Vor fünf Jahren: Das WM-Finale

This is the end, beautiful friend

Vor fünf Jahren fand das Finale der WM 2006 statt. Wir erinnern noch einmal an die 1000 Grätschen des Giftzwergs Gattuso, die 1000 Arme des Gigi Buffon – und an die existentialistische Selbstzerstörung des großen Zinedine Zidane. Vor fünf Jahren: Das WM-Finale

Was war bloß in ihn gefahren? Nach einem galligen Monolog seines Gegenspielers Marco Materazzi machte Zizou plötzlich kehrt und rammte ihm wie ein blindwütiger Stier den Kopf gegen den Brustkasten. Immerhin: Es war eine der konsequentesten Tätlichkeiten aller Zeiten: Zidane wollte Materazzi wehtun. Vielleicht hätte er, um noch einen Funken Würde hinüberzuretten, sofort freiwillig vom Platz gehen sollen. Schiri Elizondo und auch seine Assistenten hatten jedoch gar nichts mitbekommen. Materazzi, fulminant am Solar Plexus getroffen, lag immer noch japsend im Niemandsland, als die ersten Italiener zu lamentieren begannen. Erst da reagierte der vierte Unparteiische Cantalejo und informierte den Linienrichter. War das die Geburtsstunde des Videobeweises? Auch wenn Zidane vollkommen zu Recht Rot sah und sich auch seine halbherzige Reklamation hätte sparen können: Die Entscheidung fiel in einer Grauzone des Regelwerks.

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Es wird wohl immer Spekulation bleiben, was genau Materazzi gesagt hat. Eines dürfte klar sein: Es war keine alltägliche Beleidigung, sondern muss eine Ehrabschneidung sondergleichen gewesen sein. Lippenleser wollen erkannt haben, dass Materazzi Zidane mit Terrorismus und seine Schwester mit Prostitution in Zusammenhang gebracht habe. Hinzu mag wohl der Stress gekommen sein: Zidane wusste, dass seine Zeit unwiederbringlich ablief, nur zehn Minuten Fußball lagen noch vor ihm. Hinter ihm lag eine hochkarätige Chance: Er hatte einen perfekten Kopfball in Richtung des italienischen Tores abgeschossen, doch Gigi Buffon hielt auf die einzig mögliche Weise. Weltklasse! Die meisten anderen Keeper hätten sich alle Gräten gebrochen. Vielleicht wusste Zidane: Das war die letzte Großchance seiner Karriere gewesen, und er hatte sie nicht genutzt. Doch auch wenn er durch Verbalattacken und das eigene Scheitern zermürbt gewesen sein mag: Ein solcher Ausbruch wie der Rammstoß gegen Materazzi ist unentschuldbar.



Pirlo, das unsichtbare Genie


Noch in der siebten Minute war Gigi Buffon gegen ihn chancenlos gewesen: Zidane hatte einen Elfmeter mit der ihm eigenen Coolness und Eleganz unter die Latte und ins Tor gezirkelt. Nur zwölf Minuten später gelang jedoch seinem Antipoden der Ausgleich: Nach einer Ecke von Andrea Pirlo sprang Materazzi mehrere Meter höher als Patrick Vieira und köpfte ein. Fabien Barthez flog zappelnd ins Leere.

Überhaupt Barthez. Nicht ohne Grund verloren Menschen mit gewissen Sympathien für die Franzosen immer dann die Contenance, wenn der Ball auch nur im Entferntesten in seine Nähe geriet. Er wirkte auch in einfachen Dingen wie dem Wegdreschen fahrig, und bestimmt hätten sich unerfahrene Abwehrspieler davon infizieren lassen. Doch vor Barthez standen keine Geringeren als Lilien Thuram und William Gallas, die eine nahezu undurchdringliche Mauer bildeten. So blieb Luca Toni unsichtbar, Francesco Totti hingegen hätte froh sein können, wenn er denn wenigstens auch unsichtbar geblieben wäre. So wurde deutlich, dass er ein Spieler ist, der in von der Physis geprägten Partien entweder zum Memmen oder Ausrasten oder zu beidem gleichzeitig neigt. Gestern memmte er bloß und wurde später durch Daniele de Rossi ersetzt.

