Vor dem Sicherheitsgipfel in Berlin

»Die Situation ist ernst«

Die Politik macht Druck gegen Gewalt im Fußball, der DFB reagiert mit harten Strafen für Fans und Vereine. Die laufen Sturm dagegen – am Dienstag tagt ein Sicherheitsgipfel, allerdings ohne Fans.

Jede Woche ein Urteil, jede Woche ein Aufschrei. In diesem Sommer hat das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) so viele drastische Strafen gegen Fans und Vereine verhängt wie noch nie zuvor. Die Liste ist lang, insgesamt 20 Klubs wurden bestraft: 100.000 Euro Geldstrafe und ein Geisterspiel für Fortuna Düsseldorf, je 50.000 Euro Geldstrafe gegen Hertha BSC und den 1. FC Köln, beide Bundesliga-Absteiger dürfen zudem zu ihrem ersten Heimspiel nur 20.000 Zuschauer zulassen. Auch der Karlsruher SC wurde zu einem Geisterspiel verurteilt, Borussia Dortmund muss 75.000 Euro Strafe zahlen, Eintracht Frankfurt 50.000 Euro, Jahn Regensburg 10.000 Euro, Preußen Münster 5000 Euro, Rot-Weiß Erfurt 3000 Euro.

Wieder mal eine Sicherheitskonferenz

Fast alle Klubs haben Einspruch eingelegt, viele Fans fühlen sich missverstanden und ungerecht behandelt. Am kommenden Dienstag soll nun wieder einmal eine Sicherheitskonferenz neue Anregungen für einen friedlicheren Fußball bringen.

Unter dem Motto »Für Fußball. Gegen Gewalt« werden sich Vertreter des Profifußballs mit Sicherheitsexperten wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich oder dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz (IMK), Lorenz Caffier, austauschen. Zuletzt waren die Innenminister auf ihrer Frühjahrstagung überein gekommen, die Vereine stärker in die Pflicht zu nehmen. Die IMK forderte die Klubs und Verbände auf, Stadionverbote konsequent durchzusetzen und Pyrotechnik zu bestrafen. Der DFB reagierte auf den erhöhten Druck der Politik mit harten Strafen. Vor dem Gipfel am Dienstag ließ Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich wissen: »Die Stehplätze sind Bestandteil der Fankultur und stehen derzeit nicht zur Disposition.« Fans, die ungerne Fußballspiele im Sitzen verfolgen, wird das Wort »derzeit« unangenehm auffallen. Und auch die nachgeschobene Drohung des CSU-Politikers: »Dass dies so bleibt, haben die Fans selbst in der Hand.«

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Caffier (CDU) ließ schon einmal wissen, er erwarte am Dienstag »konkrete Vorschläge, wie Verband und Vereine künftig konsequent gegen Gewalt bei Fußballspielen vorgehen wollen«. Mit im Raum steht stets die von Polizeivertretern erhobene Forderung, die Vereine für Polizeieinsätze rund um Fußballspiele bezahlen zu lassen – ein Horrorszenario für die Klubs. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hofft, dass sich alle Beteiligten auf »klare Bestimmungen« einigen können: »Wir wollen keine Panik machen und keine Negativstimmung erzeugen. Aber die Situation ist ernst.« Aufseiten der Fans befürchtet man, dass neue Maßnahmen eine »Distanzierung zwischen den Vereinen und Verbänden auf der einen und den Fans auf der anderen Seite mit sich bringen« könnten, wie mehrere Fan-Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung mitteilten. Die Sicherheitskonferenz könne die »pauschale Kriminalisierung der Fans und die Verstärkung von Kollektivstrafen« fördern.

