Waldhöfer Fusions-Träume

Um Kopf und Kragen

Mario Nöll war angetreten, den SV Waldhof Mannheim zu alter Größe zu führen. Dann verscherzte er es sich mit Dietmar Hopp, dem wichtigsten Gönner des Klubs. Es geht um angebliche Versprechen und eine gescheiterte Fusion. Waldhöfer Fusions-TräumeChristoph Buckstegen
Heft #91 06/2009
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Fußball ist nicht gleich Fußball, und manchmal verdichtet sich diese Erkenntnis in einem einzigen Bild. So ging es Andreas Laib, Geschäftsführer des SV Waldhof Mannheim, am Morgen des 25. Januar. Am Abend vorher war er bei der Stadioneröffnung in Sinsheim gewesen, »mit einem Feuerwerk, das wahrscheinlich teurer war als unser ganzer Jahresetat«. Als er nun auf das in die Jahre gekommene Klubgelände der Waldhöfer am Alsenweg kam und über die verschneiten Trainingsplätze blickte, da wurde ihm mit einem Schlag der Unterschied klar zwischen der TSG Hoffenheim, der neuen Nobeladresse des deutschen Fußballs, und dem einst stolzen Traditionsverein Waldhof, der seit Jahren ums Überleben kämpft. Es war das Gefühl, dass die Geschichte einen Lauf genommen hat, der wohl unumkehrbar ist. »Wir müssen weg von dem Gedanken, dass Waldhof Mannheim in die Erste oder Zweite Liga gehört«, sagt Laib deshalb. »Die Fußball-Landschaft hat sich seit 1983 gewaltig verändert.«

1983, das war das Jahr, als der SV Waldhof als 36. Verein in die Fußball-Bundesliga aufstieg. Sieben Jahre lang mischten die Waldhöfer unter dem ebenso urigen wie politisch halbseidenen Volkstribun Klaus Schlappner das Establishment auf, in der ersten Saison kamen neun von 20 Spielern aus der eigenen Jugend, in der zweiten hätten sie sich um ein Haar für den UEFA-Cup qualifiziert. Waldhof schenkte dem deutschen Fußball eine ganze Generation von Wadenbeißern wie die Förster- Brüder, Jürgen Kohler oder Christian Wörns und glaubte ein knappes Jahrzehnt lang daran, dass sich allein mit Zusammenhalt, markigen Sprüchen und rustikalem Spiel die Welt aus den Angeln heben ließe. Aber natürlich sitzen am Ende doch die am längeren Hebel, die das meiste Geld zahlen, das ist nun mal so. 1990 war das Bundesligaabenteuer des SV Waldhof Mannheim vorbei, und es war wohl sein größter Fehler, die Zweite Bundesliga nicht als seinen natürlichen Lebensraum zu akzeptieren, sondern um jeden Preis wieder nach oben zu wollen. 2003 meldete der Klub Insolvenz an und wurde von der zweiten in die vierte Spielklasse durchgereicht. Dort spielt er bis heute, wenngleich sie jetzt nicht mehr Oberliga, sondern Regionalliga heißt.

Und während die Waldhöfer an ihrem größtenteils selbstverschuldeten Niedergang verzweifelten, schwang sich in der Nachbarschaft ein Dorfverein mit dem Geld eines Software-Milliardärs zum regionalen Primus auf. Eine bittere Entwicklung für die Fans des Traditionsvereins, doch nicht ungewöhnlich für den modernen Fußball. Ungewöhnlich ist vielmehr, dass es immer noch eine Menge Berührungspunkte, gar Kollisionen zwischen dem Erstligisten mit dem Mega-Feuerwerk und dem Viertligisten mit den Existenzsorgen gibt – und dass die Fäden dazu an einem Gymnasium im kleinen Städtchen Walldorf zusammenlaufen.