Es war wohl Pirlo, der das Spiel der Italiener gestaltete. Man muss sich das von Experten erklären lassen, denn besonders augenfällig ist die Leistung dieses Spielers nicht. Er rennt und rennt und rennt – und rennt dabei nicht ins Leere wie etwa der Portugiese Maniche im Halbfinale gegen die Franzosen, sondern steht immer da, wo er zu stehen hat. Dann tackelt er, gewinnt sehr oft den Ball und spielt dann den unspektakulären, aber effektiven Pass. Ihm zur Seite steht Genaro Gattuso, dieser Jens Jeremies/Berti Vogts-Epigone. Auch er rennt Furchen in den Rasen, hat sich dabei aber voll und ganz dem Zerstören verschrieben. Damit ist er das Bindeglied zur italienischen Abwehr, die auch ohne Alessandro Nesta, dafür mit Materazzi und vor allem mit Kapitän Fabio Cannavaro, dem kopfballstärksten Zwerg aller Zeiten, maßgeblich dafür verantwortlich war, dass der Titel nach Italien ging. Denn auch als die Angriffe der Franzosen kamen wie langsam steigendes Wasser, vermochte sie den Rückstand zu verhindern. Und wenn sie doch einmal durch Dribblings von Thierry Henry oder Franck Ribery überwunden werden konnte: Buffon war da.

Besonders gegen Ende der regulären Spielzeit herrschte immer wieder Rambazamba im italienischen Strafraum. Frankreichs Trainer Raymond Domenech muss sich nun mit dem Vorwurf auseinander setzen, er habe es versäumt, einen zusätzlichen Stürmer zu bringen – eine Forderung, die die Luft der Geschichte des italo-französischen Duells atmet: Im EM-Finale 2000 waren es die eingewechselten Sylvain Wiltord und David Trezeguet gewesen, die das Ding noch gedreht hatten.

Wie eine versehentlich fallengelassene Handtasche

Schließlich kamen sie doch noch, ersetzten Henry und Ribery. Dass es dann Trezeguet war, der im Elfmeterschießen als Einziger versagte, ist ein mieser Witz des Schicksals. Dass aber überhaupt noch ein Franzose verwandelte ist durchaus bemerkenswert. Spurlos wird der schockierende Platzverweis ihres Anführers Zidane nicht an ihnen vorübergegangen sein. Vielleicht hätte es sogar gelangt, wenn denn Barthez sich nicht wie eine versehentlich fallengelassene Handtasche bewegt, sondern tatsächlich gesprungen wäre. Doch alle Italiener verwandelten kaltblütig, zuletzt Grosso. Italien war Weltmeister.

Dem Turnierverlauf nach mag man darüber diskutieren wollen. Die Mannschaft zeigte unansehnliche Vorstellungen wie gegen Australien und hat sich durch Schwalben hier und da und zeitweilige Schauspielereien nicht unbedingt beliebt gemacht. Die taktische Disziplin aber, mit der sie das Halbfinale gegen Deutschland gewann und nun auch im Finale den konstruktiveren Franzosen standhielt, war letztendlich doch die imposanteste Kollektivleistung des gesamten Turniers. Deshalb hat Italien den Titel fraglos verdient.

Was jedoch nach dem Abpfiff geschah, war nach dem Dafürhalten manches Augenzeugen dem Anlass unangemessen: Gattuso lief unendlich lange ohne Hose umher. Mauro Camoranesi ließ sich seinen Zopf, der als Reminiszenz an Boy George schon im Turnierverlauf für gerümpfte Nasen gesorgt hatte, von Kumpel Massimo Oddo abschneiden und wurde dadurch nicht wesentlich sympathischer. Materazzi setzte dem Pokal noch vor der Verleihung einen Camperhut auf. Es herrschten Zustände wie bei der Abschlussfete einer Klassenfahrt. Erst als der stets vorbildliche Cannavaro die Trophäe in den Berliner Nachthimmel stemmte, war das Bild eines Weltmeisters würdig, und man sagte wieder gern: Complimenti, Italia!

Zinedine Zidane wohnte dem Halligalli nicht mehr bei. Er war unmittelbar nach seiner Untat in den Katakomben verschwunden. Sein Weg dorthin führte ihn am goldenen Pokal vorbei. Er würdigte ihn keines Blickes. Was er sich von Materazzi hatte anhören müssen, warum er sich vergessen hatte in diesem, seinem letzten Spiel – Zizou wird es uns nicht verraten. Es wäre wenig verwunderlich, wenn er erst einmal untertauchen würde. So verlieren sich die Spuren dieses fantastischen Athleten in einer Umkleidekabine. Selbst William Shakespeare wäre dieses Ende wohl zu überfrachtet gewesen.

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Dieser Artikel erschien erstmals am Tag nach dem Finale auf 11freunde.de.

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