11.04.2012

Vorsicht Bayern! Marseille ist eine Wundertüte

Fünfzufünf

Bei den Bayern ist alles klar? Von wegen. Der heutige Gegner in der Champions League, Olympique Marseille, ist durchaus in der Lage, um für unvergessene Spiele zu sorgen. Wie dieser Text aus dem Buch »Die 100 besten Spiele aller Zeiten« beweist.

Text:
Philipp Köster und Tim Jürgens
Bild:
Imago

Spiele, die die Welt nicht braucht, denkt der Fußballfan, wenn Olympique Marseille heute zum Rückspiel in München antritt. Da ist die Luft raus. Aber vorsicht! Denn OM ist auswärts immer für ein Tor-Feuerwerk gut – wie das Team von Didier Deschamps zuletzt im Jahrhundert-Match gegen Lyon im Herbst 2009 bewies   

Die einzigen Verlierer am Ende dieser rauschhaften Nacht sind die Keeper. Hugo Lloris und Steve Mandanda rangeln um die Nummer 1 im Tor der französischen Nationalmannschaft. 

Doch an diesem Abend überbieten sie sich gegenseitig mit ihren Stilblüten. Lloris drückt schon in der ersten Halbzeit zwei Bälle so ungelenk ins eigene Netz, als handle es sich dabei um Geschosse aus Unrat. Mandanda hat erst in der Nachspielzeit seinen grossen Auftritt, als er wie ein Bohemien nach einem zünftigen Abend durch seinen Strafraum taumelt und so die tragische Schlusspointe ermöglicht: das Eigentor von Jeremy Toulalan.

»Die grosse Sonntagabend-Show«

Die Montagsschlagzeile der Sportzeitschrift »L’Equipe« könnte kaum treff ender sein: »Die grosse Sonntagabend-Show«. Denn das Spiel schlägt nicht nur dramaturgische Kapriolen wie ein Tarantino-Streifen, es besitzt auch das rasante Tempo eines frühen Spielberg-Epos. Die Elf aus Marseille steht vor dem Anpfiff auf einem enttäuschenden achten Tabellenplatz. Coach Didier Deschamps weiss, dass ein Sieg im Ligaklassiker die Kritik milde stimmen könnte, denn Lyon ist auf dem Sprung an die Spitze.

Das Team von Claude Puel darf jedoch den Torreigen eröffnen. Miralem Pjanić hämmert den Ball bereits nach drei Minuten mit einer Kompromisslosigkeit unter die Latte, als versuche er, damit das Aluminium von Marseilles Gehäuse zu spalten. Der Treff er wirkt wie eine Adrenalininjektion. Die Partie beginnt bei 180 Stundenkilometern und die Spieler nehmen bis zum Abpfiff ihre Füsse nicht mehr vom Gaspedal. Es geht off enbar nur noch darum, den Gegner mit Toren aus dem Konzept zu bringen.

Lyons Torwart Lloris torpediert jegliche Form von taktischer Struktur

Als Souleymane Diawara nach einem Eckball ausgleicht, beantwortet Sidney Govou diese Provokation nur eine Minute später bereits mit seinem 2:1. Für Momente scheint es fast, als könne Puels Elf das Spiel kontrollieren, doch Lyons Torwart Lloris torpediert jegliche Form von taktischer Struktur und wirft sich unmittelbar vor der Halbzeit einen Fernschuss von Benoit Cheyrou ins eigene Gehäuse. Die Szene ist wie eine Blaupause für die Ereignisse, die sich nach dem Wiederanpfiff ereignen. Bis zur 79. Minute gelingt es Marseille, dem Namensvetter aus Lyon zwei weitere Treff er zu servieren. Als nach Bakary Koné auch Brandao nach einer Ecke artistisch mit der Schuhsohle zum 2:4 trifft, glaubt keiner der 2200 mitgereisten Fans aus Marseille, dass ihnen dieser Sieg noch aus der Hand zu nehmen ist.

Doch die letzten zehn Spielminuten wirken, als wäre der Wagen auf dieser Achterbahn vollends aus der Spur geraten: Der Argentinier Lisandro trägt sich in den Spielberichtsbogen ein, nachdem er Vitoris Hilton entkommt, Steve Mandanda austanzt und zum Anschluss einschiesst. Weil es so schön war, besorgt der Südamerikaner per Elfmeter nur Augenblicke später den Ausgleich, nachdem Gabriel
Heinze den Ball im Strafraum mit der Hand gespielt hat. Schliesslich ist es Michel Bastos, der nach einem Doppelpass in der Schlussminute die Aufholjagd vollendet und Olympique Lyon ein vermeintliches Happy End beschert. Die ironische Cocktailkirsche auf dieses pirouettendrehende Sahnehäubchen von einem Fussballspiel folgt in der dritten Minute der Nachspielzeit. Der Einwurf des eingewechselten Mathieu Valbuena wird zur Flanke. Die Kugel geht am Fünfmeterraum wie an einem Seil gezogen in die Luft. Drei Spieler steigen
hoch, einer ist Lyons Verteidiger Jeremy Toulalan. Umringt von Gegnern kommt er in leichte Schräghaltung, der Ball senkt sich beim Herunterkommen auf seine rechte Wade und springt ins Netz.

»Fünf Tore, ein Punkt? Ein bisschen wenig...«

Die Ereignisse sind derart unwirklich, dass Marseilles Fabrice Abriel nach dem Abpfiff den Ertrag der Partie vor laufender Kamera erst einmal nachrechnen muss: »Fünf Tore – ein Punkt? Na ja, eigentlich ein bisschen zu wenig.« 

8. November 2009, Ligue 1, 13. Spieltag
Olympique Lyon – Olympique Marseille 5:5
Pjanić (3.) 1:0
1:1 Diawara (12.)
Govou (13.) 2:1
2:2 Cheyrou (44.)
2:3 Koné (48.)
2:4 Brandao (79.)
Lisandro (80.) 3:4
Lisandro (83., HE) 4:4
Bastos (90.) 5:4
5:5 Toulalan (90. + 3, ET)

Aufstellung Olympique Lyon:
Lloris, Gassama, Cris, Cissokho, Makoun, Kallström (Bastos, 68.), Ederson (Gomis, 56.), Toulalan, Govou, Pjanić, Lisandro

Aufstellung Olympique Marseille:
Mandanda, Heinze, Hilton, Diawara, Bonnart, Cheyrou (CisseÅL, 67.), Mbia, Abriel, Niang, Koné (Valbuena, 58.), Brandao

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