Ein Präsident, der »sich vergaloppiert« hat


SAP-Gründer und Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp, der in der Region einen Ruf als Gutmensch hat, der allem hilft, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, hat in den letzten Jahren auch annähernd fünf Millionen Euro für den klammen Waldhof locker gemacht. Das ist nicht zuletzt Mario Nöll zu verdanken, dessen Mutter einst die Lehrerin von Hopps Sohn war. Nöll, heute 33 und aus der Waldhöfer Fanszene stammend, amtierte von Oktober 2007 bis Januar 2009 als Vereinspräsident. Jetzt nicht mehr, weil er sich mit Hopp überwarf und für den SV Waldhof Hopps Geld wichtiger war als Nöll. Das ist die kurze Version der Geschichte. Die ausführliche handelt von einer gescheiterten Fusion, einem angeblichen Versprechen und einem Präsidenten, der »sich vergaloppiert« hat, wie es sein langjähriger Mitstreiter Oliver Mark Ganglbauer von der Faninitiative »Pro Waldhof« ausdrückt.

Im Sommer 2007 wollte der SV Waldhof Mannheim dem Schicksal mal wieder ein Schnippchen schlagen. Nach vier tristen Oberligajahren sollte, ja musste die Qualifikation für die neue Regionalliga gelingen, damit der Verein nicht fünftklassig wurde. Um auf Nummer sicher zu gehen, stattete Vorstandsberater Rüdiger Lamm Ex-Profis wie Christof Babatz, Dennis Weiland und Ermin Melunović mit großzügigen Verträgen aus, so wie er es früher schon in Bielefeld und Offenbach getan hatte. Derweil machte sich im Waldhöfer Umfeld der promovierte junge Anwalt Mario Nöll einen Namen. Nöll war ein Mann aus der Kurve, ein leidenschaftlicher Fan, »der nicht nur quatschen, sondern sich auch engagieren wollte«, wie es der »Pro Waldhof«-Vorsitzende Ganglbauer ausdrückt. Sein größtes Pfund allerdings: die privaten Kontakte zu Dietmar Hopp. Auf Nölls Initiative entschloss sich Hopp, über seine Stiftung »Anpfiff ins Leben« auf dem Klubgelände des SV Waldhof ein drei Millionen Euro teures Jugendförderzentrum zu bauen. Der Draht zu Hopp machte Mario Nöll am Waldhof rasch zu einem einflussreichen Mann. Als im Herbst 2007 das Präsidium um Hans Joachim Bremme amtsmüde war, wurde Nöll fast logisch zu dessen Nachfolger gewählt. Mancher in Mannheim glaubt, dass Rüdiger Lamm dabei seine Finger im Spiel hatte, weil er im jungen Präsidenten eine leicht zu beeinflussende Figur sah. »Der Junge ist gut«, soll der gewiefte Taktiker Lamm über Nöll gesagt haben, »den will ich haben.«

Dennoch handelt es sich bis dahin um einen fast fußballromantischen Plot: Ein junger, engagierter Fan wird zum Präsidenten gewählt und versucht seinen darnieder liegenden Lieblingsklub zu alter Größe zu führen. Dann aber ist irgendwas schiefgelaufen, und es ist gar nicht so leicht zu durchschauen, wie genau das alles zusammenhängt. Fest steht, dass Mario Nöll anfangs allen als Hoffnungsträger galt. »Er hat eigentlich einen guten Eindruck gemacht, doch er hat sich im Amt verändert«, sagt Waldhof-Ikone Günter Sebert, der 592 Spiele für den Verein absolvierte und seit Januar als ehrenamtlicher Sportlicher Leiter fungiert. Nöll habe »irgendwann alles machen« wollen, meint Geschäftsführer Laib. Als trotz des hochkarätigen Kaders die Qualifikation für die Regionalliga in Gefahr geriet, ließ der Präsident vor einem Meisterschaftsspiel dem Trainer Alexander Conrad einen Zettel mit der gewünschten Mannschaftsaufstellung in die Kabine bringen. Vor allem aber ließ Nöll Rüdiger Lamm gewähren und führte nach dessen Beurlaubung im Sommer 2008 die Transfergeschäfte im Lamm’schen Sinne fort. Zeitweise gaben sich auf der Geschäftsstelle die Spielerberater die Klinke in die Hand. Andreas Laib und sein Mitarbeiter Kenan Kocak machten sich einen Spaß daraus, nach diesen Besuchen versiegelte Umschläge im Büroschrank zu verstecken, mit Prognosen, wer danach als Neuzugang vorgestellt würde. »Man kennt ja die Berater und ihre bevorzugte Klientel«, sagt Laib.

