Vor der Relegation gegen Irland: 10 Dinge über Estland

Saufköpfe und Sonnenkönige

Estland und Fußball passte in den vergangenen Jahren zusammen wie Skilanglauf und die Wüste Gobi. Doch nun kämpfen die Nordeuropäer um einen EM-Platz. Wir haben uns auf die Suche nach Sternstunden der estnischen Fußballgeschichte gemacht. Vor der Relegation gegen Irland: 10 Dinge über Estlandimago

1. Rekordspieler
Martin Reim knackte einst den Länderspielrekord von Lothar Matthäus. Zwischen 1992 und 2002 bestritt die estnische Fußballlegende 157 Länderspiele, allerdings ohne dabei an einem internationalen Turnier teilzunehmen. Estland überstand während Reims aktiver Karriere nie die Qualifikation. Mittlerweile ist Reim Trainer bei Estlands amtierenden Meister FC Flora Tallinn.

2. Torwarttorjäger
Was Martin Reim nicht gelang, schaffte Torhüter Mart Poom: Eine internationale Karriere. Als erster estnischer Spieler wechselte er 1994 nach England. Als er im September 2003 beim Match seines FC Sunderland gegen den Ex-Verein Derby County in der 90. Minute zum Ausgleich traf, jubelte der BBC-Kommentator: »Der beste Kopfball-Ausgleich eines Torwarts in der letzten Minute gegen seinen ehemaligen Verein, der beste aller Zeiten!« Im selben Jahr noch wurde er von der UEFA als bester estnischer Spieler der vergangenen 50 Jahre ausgezeichnet.

3. Skandalklub
Um diese Geschichte en detail zu erzählen, bräuchte man ganze Bücher. Fassen wir es also kurz: Nach Estlands Unabhängigkeit von der Sowjetunion musste der estnische Fußball wieder aufgebaut werden, da die Liga zuvor vor allem durch russische Spieler dominiert wurde. Der FC Tevalte Tallinn beheimatete als Verein der russischen Minderheit nach der Unabhängigkeit weiterhin vor allem russische Fußballtalente und mischte in der Liga kräftig mit. Kurz vor Ende der Saison 1993/94 war der Klub einer der heißesten Anwärter auf die Meisterschaft. Doch am Tag vor dem letzten Spieltag disqualifizierte der Estnische Fußballverband den FC Tevalte Tallinn vom Ligabetrieb. Der Vorwurf: Versuchte Bestechung und Androhung von Gewalt gegen einen Schiedsrichter. Der FC Tevalte soll angeblich Verbindungen zur russischen Mafia gehabt haben. Der estnische Fußballverband, dem eine Nähe zur Tevalte-Konkurrenz Flora Tallinn nachgesagt wurde, legte allerdings nie Beweise vor. Heute wird vermutet, dass der Verband die Teilnahme eines Vereins am internationalen Wettbewerb verhindern wollte, der vorrangig aus russischen Spielern bestand.

4. Saufköpfe
Einen Titel konnten die Esten bereits für sich gewinnen. Sie führen laut Weltgesundheitsorganisation die Statistik beim Pro-Kopf-Verbrauch reinen Alkohols an (16 Liter im Jahr). Beim Bierverbrauch sind sie bescheidener und lassen Biernationen wie Deutschland oder England den Vortritt. Dort liegen sie mit knapp 85 Litern nur auf Platz acht. Nichtsdestotrotz ist eine lokale Brauerei Namensgeber der A. Le Coq Arena in Tallinn, der Heimstätte der estnischen Nationalmannschaft und des FC Flora Tallinn. 9692 Besucher finden darin Platz, die Ligaspiele sind dennoch selten ausverkauft. Für das Relegationsspiel gegen Irland gab es allerdings schon nach einer Viertelstunde keine Karten mehr.

