20.10.2012

Vor dem Spiel Leverkusen-Mainz: André Schürrle im Portät

Komm in die Gänge

A-Jugend, Boygroup, Nationalmannschaft: Der kometenhafte Aufstieg von André Schürrle geriet zuletzt ins etwas ins Stocken. Dann bot Chelsea 25 Millionen Euro für einen Wechsel. Heute trifft er auf seinen Ex-Klub Mainz 05 und man fragt sich: Wohin wird seine Vollgaskarriere noch führen?

Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
Thomas Rabsch

Luise Schürrle macht sich Sorgen. Kein Wunder, schließlich ist ihr 21-jähriger Bub weit weg von daheim, von Ludwigshafen. André wohnt mittlerweile in Düsseldorf, und obwohl er täglich zu Hause anruft, nagt es an ihr. Der Grund sind nicht etwa die möglichen Verführungen seines Lebens als Fußballprofi oder die Gerüchte um einen möglichen Wechsel ins Ausland. Es sind vielmehr die 35 Kilometer auf der Autobahn zu seinem Arbeitsplatz nach Leverkusen, die Mama Schürrle beunruhigen. »Er rast immer so«, hat sie Zeitungsreportern erzählt.

André Schürrle muss lachen: »Zu schnell gibt es für mich nicht, ich liebe Geschwindigkeit.« Er sitzt in der Kabine der Bay Arena, das Training ist gerade vorbei, und gleich ruft die Autobahn zur Fahrt in den Feierabend: die A3 hoch, dann auf die A46, immer Vollgas. Alles unter 20 Minuten ist eine gute Zeit. Seine Füße trippeln nervös auf den Boden, wenn er von seinen Fahrten am Limit des Erlaubten spricht. Tempo ist das bestimmende Thema in seinem Leben – auf und abseits des Platzes. Die Frage ist lediglich, in welchem Gang er eigentlich gerade unterwegs ist.

Der bricht doch durch, wenn den einer anhustet

Rückblick: Im Juni 2009 gewann André Schürrle mit der A-Jugend von Mainz 05 überraschend die Deutsche Meisterschaft. Im Finale setzte sich die Mannschaft des noch unbekannten Trainers Thomas Tuchel gegen den favorisierten Nachwuchs von Borussia Dortmund durch, auf dessen Seite ein gewisser Mario Götze für Furore sorgte. Schürrle hatte auf dem Weg zum Titel 14 Tore geschossen, nachdem er erst drei Jahre zuvor, als damals 15-Jähriger, aus Ludwigshafen nach Mainz gewechselt war. Vergleichsweise spät kam dieser Wechsel in einer Zeit, in der sich Profiklubs ihre Fußballzukunft gerne schon im Bambini-Alter in ihre Internate holen. Doch Schürrle brauchte die Ruhe seiner Heimat, um sich entwickeln zu können. Das erkannte man auch in Mainz und ließ das pubertierende Talent so lange wie möglich in seinem vertrauten Umfeld. Selbst als er schon beim FSV spielte, blieb er noch lange bei den Eltern in Ludwigshafen wohnen.

Als nur wenige Wochen nach der gewonnenen A-Jugend-Meisterschaft Trainer Jörn Andersen bei den Mainzer-Profis entlassen wurde, rückte Jung-Coach Tuchel auf die Bank des frischgebackenen Erstligisten nach. Seine erste Amtshandlung war mutig: Er macht den 18-jährigen Nachwuchsmann André Schürrle zum Stammspieler. Anfangs wurde der dürre Junge mit den langen Beinen kritisch beäugt. Der bricht doch durch, wenn den einer anhustet, witzelten die Kiebitze. Doch als sie den Nachwuchsmann spielen sahen, wurde es schlagartig ruhig. Denn Schürrle ist mit einem Trumpf gesegnet, der im modernen Fußball zu den gesuchtesten Fähigkeiten gehört – er ist atemberaubend schnell.

Wenn er von der linken Seite nach innen zieht, die Arme leicht rudernd von sich wirft, den Ball fast magnetisch ansaugt, scheinen die 21 anderen Spieler auf dem Feld in Zeitlupe zu verharren. Das ist bis heute so. »Er läuft pro Spiel über 500 Meter mit höchster Intensität, also in einer Geschwindigkeit über 24 km/h. Das setzt Maßstäbe – auch international«, lobte sein damaliger Trainer Thomas Tuchel öffentlich die Laufhärte seines Schützlings. »Mit seinem außergewöhnlichen Potential bringt er alles mit, um auf allerhöchstem europäischen Niveau mitzuhalten.«
In der Bundesliga kam Schürrle in seiner ersten Spielzeit im Eiltempo an: 33 Saisonspiele, sieben Tore und ein insgesamt maßgeblicher Anteil am souveränen Verbleib des FSV in der ersten Liga. Aus André Schürrle, dem dürren A-Jugend-Kicker, wurde binnen eines Jahres ein gestandener Erstligaprofi. Seine Karriere befand sich schlagartig im zweiten Gang, ohne dass Schürrle ahnte, dass er schon bald wahnsinnig ereignisreiche Monate auf der Überholspur seines Fußballtraums erleben würde.

 
 
 
 
 
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