Walter Seinsch, der Macher beim FC Augsburg

Spaziergang in die Bundesliga

Wenn seine Mannschaft spielt, geht Walter Seinsch durch den Wald. Doch der lange Aufstieg des Bundesliganeulings FC Augsburg wäre ohen den Präsidenten des Klubs nicht möglich gewesen. In 11FREUNDE #115 stellen wir ihn vor. Walter Seinsch, der Macher beim FC AugsburgCarsten Behler
Heft#115 06/2011
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Im Garten des Hauses von Walther Seinsch steht ein Buddha aus Stein so deutlich am Ende des perfekt gepflegten Rasens platziert, dass man ihn für ein Bekenntnis halten könnte. »Den habe ich aus dem Gartencenter«, ruft der Präsident des FC Augsburg von der Küche herüber und kommt mit dem Kaffee zurück ins Wohnzimmer, das die Größe einer Schulturnhalle hat. Kunstbände und Reisebücher stehen in den Regalen, eine beeindruckende Fensterfront geht zum Garten hinaus. Als Seinsch sich setzt, sagt er, dass ihm an der buddhistischen Weltanschauung einiges gefällt. Er sagt das so betont beiläufig, als wolle er darüber nicht reden. Und die sanfte Stimme des 69-Jährigen täuscht nicht darüber hinweg, dass er es gewohnt ist, sich und seinen Willen durchzusetzen.

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Das war schon früh so, als er mit 14 Jahren die Schule verließ, eine Lehre als Steuerberater begann und bereits zwei Nebenjobs hatte. Später kämpfte Seinsch sich zum Manager bei Kaufhof hoch und gründete schließlich die beiden Textilmarktketten Takko und Kik. 1997 verkaufte er sie, um in einen Ruhestand zu gehen, der natürlich keiner werden sollte. Denn Seinsch kümmert sich nun noch mehr um seine neun Kinder, von denen sechs adoptiert sind. Er engagierte sich zwischenzeitlich politisch und gründete zudem die Stiftung »Gegen Vergessen. Für Demokratie«, die Forschungsarbeiten über den Nationalsozialismus unterstützt. Nicht zuletzt suchte er aber einen Verein, um seiner Fußballbegeisterung eine Heimat zu geben.

Einzelgänger, die ihre Klubs erst groß machten

In der Geschichte der Bundesliga hat es immer wieder Männer gegeben, die alleine Klubs groß machten. Klaus Steilmann, wie Seinsch ein Textilunternehmer, bei Wattenscheid 09, der legendäre Jean Löring bei Fortuna Köln oder zuletzt Dietmar Hopp in Hoffenheim. Doch bei Seinsch liegt der Fall trotz einiger Parallelen anders. Als sich zur Jahrtausendwende herumgesprochen hatte, dass in Lindau am Bodensee, wo er damals vor allem lebte, ein so fußballverrückter wie wohlhabender Mann gerne bei einem Klub einsteigen würde, verstanden die Bittsteller zumeist nicht, dass dieser mehr wollte, als einfach nur geplünderte Kassen aufzufüllen.

»Er ist ein Visionär und als klassischer Unternehmer zugleich knochentrocken«, sagt Augsburgs Manager Andreas Rettig. Wer Seinsch in seinem pinkfarbenen Polohemd und weißen Turnschuhen für einen erfolgreichen Macher hält, der es mit zunehmendem Alter etwas lockerer angehen lässt und sein Golfhandicap verbessern will, der täuscht sich. Seinsch ist auch keiner dieser Männer, die sich einen Fußballklub als Spielzeug halten, damit Geselligkeit erkaufen oder zur Befriedigung der persönlichen Eitelkeit leisten. »Ich habe mein Ego schon in früheren Zeiten befriedigt«, sagte er.

