Dem Höhenflug folgten Dämpfer. Nach dem peinlichen Pokal-Aus beim Zweitligisten Aachen veralberten die Alemannen die Bruchweg-Boygroup, indem sie nach dem Abpfiff den Tivoli zum Luftgitarrenkonzert einluden. Auch in der Liga lief plötzlich nichts mehr von selbst, Mainz lernte das Verlieren und Schürrle die andere Seite seines Trainers Thomas Tuchel kennen. »Er hat uns nicht in sein Zimmer gerufen und den Rohrstock rausgeholt, sondern uns sehr klar gemacht, dass solche Sachen uns ablenken«, erinnert Schürrle sich an den ersten großen Anschiss seiner Profikarriere. Vielleicht habe er in diesen Tagen wirklich ein bisschen oft nach den »Bruchweg Boys« gegoogelt, gibt er zu. »Heute weiß ich, dass ich mit dem Hype zurückhaltender hätte umgehen sollen.« Am Ende einer tollen Saison wurde Mainz sensationell Fünfter und qualifizierte sich für den Europapokal. André Schürrle zog weiter nach Leverkusen. Im Gepäck: 15 Saisontore und die Empfehlung, dass seit Jürgen Klinsmann kein anderer 20-Jähriger so oft in der Liga getroffen hatte.
Immer noch schnell, aber oft in der falschen Lücke
Doch in Leverkusen merkte Schürrle schnell, dass diese Last sein Tempo bremste. Er lebte sich schwer ein, wirkte gehemmt, haderte mit seiner Fitness. »Vielleicht habe ich anfangs ein bisschen dazu geneigt, die Dinge schleifen zu lassen«, sagt er rückblickend. Wenig hilfreich waren auch die medialen Grabenkämpfe der Alphatiere Ballack, Dutt und Völler. Die Mannschaft kam nicht zur Ruhe, Bayer dümpelte Richtung sportliches Mittelmaß. Schürrle rannte zwar noch immer absurd schnell, aber mittlerweile zu oft in die falschen Lücken. Im September 2011 kassierte er im Derby gegen den 1. FC Köln eine Rote Karte, zuvor hatte ihn sein Nationalmannschaftskonkurrent Lukas Podolski rotwürdig umgetreten. Es war ein gebrauchter Nachmittag für den Überflieger. Am Ende verlor Bayer mit 1:4. Plötzlich fehlte ihm die Sicherheit, die ein so sensibler Spieler wie er für sein Spiel braucht. Statt ihn sich auf seiner Position auf dem linken Flügel einspielen zu lassen, verschob ihn Trainer Robin Dutt in der Offensive wie eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur. Das Megatalent André Schürrle, so spotteten einige, war nur noch der teuerste Luftgitarrenspieler der Welt.
In dieser Saison will er nicht mehr nur das überragende Talent sein – und schon gar nicht das strauchelnde –, sondern wieder den Unterschied ausmachen. Hilfe dabei kommt auch von Michael Ballack. Der Ex-Capitano wurde zwar gemeinhin als knorriger Frührentner im Bayer-Kader wahrgenommen, für Schürrle hingegen war er schon letztes Jahr eine wichtige Bezugsperson im Verein: »Michael war von Anfang an total offen. Er hat mir viele Tipps gegeben, das hat mir in den schwierigen Phasen der letzten Saison sehr geholfen. Ich kann ihm das gar nicht hoch genug anrechnen.« Noch heute schreiben sie sich regelmäßig SMS. Auch wegen Ballack träumte er von einem Engagement beim FC Chelsea, das sich allerdings zerschlug, als Bayer-Boss Wolfgang Holzhäuser öffentlich sagte, dass es für André Schürrle »keinen Preis und keine Alternative« gebe. Das Gepäck ist nicht leichter geworden.
Telefonate mit Di Matteo
25 Millionen Euro Ablösesumme hatte Chelsea geboten und das Angebot kurz vor Ablauf der Transferperiode angeblich sogar noch auf 40 Millionen Euro erhöht. Mit den Engländern selbst hat Schürrle nie gesprochen, aber sein Vater hielt ihn über die Gespräche mit Chelseas Trainer Roberto di Matteo auf dem Laufenden. Er wäre gerne gewechselt, vor allem aber hätte er sich gewünscht, dass niemand etwas von dem Angebot erfährt.
»Vielleicht sollten sich die Leute bewusstmachen, dass ich nichts dafür kann, wie viel Geld ein Klub angeblich für mich zahlen möchte«, sagt Schürrle über die unglaublichen Summen, die den Druck auf ihn erhöhen werden. Er weiß, dass an ihn nicht nur in Leverkusen viele Hoffnungen geknüpft werden. Dass er in seiner Karriere noch einen weiteren Gang einlegen kann, muss er erst noch unter Beweis stellen. Das Tempo dazu gibt er am besten selbst vor.
Was seine Liebe zur Geschwindigkeit auf den 35 Kilometern zwischen Leverkusen und Düsseldorf angeht, hat er sich immerhin einen guten Plan überlegt, wie er die Nerven seiner Mutter beruhigen kann: »Momentan habe ich nur drei Punkte in Flensburg. Ich habe ihr gesagt, die seien alle vom Falschparken!«