Dass Mario Nöll die Finanzen von Waldhof Mannheim nicht in den Griff bekam, mag man ihm vorwerfen, er übernahm allerdings auch kein leichtes Erbe. Folgenschwerer war, dass er es sich mit seinem väterlichen Freund Dietmar Hopp verscherzte. Jenem Hopp, der noch im August 2008 über ihn meinte: »Beim SV Waldhof hatten jahrelang falsche Leute das Sagen, ich habe das Gefühl, mit Mario Nöll haben sie jetzt einen jungen und fähigen Mann an der Spitze.« In der Tat hatte der Hoffenheimer Mäzen anfangs wenig Grund, sich über Nöll zu beschweren.

Als Hopp auf der Suche nach einer zwischenzeitlichen Spielstätte für seine früher als geplant in die Bundesliga aufgestiegene TSG war, bereitete ihm Nöll bei den alles andere als begeisterten Waldhof-Fans das Terrain, zudem hatte der Mannheimer Präsident seinen Anteil daran, dass sich der Daimler-Konzern mit über einer Million Euro an der Renovierung des Carl-Benz- Stadions beteiligte. Im Gegenzug überwies Hopp den Waldhöfern für neun Spiele eine satte Stadionmiete in Höhe von 450 000 Euro und half auch sonst manches Mal aus, wenn die Kasse leer war.

E-Mail an den »lieben Mario«

Der Bruch passierte, als Nöll im Oktober 2008 wieder vorstellig wurde, weil der Drei-Millionen-Etat des Regionalligisten eine Unterdeckung von einer Million Euro aufwies und ein akuter Liquiditätsengpass drohte. Hopp half erneut, forderte allerdings die Mannheimer energisch auf, ihre Kosten in den Griff zubekommen, was das gute Verhältnis des Hoffenheimer Geldgebers und des Waldhöfer Präsidenten in Rekordzeit ruinierte. »Das Problem war Nölls Forderungsmentalität«, sagt Andreas Laib. Die wiederum hatte ihren Grund in einer angeblichen Zusage Hopps, den SV Waldhof komplett zu entschulden, sowie einem Dissenz über die Höhe des Daimler-Zuschusses zur Stadionrenovierung. In einer E-Mail an den »lieben Mario« vom 30. Oktober 2009, die 11 FREUNDE vorliegt, beschwert sich Hopp bitterlich: »Wenn ich Ihnen im Vertrauen sage, dass vielleicht mit 2 Mio von Daimler zu rechnen ist und Sie diese schon verplanen, verstehe ich die Welt nicht mehr.« Und weiter: »Zusätzlich zur Stadionmiete hätte ich zusätzlich eine Million Euro zugesagt, entbehrt jeder Grundlage (aber rechnen Sie mal nach, wieviel ich privat schon gegeben habe!)« Die Moral von der Geschicht’ findet sich dann am Schluss: »Und bitte nicht vorschnell ›über den Tisch gezogen‹ fühlen – wir waren mehr als großzügig!«

Kurz vor Weihnachten 2008 eskalierten die Dinge. Dietmar Hopp gewährte ein Darlehen in Höhe von 500 000 Euro, parkte allerdings einen Großteil davon auf einem Treuhänderkonto. Mario Nöll war erbost und gab eine in Mannheim heute schon legendäre Pressekonferenz, in der er ankündigte, Hopp auf die Herausgabe des restlichen Geldes zu verklagen. »Da war Nöll schlecht beraten und hat sich um Kopf und Kragen geredet«, sagt Günter Sebert. Die Reaktion Hopps (»Der Mann braucht einen Psychiater«) zeigte, dass das Tischtuch zwischen den einstigen Männerfreunden spätestens jetzt zerschnitten war. Wenige Wochen zuvor hatte der Präsident Andreas Laib entlassen, weil er das Gefühl hatte, der Geschäftsführer würde gegen ihn intrigieren. Doch der Arbeitsgerichtstermin am 13. Januar, bei dem es um Laibs fristlose Kündigung gehen sollte, fand nicht statt. Längst war nämlich klar, dass Dietmar Hopp kein Geld mehr geben würde, solange Nöll amtierte, und ebenso klar, dass Waldhof Mannheim ohne Hopps Geld erneut Insolvenz anmelden müsste. Am 12. Januar trat Mario Nöll zurück und sah sich parallel mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konfrontiert, die auf eine anonyme Anzeige zurückgingen, nach denen er und zwei Vorstandskollegen sich am Klub bereichert haben sollen. Das Verfahren ist noch anhängig, Fanvertreter Ganglbauer, der Nöll am Ende ebenfalls die Gefolgschaft verweigerte (»Personen sind austauschbar, der Verein nicht«), kann sich indes nicht vorstellen, dass sich der Ex- Präsident die Taschen voll gemacht hat.