Seinsch bekommt leuchtende Augen: »Liverpool!«

Was ihn am Fußball wirklich fasziniert, liegt zunächst vor allem den Gefühlen vieler normaler Fans verblüffend nahe. Man merkt das etwa, wenn Seinsch voller Begeisterung von einem Traum zu erzählen beginnt, den er kürzlich in der Stadionzeitung beschrieben hat. Er handelt von einem Europapokalspiel des FC Augsburg, bei dem er von 20 000 Fans begleitet wird, die jede Aktion des Teams auf dem Platz bejubeln und mit der Anfeuerung nicht aufhören, obwohl es zur Pause mit 0:3 zurückliegt. Mit dieser Unterstützung schafft die Mannschaft in der zweiten Halbzeit die Wende und gewinnt noch 4:3. »Sie wissen schon, worauf ich mich da bezogen habe«, sagt Seinsch mit leuchtenden Augen und gibt die Antwort gleich selbst: »Liverpool!« Die Engländer gewannen gegen den AC Mailand vor sechs Jahren das Finale der Champions League und feierten eines der größten Comebacks der Fußballgeschichte auch deshalb, weil ihre Fans nie den Glauben daran verloren.
Doch die Fußballträume des Walther Seinsch enden nicht hier, beim Spiel und seinen Mythen. »Es macht ja gerade der Begriff ›Sozialromantiker‹ die Runde, aber Seinsch ist wirklich einer«, sagt Walter Sianos. Den Fanbeauftragten hat Seinsch in den Aufsichtsrat des FCA geholt, weil er fand, dort sollte ein Vertreter der Anhängerschaft sitzen. »Gerade die Fans, die lange dabei sind, lieben ihn«, sagt Sianos. Sie haben ihn oft genug als deftig volksnahen Präsidenten zum Anfassen erlebt und können sich daran erinnern, dass Seinsch beim FCA nicht zuletzt deshalb einstieg, weil dort ein »Fußball gegen Rassismus«-Transparent am Zaun hing.

»Wir müssen das Positive, Menschliche und Soziale, das der Fußball mit sich bringt, so weit wie möglich erhalten«, sagt Seinsch, und das führt bei ihm zu mitunter verblüffenden Haltungen. Die Proteste gegen Montagsspiele in der zweiten Liga kritisiert er als egoistisch, weil doch sonst nicht Hunderttausende die Spiele im Free-TV sehen könnten. Andererseits hat er neulich bei einem Treffen mit Fans die Einrichtung einer Sozialkasse für jene vorgeschlagen, die unter Hartz IV fallen und plötzlich nicht mehr genug Geld für eine Eintrittskarte haben. »Ich fand die Idee toll, der Verein hätte sogar etwas dazugetan, aber sie hatte null Resonanz«, sagt Seinsch.
Er denkt eher sozialpraktisch als sozialromantisch und beschwört kein Fußballidyll: »Fast das ganze Leben ist Kommerz, und wir sind es auch. Wer das nicht akzeptieren will, muss zu Schwaben Augsburg gehen, aber die spielen eben in der Landesliga.«

50 Stunden in der Woche für ein neues Stadion

Manager Andreas Rettig hat oft genug erlebt, wie grantig Seinsch werden kann, wenn auf der Geschäftsstelle des Klubs zu viel Papier verbraucht wird oder die Putzfrau zu oft kommt. Saniert hat er den FC Augsburg nicht durch großzügige Alimente, sondern klassisch unternehmerisch. Seinsch stieg im Januar 2000 erst ein, nachdem der mit vier Millionen Euro überschuldete Verein aus finanziellen Gründen keine Lizenz bekam und in die vierte Liga abgestiegen war. Dann setzte er bei den Gläubigern zunächst einen massiven Schuldenerlass durch und brachte anschließend vor allem seine Arbeitskraft ein. In den ersten Jahren waren das oft mehr als 50 Stunden in der Woche, in denen es vor allem darum ging, den Bau eines neuen Stadions durchzusetzen.



Dabei hat der ehemalige Unternehmer sein finanzielles Engagement beim Klub bewusst als Investment angelegt. Zum Bau der vor zwei Jahren eröffneten Arena steuerten er und eine Gruppe von sechs Investoren, deren Namen er bis heute verschweigt, rund 25 der insgesamt 47 Millionen Euro Baukosten bei. Über die Jahre muss der Klub das über die Stadionmiete zurückzahlen. Die Höhe hängt von der Liga ab, um die sportliche Leistungsfähigkeit nicht zu schmälern. Auch die Investitionen in die Mannschaft kommen laut Seinsch teilweise aus dem Pool dieser Investoren. »Wie es nicht anders sein kann, ist im Laufe der Jahre viel mehr Geld geflossen, als eigentlich geplant war. Aber wenn man einmal den Fuß in der Tür hat, kann man nicht zurückziehen, sonst ist das Geld futsch«, sagt er.

