Vor der Einführung der 3. Liga

Die Kollaps-Liga

Am 31. Mai droht der Weltuntergang. Am letzten Spieltag der Regionalliga entscheidet sich, welche 20 Klubs nächste Saison in der neuen 3. Liga spielen. Wer die Qualifikation nicht schafft, gerät an den Rand des Ruins. Vor der Einführung der 3. LigaImago
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Das gelobte Land. Dort, wo Milch und Honig fließen. Endlich war es auch für all die Outlaws, die gefallenen Meister, die Mäzenaten-Klubs und schlafenden Riesen des deutschen Fußballs in greifbare Nähe gerückt, als am 8. September 2006 beim außerordentlichen DFB-Bundestag 256 Delegierte (bei nur 27 Gegenstimmen) für die Einführung einer 3. Bundesliga stimmten.

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Ab der Saison 2008/09 sollten 20 Vereine aus der bis dato zweigleisigen Regio-nalliga an der ordnenden Hand des DFB an die Fleischtöpfe des Profigeschäfts her-angeführt werden. Eine Lightversion der 2. Liga, so das sehnsüchtige Ziel beim Verband und den Vereinen. Eine Liga sollte da entstehen, die ihre Klubs mit satten Erlösen aus TV-Geldern versorgt, eine höhere Wahrnehmung im Fernsehen erreicht und die Reichweite für die Vermarktung erhöht. In den Planspielen der Marketingexperten schien nichts mehr undenkbar. Von einem finanzstarken Liga-Sponsor wie in England, wo alle Profiligen unterhalb der Premier League unter dem Label von Coca-Cola vermarktet werden, bis hin zu Großunternehmen, die, geblendet von der TV-Präsenz regionaler Vereine im Free-TV, wild ihre Werbeetats in die Klubs pumpen. Die 3. Liga sollte das »Premium-Produkt« des DFB werden. »Die neue bundesweite und höchste Spielklasse des DFB«, wie der zuständige Direktor beim Verband, Helmut Sandrock, im perfekten Werberdeutsch formuliert. Ein ambitioniertes Projekt, mit dem auch der größte Sportverband der Welt beweisen wollte, dass ihm in Sachen Planung, Organisation und Durchführung niemand etwas vormacht. Nicht einmal das mächtige Tochterunternehmen DFL (Deutsche Fußball Liga), die seit 2001 mit großem Erfolg die 1. und 2. Liga vermarktet und seitdem das Copyright auf den Begriff »Bundesliga« hält. Ein schöner Traum von blühenden Fußball-Landschaften.

Die 2. Mannschaften sind die grauen Mäuse


Nach der ersten Euphorie kehrte bald Ernüchterung ein. Der erste Zwist fand zwischen den Traditionsklubs und den Spitzenvereinen aus der Bundesliga statt. Stein des Anstoßes: die Zulassung der Amateurmannschaften von Erst- und Zweitligisten. Die 2. Herren gelten schon in der jetzigen Regionalliga als graue Mäuse, weil sie als Ausbildungsteams kein unverwechselbares Profil besitzen und sie – was noch schlimmer ist – praktisch ohne eigenen Anhang zu Auswärtsspielen anreisen. Entsprechend mau ist die Stimmung bei den Spielen. Zudem sind die U23-Teams der Profiklubs mitunter gespickt mit rekonvaleszenten Erstligaprofis und jungen Toptalenten auf dem Weg nach oben. Wettbewerbsverzerrung, maulten deshalb die Traditionsvereine. Doch eine Allianz aus Vertretern des VfB Stuttgart, Bayern München, Werder Bremen und Borussia Dortmund drängte den DFB zu einer Kompromisslösung. Im Premierejahr der 3. Liga dürfen nun aus beiden Regionalligen jeweils zwei Reserveteams antreten. Ab der Saison 2009/10 gibt es dann keine Aufstiegsbeschränkungen mehr für die Amateure. Die Kröte, die die Bundesligisten für das Entgegenkommen schlucken mussten: Ihre 2. Mannschaften partizipieren fortan nicht mehr an den TV-Einnahmen der 3. Liga und sind vom DFB-Pokal ausgeschlossen.