5. Anti-Helden
Ajax Lasnamäe ist die derzeit schlechteste Erstligamannschaft Europas. Bei 36 Spielen in der Saison 2010/11 verlor die Mannschaft 32 Mal und spielte viermal Unentschieden. Das Torverhältnis: 11:192. Für die Rechenfaulen: Das bedeutet eine Tordifferenz von minus 181! Und das alles trotz Schutzpatron Ajax, einer der größten und heldenhaftesten Figuren der griechischen Mythologie.

6. Sonnenkönig
Wer ist Viktor Leveda? Zwischenzeitlich war er so etwas wie der Roman Abramowitsch Estlands. Nur nicht ganz so reich, weil er nicht mit Öl, sondern nur mit Metallen handelte. Ihm gehörte das nach der Wende aus dem Boden gestampfte Metallunternehmen Levedia und er gründete 1998 den FC Levedia Tallinn, der seitdem siebenmal die Meisterschaft gewann. Anfang 2008 trat er als Präsident des Vereins zurück (ist aber noch im Vorstand und Eigentümer), als dieser zunehmend finanzielle Schwierigkeiten bekam. Zählte Mogul Leveda 2010 noch zu den 25 reichsten Männern Estlands, wurde 2011 sein Unternehmen versteigert, weil er diverse Kredite bei großen Banken nicht bedienen konnte.

7. Torflut 
Die meisten Tore in einem Ligaspiel im europäischen Profifußball fielen in Estland: Der FC Tevalte Tallinn gewann in der Saison 1993/94 mit 24:0 gegen JK Kalev Sillamäe. Nachdem Sillamäe nur drei Punkte in 18 Spielen holte, gab der Verein auf und zog sich aus der Liga zurück.

8. Aufstieg
Die Zeit unter Trainer Teitur Thordarson ging als isländische Periode in die Geschichte der Estnischen Nationalmannschaft ein. Der Isländer trainierte die Esten von 1995 bis 1999 und verbesserte Estland in dieser Zeit im FIFA-Ranking von Platz 136 auf Platz 72.

9. Familienduell

Das erste Heimspiel von Teitur Thordarson als Trainer Estlands im April 1996 gegen Island wurde ein besonderes Spiel. In der 62. Minute wechselten die Isländer den 17-jährigen Eidur Smari Gudjohnson für seinen Vater Arnor ein. Dass bei einem Spiel Vater und Sohn für dieselbe Mannschaft aufliefen, ist in der Fußballgeschichte einmalig. Auch für Teitur Thordarson kam es am Rande des Spiels zu einer Familienzusammenführung. Sein Bruder Olafur machte sein 65. Länderspiel für Island.

10. Ohne Gegner
Spiele, die es nie gegeben hat, sind bekanntlich die besten. Eines fand (bzw.: fand nicht) am 9. Oktober 1996 zwischen Schottland und Estland statt. Die Schotten begutachteten am Tag vor dem Spiel das Kadriorg-Stadion und bemängelten die Qualität des Flutlichtes. So kam es, dass sie bei der FIFA die Vorverlegung der Anstoßzeit für den nächsten Tag von 18:45 Uhr auf 15 Uhr erbaten. Erfolgreich. Das Problem: Die Esten erfuhren erst wenige Stunden vor dem Anpfiff zunächst von der Anfrage, und etwa eine Stunde vor Spielbeginn von der Verlegung. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich die Mannschaft etwa 70 Kilometer entfernt von Tallinn auf. Kurz vor 15 Uhr betraten allein die Schiedsrichter und die Bravehearts den Rasen. Schottische Fans sangen derweil: »There's only one team in Tallinn.« Schiedsrichter Miroslav Radoman pfiff das Spiel an und auch gleich wieder ab. Es wurde 3:0 für Schottland gewertet. Nach Protesten erreichte der estnische Fußballverband die Wiederholung des Spiels im Februar 1997 auf neutralem Grund in Monaco. Gerüchteweise ging es am 9. Oktober 1996 nur bedingt um das Flutlicht. Demnach sollen die Schotten Angst gehabt haben. Sechs Leistungsträger waren verletzt und Kapitän Gary McAllister fehlte gesperrt. Geholfen hat ihnen die Verlegung wenig. Das Wiederholungsspiel endete 0:0.

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