölf europäische Großstädte auszubreiten. So fragwürdig der Vorschlag auf den ersten Blick wirkt, er ist wenigstens ein ehrliches Bekenntnis zur kommerziellen Orientierung der UEFA, der zumindest die fragwürdigen Vergaberituale an Ausrichterländer zukünftig überflüssig machen würde.

3.
Der Richter vor den Henker


Selten hat sich eine Regelverfeinerung als derart hanebüchener Unsinn erwiesen, wie die Einführung des Torrichters. Der »Torklau von Donezk« hat gezeigt, dass es Geschwindigkeiten gibt, die das menschliche Auge nicht erkennen kann. Jedenfalls ist es dem ungarischem Torrichter Istvan Fad aus knapp zwei Meter Entfernung nicht gelungen zu sehen, das der Ball des Ukrainers Marko Devic die Linie des englischen Tors in vollem Umfang überschritten hatte. Die Tatsachenentscheidung ist der heilige Gral des Schiedrichterwesens, alle Macht dem Mann in Schwarz, damit dem Stammtisch nie der Gesprächsstoff ausgeht und die Authentizität des Spiels im Ursprung erhalten bleibt.
Die Funktionäre fürchten, der Chip im Ball, die böse Technik, könnte den Fußball seines archaischen Charakters berauben. Aber ist es einem Menschen zuzumuten, 90 Minuten darauf zu warten, dass ein Ball eine mathematisch höchst unwahrscheinliche Kollision mit Latte oder Pfosten erfährt und dann in einem eigenwilligen Bogen in der Luft über der Torlinie oszilliert? Wenn die Fußballverbände keinen digitalen Beweis wollen, sollten sie dazu stehen – wie seit jeher im Regelwerk vorgesehen – die Entscheidungsgewalt beim Schiedsrichter zu belassen. Bei dem gehört das Fehlurteil ja ohnehin zum Berufsrisiko. Beim Torrichter zweifelsfrei nicht.

4.
Verlieren will gelernt sein


Wir Deutsche beömmeln uns gerne über Gary Linekers Definition von Fußball und den 22 Spielern. Leider vergeht uns schnell das Lachen, wenn es mal anders ausgeht. Dabei hatten die grausigen Niederlagen der frühen nuller Jahre den Deutschen vermeintlich Demut gelehrt. Nichts trauten sie im Vorfeld der WM 2006 ihrer Mannschaft noch zu. Und als das Klinsmann-Team nach einem aufrüttelnden Turnier mit vielen schönen Momenten im Halbfinale gegen Italien ausschied, zeigten sie sich als faire Verlierer, freuten sich, dass sie gute Gastgeber gewesen waren und den Besuchern eine fröhliche WM beschert hatten. Tausende strömten damals vom »Public Viewing« am Reichstag nach Hause, still und freilich auch traurig übers Ausscheiden. Und doch überzeugt, dass Italien an diesem Abend in 120 Minuten die bessere Mannschaft gewesen war. Das schöne, erfolgreiche Spiel von sechs Jahren Löw-Ära aber hat Begehrlichkeiten geweckt.

Der Mob plappert nun in jedem Forum wütend die Spielerfloskel nach, dass man sich »an Titeln messen« lasse müsse. Die Ungeduld ist zurück und auch die Missgunst. Der italienischstämmige Tagesthemen-Sprecher muss sich entschuldigen, weil er angeblich in der Halbzeit-Sendung des Spiels gelächelt hat. Was sind das für Leute, die solche Beschwerden mailen? Gruselig. Warum fällt es 2012 vielen wieder so schwer zu akzeptieren, dass Italien cleverer gespielt hat und einige DFB-Recken einen schlechten Tag erwischt haben? Statt dessen wird die Integrität des französischen Schiedsrichters in Zweifel gezogen, die Zurechnungs- und Leistungsfähigkeit von erfahrenen Profis wie Schweinsteiger, Podolski und Gomez angezweifelt und schließlich sogar die Arbeit des eben noch hochgelobten Bundestrainers in Frage gestellt. Eines Mannes, der 90 Minuten vor dem Halbfinalaus im Handstreich von einer Mehrheit der Deutschen gleichzeitig zum Kanzler, zum Moderator von »Wetten, dass…?« und Chef der Bundesbank bestimmt worden wäre. Ganz zu schweigen davon, dass auch die neckische Siegerpose des exzentrischen Mario Balotelli – ein leider selten gewordenes Stilmittel auf den Sportplätzen dieser Welt, übrigens zuletzt eindrucksvoll von Andi Möller bei der Euro 1996 angewandt – zur Drohgebärde überhöht und als Kriegserklärung des vermeintlichen EU-Versagers Italien umgedeutet wurde.
Wahrer Stil zeigt sich in der Niederlage. Die Selbstironie eines Gary Lineker hätte ein Deutscher wohl nie aufgebracht.

5.
Der Star ist die Mannschaft


Melancholie umgab die rote Furie in der Vorrunde. Ihr »Tiki-Taka« schien zum Selbstzweck verkommen, das blasse Abziehbild einer einst so leidenschaftlich harmonierenden Equipe. Glanzlos wurde Frankreich nach Hause geschickt. Gegen Portugal im Halbfinale würgte sich der Weltmeister ins Elfmeterschießen und erreichte nur mit Glück das Finale. Und dann? Im Angesicht des Pokals erwachte der spanische Riese aus seiner Lethargie. Er unterzog die selbstbewusste italienische Ausgehuniform einer porentiefen Grundreinigung und klemmte sie schon Minuten vor dem Abpfiff in der lauen Finalnacht von Kiew zum Trocknen auf die Leine. Iniesta, Xavi, Xabi Alonso, David Silva – diese Begnadeten – drei Wochen lang haben sie uns an der Nase herum geführt. Immer wieder riefen Leute: »Jetzt haben wir gesehen, dass Spanien zu schlagen ist.« Nichts haben wir! Im Endspiel hat die Mannschaft von Vicente del Bosque bewiesen, dass sie kein Jota ihrer Poesie, ihrer Eleganz, aber auch ihrer Kaltblütigkeit eingebüßt hat.
Dieses Team ist wie ein schrilles Ölgemälde, das an manchen Tagen düster und nachdenklich, an anderen lebensfroh und leidenschaftlich wirkt, je nach Zustand des Betrachters. Und doch ist es nur zeitlos schön, unveränderlich und alles ist an seinem Ort, so wie vom Maler festgelegt. Kein Team – auch die Deutschen nicht – hätte nur den Hauch einer Chance gehabt, sie zu besiegen. Der Star dieser Euro ist – wieder mal – Spanien.

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