Als Hopp anruft, lässt Nöll sofort alles stehen und liegen

Was aber hat Mario Nöll dann geritten? Eine mögliche Antwort liegt auf dem Konferenztisch im Besprechungszimmer seiner Mannheimer Anwaltskanzlei. Es ist der Entwurf eines Wappens für einen Verein, den es nie geben wird: ein Fusionsklub »SV Hoffenheim Waldhof«, den Nöll über Monate mit Dietmar Hopp konspirativ geplant haben will. Irgendwann 2006 habe Hopp ihn, der damals beim SV Waldhof noch ohne Amt war, angerufen und den Vorschlag einer Fusion unterbreitet. Nöll war elektrisiert: »Ich habe alles stehen und liegen lassen und mein Staatsexamen verschoben. Fußball-Deutschland hätte das mit Waldhof in Verbindung gebracht. Es wäre ein Mannheimer Verein mit Mannheimer Fans gewesen. Ein Spitzenverein! « Wenn er so redet, klingt er wie ein leidenschaftlicher Fan, nicht wie einer, der vor kurzem noch Präsident war. Oliver Mark Ganglbauer bestätigt, dass Nöll seinerzeit bei »Pro Waldhof« die Möglichkeit einer Fusion »ausgelotet« habe. Dietmar Hopp möchte sich zur Sache Waldhof im Allgemeinen und zu Mario Nöll im Besonderen nicht mehr äußern, Hoffenheims Pressesprecher Markus Sieger verweist auf ein »Antwortpaket« zum Thema.

Von Fusionsplänen mit dem SV Waldhof (»Das wäre mir neu«) will er aber nichts wissen. So sie existierten, ist Hopp jedenfalls davon abgekommen, und nachdem vorübergehend ein Zusammengehen mit dem SV Sandhausen und Astoria Walldorf im Gespräch war, zog er sein Ding mit Hoffenheim ganz alleine durch. Nöll wiederum beging den Fehler, sämtliche Zuwendungen an Waldhof – das Jugendförderzentrum, diverse Finanzspritzen, das von Hopp bestrittene Versprechen der Entschuldung – nicht als Spende, sondern letztlich als Kompensation für die geplatzte Fusion zu betrachten. »Ich habe mich im jugendlichen Leichtsinn mit Dietmar Hopp angelegt«, sagt er heute zerknirscht, »ohne über belastbare Beweise zu verfügen. Deshalb bin ich zu Recht gescheitert.«

Beim SV Waldhof kämpfen sie derweil um die Lizenz für die nächste Regionalligasaison. Bis zum 5. Juni müssen sie beim DFB nachbessern und Belege über Sponsorenverträge, Bürgschaften und Barkautionen in Höhe von etwa 500 000 Euro liefern. Die opulenten, zum Teil über das Saisonende hinaus geltenden Verträge aus der Ära Nöll/Lamm hängen dem Klub dabei wie ein Klotz am Bein. Günter Sebert will jedenfalls nichts ausschließen, dass es für den SV Waldhof »in der Oberliga weitergeht«. Sollte das so sein, läge ein Schatten über der feierlichen Eröffnung das Jugendförderzentrums, die an Fronleichnam stattfinden wird. Für den dort ausgebildeten Spitzennachwuchs wäre ein Fünftligist Waldhof Mannheim jedenfalls keine Alternative mehr. Wahrscheinlicher ist da schon, dass der Spender davon profitiert. Sebert findet das völlig in Ordnung: »Natürlich sagen wir den Jungs im Zweifel, geh nach Hoffenheim. Es ist ein Geben und Nehmen.« Es sieht so aus, als wäre es die Zukunft des SV Waldhof, eine Art Farmteam der TSG Hoffenheim zu sein. Das ist vermutlich das, wovor Mario Nöll am meisten Angst hatte. Ob es auch das ist, was Dietmar Hopp von Anfang an wollte, weiß nur er selbst.

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