Seinsch gründete KiK – heute Musterbeispiele für Lohndumping

Manchmal macht es den Eindruck, als würde Seinsch das kühl Geschäftsmäßige überbetonen und seine Rolle beim Aufstieg des FC Augsburg bewusst herunterspielen. Und immer hört man dabei die Stimme des Unternehmertums der alten Bundesrepublik durch, in der Fleiß und demonstrative Bescheidenheit wichtig waren und Sozialpartnerschaft noch nicht ungebremstem Liberalismus Platz gemacht hatte. Daher ist es eine seltsame Ironie, dass gerade jene KiK-Textilmärkte, die Seinsch einst gründete, heute als Musterbeispiel für Lohndumping und Arbeitnehmerfeindlichkeit gelten: »Es ärgert mich schon, dass es diese Dinge gibt, denn ich habe es nicht so gemacht«, sagt er. Beim FC Augsburg ist der respektvolle Umgang miteinander sogar in einem Ehrenkodex festgelegt, den vor jeder Saison alle Mitarbeiter unterschreiben müssen. Auch der Präsident, der ihn selbst formuliert hat. Demnach ist niemandem erlaubt, sich in der Öffentlichkeit schlecht über Personen oder Entscheidungen beim Klub zu äußern.

All das macht es noch tragischer, dass Seinsch gerade in der erfolgreichsten Spielzeit der Vereinsgeschichte kein Spiel des FC Augsburg live im Stadion hat sehen können. Bei Anpfiff geht er entweder spazieren oder versucht sich im Arbeitszimmer abzulenken. Das hatte sich schon vor Jahren angedeutet. »Bei entscheidenden Spielen hat er bestenfalls eine Halbzeit geschafft«, sagt der Fanbeauftragte Sianos, dann sei der Präsident und Vorstandsvorsitzende von der Tribüne gestürmt und aufgeregt vor dem Stadion herumgetigert. Doch was damals noch wie eine lustige Schrulle wirkte, war der Vorbote einer gravierenden Erkrankung.

»Meine Batterie war leer«

Im Sommer letzten Jahres machte Seinsch öffentlich, dass er unter Depressionen leidet. Er legte daraufhin sein Mandat im Augsburger Stadtrat nieder und zog sich nach Münster zurück. »Meine Batterie war leer, auf einmal ging gar nichts mehr«, sagt er. Die Depression sei in seinem Fall »durch einen Mix von 45 Jahren extremer beruflicher Anspannung und Kindheitserlebnissen« ausgelöst worden. Viel mehr möchte Seinsch dazu nicht sagen, aber die jahrzehntelange, manische Arbeit hatte auch damit zu tun, dass er mit aller Macht aus den in jeder Hinsicht beengten und beengenden Verhältnissen seines Elternhauses entfliehen wollte. Im Boom der Nachkriegszeit drängte sich die Familie nicht nur zu viert in einem Raum, der Vater war dem Sohn auch noch unerträglich: »Er war Nazi, auch nach dem Krieg noch.«
Vor diesem Hintergrund klingt es auch noch einmal anders, wenn Seinsch das Stadion des FC Augsburg als »Friedensarena« beschreibt, »für Protestanten, Katholiken, Atheisten, Klein und Groß, Schwarz und Weiß, Mann und Weib«. Nur er selbst hat dort seit dem Ausbruch der Depression seinen Frieden noch nicht wiedergefunden. »Es zieht mich ins Stadion«, sagt er, aber noch ist die Belastung zu groß, wenn es wirklich um etwas geht.

So sieht man Seinsch beim Fußball derzeit nur auf Regionalligaplätzen, wo er sich in Absprache mit Trainer und Manager nach talentierten Spielern umschaut. »Weder gehöre ich zu den Erfindern des Fußballs noch habe ich gar keine Ahnung«, sagt Seinsch über seine Fähigkeiten als Scout, und plötzlich klingt doch der fast kindliche Stolz eines Fans durch, den die Protagonisten des Spiels ernst nehmen. Die Ergebnisse bespricht er mit Trainer Jos Luhukay und Manager Andreas Rettig am Kaffeetisch in Münster – unter den Augen des Buddhas aus dem Gartencenter.

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