Lothar Gans, Manager des VfL Osnabrück und ein langjähriger Befürworter der 3. Liga: »Die Vorstellung, dass in fünf Jahren vielleicht zehn, zwölf Amateurmannschaften die 3. Profiliga dominieren, macht mir Angst.« Theoretisch möglich ist dieses Szenario, denn aus jeder der drei neu geschaffenen Regionalligen steigt jährlich ein Team auf. Da aufgrund des geltenden Transferrechts die Jugendarbeit bei den Profiteams einen immer größeren Stellenwert einnimmt, wird auch die Spielstärke des Nachwuchses zunehmen. Für die Attraktivität der Spielklasse wäre Gans’ Vision jedenfalls verheerend. Hinzu kommt, dass die Reserveteams nicht in die 2. Liga aufsteigen können. Im Ausnahmefall könnten also Zweitliga-Aufsteiger aus dem Mittelfeld der 3. Liga kommen. DFB-Direktor Helmut Sandrock, zuständig für die 3. Liga, meint zum Problem der drohenden Dominanz durch die 2. Mannschaften: »Es gibt die klare Verabredung, dass wir uns die Entwicklung anschauen und dann gegebenenfalls mit den Gremien von DFB und DFL in Gespräche eintreten.«

Die Hoffnung bleibt, dass sich das Problem sportlich lösen lässt. Denn anders als die Amateurteams kann ein herkömmlicher Drittligist den Kader so zusammenstellen, wie er es für richtig hält. Die 2. Herren dürfen pro Elf lediglich drei Spieler einsetzen, die älter als 23 sind. Christian Beeck, Sportdirektor beim 1. FC Union Berlin, sagt: »Wenn wir es nicht schaffen, ein Team zu stellen, das mit der U23 eines Bundesligisten konkurrieren kann, haben wir in der 3. Liga eben nichts verloren.«

Für die Reserveteams ist die Teilnahme an der neuen Spielklasse ein Segen. »Wir sind froh, dass der DFB sich auf diese Regelung eingelassen hat«, sagt Jochen Schneider, Sportdirektor beim VfB Stuttgart. Die Schwaben wollen auch mit ihrer 2. Herren auf dem höchstmöglichen Niveau Fußball spielen, damit der Nachwuchs so nah wie möglich an das Level der ersten Mannschaft heranreicht. Durch die Zusammenlegung der beiden Regionalligen erhöht sich die Leistungsebene der 3. Liga enorm. Dafür nehmen die Schwaben gern auch ohne Gegenleistung vom DFB hohe Reise- und Personalkosten auf sich.

Bei den Stuttgarter Kickers kann man die Situation nicht so entspannt wie beim Ortsrivalen VfB betrachten. Für den Traditionsklub aus Degerloch geht es derzeit um die Existenz. Schafft das Team von Trainer Stefan Minkwitz die Qualifikation zur 3. Liga nicht, droht dem Klub der sportliche und wirtschaftliche Niedergang. Einige Sponsoren haben ein zukünftiges Engagement nur unter der Bedingung zugesagt, dass der Klub drittklassig bleibt. Sogar der Vertrag, den der Klub mit Hauptsponsor Gazi geschlossen hat, gilt zunächst nur für die 3. Liga. Der Produzent von Milchprodukten trägt nach dem Tod des Kickers-Mäzens Axel Dünnwald-Metzler einen hohen Anteil am Etat des Gesamtvereins.

Manager Joachim Cast ist nicht sicher, ob es bei einem Abstieg mittelfristig noch professio-nellen Fußball in Degerloch geben wird: »Wenn wir die Qualifikation nicht schaffen, gehen hier womöglich die Lichter aus.«

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