Am Ende der vergangenen Saison häuften sich die Ausschreitungen

Neue Dynamik hatte das Thema am Ende der vergangenen Saison bekommen. Am letzten Spieltag hüllten Fans des 1. FC Köln das ganze Stadion in eine Rauchwolke und versuchten, auf das Spielfeld zu gelangen. Das Relegations-Rückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC musste mehrfach unterbrochen werden, nachdem Berliner Fans Pyrotechnik gezündet hatten und Düsseldorfer Anhänger den Platz stürmten. Auch nach dem Relegationsspiel zwischen dem Karlsruher SC und Jahn Regensburg rannten KSC-Fans auf den Rasen und griffen Ordner an. Der DFB befand, der KSC habe nicht genug Sicherheitspersonal angestellt. »Wir haben damals alles getan, was in unserer Macht steht, um Ausschreitungen zu verhindern«, sagte hingegen Markus Schütz, der Anwalt des Vereins.

Nicht nur die Vereine fühlen sich gegängelt, auch bei den Fans wächst der Unmut. »Der DFB ist relativ hilflos«, sagt Steffen Toll vom »Förderkeis Ostkurve« von Hertha BSC. »Sie denken, sie setzen ein Zeichen. Aber das bringt nichts.« Besonders in den Ultra-Szenen hat man dem Verband und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) nicht verziehen, dass sie den Dialog über eine Teillegalisierung von Pyrotechnik abgebrochen haben. »Damit hat der DFB die gemäßigten Kräfte in den Fankurven geschwächt«, glaubt Toll. Der Förderkreis Ostkurve wird sich am Montag noch einmal mit Vertretern der Hertha-Geschäftsstelle austauschen, am Dienstag beim Sicherheitsgipfel werden aber keine Fan-Vertreter mit am Tisch sitzen. »Wir haben einen guten Dialog mit Hertha, einen super Draht«, sagt Toll. »Mit dem DFB ist das nicht so. Wir lassen uns aber nicht auseinander dividieren.«

Wie kann der DFB mit den Fans wieder ins Gespräch kommen? Diese Frage findet man in den Verbandszentralen in Frankfurt am Main nicht angebracht. Schließlich seien die Fans auch in die Task Force Sicherheit, die bereits getagt habe, eingebunden. »Was wir am Dienstag thematisieren, basiert doch auf den Ergebnissen der Task Force«, sagt DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock dem Tagesspiegel. »Und in dieser Task Force haben neben Verbänden und Vereinen, der Politik, Polizei, Justiz und auch die Fanvertretungen mitgewirkt.« Wo liegt also das Problem? Vielleicht darin, dass die Fans sich nicht auf einen Nenner bringen lassen.

Schwer zu durchschauende Rechtsprechung der Sportgerichte

In den Kurven werden die Strafen als pauschale Verurteilungen für Taten Einzelner aufgenommen. Ein weiteres Ärgernis für viele Fans ist die schwer durchschaubare Rechtsprechung der Sportgerichte. »Mit Transparenz haben die es nicht so«, sagt Toll. Herthas Einspruch gegen den Zuschauer-Teilausschluss läuft noch, es ist aber gut möglich, dass die Ostkurve des Olympiastadions im erstem Zweitliga-Heimspiel der neuen Saison leer bleibt. Die Berliner Fans, die dort sonst stehen, werden wohl trotzdem ins Stadion kommen. »Man versucht, das Beste draus zu machen, auf andere Plätze auszuweichen, eine andere Perspektive auf das Spielfeld zu bekommen«, sagt Toll.

Eine Woche nach der Sicherheitskonferenz wird es ein weiteres Spitzengespräch zwischen Politik und Fußball geben. Bereits vor dem bislang letzten runden Tisch zum Thema Fußballgewalt im vergangenen November hatte es Forderungen nach drastischen Strafen gegeben. Nach der Sitzung allerdings war davon keine Rede mehr. »Der Dialog mit den Fans ist ein Schlüsselfaktor, um des Problems Herr zu werden«, sagte Bundesinnenminister Friedrich damals. Diese Grundeinstellung scheint sich nun allerdings verschoben zu haben: weg von Gesprächen und Verhandlungen, hin zu Strafen und Gerichtsurteilen.

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