20.10.2012

Vor dem Spiel Leverkusen-Mainz: André Schürrle im Portät

Komm in die Gänge

Seite 2/3: Highspeed-Künstler und Nursprinter?
Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
Thomas Rabsch

Vor dem Treffen in der Bayer-Kabine hat er wieder eine seiner üblichen Sonderschichten absolviert. Zwei Mal in der Woche arbeitet er gezielt an seiner größten Waffe: der Geschwindigkeit. Gezielter Muskelaufbau, Verfeinerung der Lauftechnik, Schulung der Fähigkeit, in höchstem Tempo zugleich Ballkontrolle und Konzentration unter einen Hut zu bringen. Er will bestmöglich gewappnet sein für das immer gleiche Pokerspiel zwischen Außenstürmer und Verteidiger. Er will auch weiterhin in Höchstgeschwindigkeit die zentralen Fragen des Eins gegen Eins richtig beantworten können: Wer reagiert zuerst? Ziehe ich nach innen? Gehe ich nach außen? Oder spiele ich den Pass zu meinem Nebenmann? Dabei hat er immer die Füße des Gegners, dessen Körperhaltung und den Raum um sich im Blick. Das ist ein hochkomplexer Prozess, den zu beherrschen den entscheidenden Unterschied zwischen den zwei Polen der Außenstürmerwelt ausmacht, zwischen Arjen Robben und David Odonkor. Zwischen einem Highspeed-Künstler und einem Nursprinter.

Auf der Suche nach dem Flow

»Keine Sorge, Arme wie Sylvester Stallone werde ich nie bekommen«, sagt Schürrle auf die Frage, ob zu viele Muskeln nicht auch langsamer machen könnten. Denn mittlerweile hat er in Leverkusen neun Kilo Muskelmasse zugelegt. Er wirkt robuster. Aber ist er auch robust genug für die nächste Karrierestufe? »Als Spieler muss man dieser Typ sein wollen, der vorneweg geht. Das kann und will nicht jeder«, sagt Schürrle und klingt selbstbewusster als erwartet. Es ist viel passiert in den letzten beiden Jahren in ihm und um ihn herum. Bei der ersten Einladung zur Nationalmannschaft im November 2010 etwa traute er sich zunächst nicht, seine neuen Mitspieler anzusprechen: »Ich stand schüchtern in der Ecke und hab gehofft, dass einer auf mich zukommt.« Heute schaut er fast schon ungläubig auf seine damalige Scheu zurück. »Ich meine, genau das wollte ich immer erreichen. Aber als ich da war, wurde ich total nervös. Die Minuten in der Hotellobby kamen mir vor wie Tage.«
Mittlerweile kann Schürrle seinen Wert besser einschätzen. Das Standing in Leverkusen und in der Nationalmannschaft ist nach der EM enorm gestiegen, denn für viele war er zusammen mit Marco Reus der heimliche Gewinner des Turniers. Doch sein gutes Spiel gegen Griechenland relativiert er durch den Hinweis auf seinen katastrophalen Fehlpass, der zum zwischenzeitlichen Ausgleich der Griechen führte. Außerdem liegt ein weitgehend verkorkstes erstes Jahr beim Werksklub hinter ihm. Er verlor sich auf der Suche nach der Leichtigkeit der Mainzer Tage.

Zu Beginn der Saison 2010/11 hatte er noch erlebt, wie es ist, auf der Welle des Erfolgs zu reiten. Dieses Momentum, das Sportpsychologen mit dem Begriff Flow beschreiben. Das völlige Aufgehen in seiner Bewegung. Dieses Gefühl, alles liefe wie von selbst, war eine Grundlage der Auftritte jener Mainzer Mannschaft, die mit sieben Siegen aus den ersten sieben Saisonspielen den Startrekord in der Bundesliga einstellte. Vorneweg die strahlenden Köpfe der Mainzer Hurra-Fußballs: Lewis Holtby, 19, Adam Szalai, 22, und André Schürrle, 19. Sie feierten ihre Tore als imaginäre Rockband an der Eckfahne und trafen damit die romantische Ader der Fußballfans auch jenseits von Mainz. Plötzlich waren alle süchtig nach der Aussicht, die Bundesliga endlich wieder mit der Euphorie eines Kleinkindes zu erleben. Der durchökonomisierte Spielbetrieb mit der quasi festbetonierten Hegemonialstellung, die Schere zwischen den Kleinen da unten und den Großen da oben wurde durch den Mut, die Sorglosigkeit und die Aufmüpfigkeit der »Bruchweg-Boys« auf den Kopf gestellt. Als der 1. FSV Mainz 05 schließlich auch den Rekordmeister FC Bayern am Nasenring durch die eigene Arena führte und mit 2:1 besiegte, ließ sich die berühmteste Band der Liga zu einem Playback-Auftritt im »Aktuellen Sportstudio« überreden. Aus ganz Europa trudelten am nächsten Tag Anfragen für die Jungs ein. Sogar Manchester United soll seine Scouts an den Bruchweg entsandt haben.

Eine naive Leichtigkeit wehte durch die Liga und André Schürrle war ihr Gesicht. Er begeisterte auch mit seinen ersten Länderspieleinsätzen – nach nur 15 Bundesligaspielen über die vollen 90 Minuten - und gab schon im September 2010 den Wechsel nach Leverkusen bekannt. Die Ablösesumme von knapp neun Millionen Euro sei fast schon ein bisschen zu wenig, feixte Bayer-Sportdirektor Rudi Völler damals. Schürrles Karriere schaltete über Nacht in den vierten Gang, allerdings vergaß er dabei, die Kupplung zu treten.

 
 
 
 
 
123
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden