02.05.2012

Vor dem Krakauer Derby Wisla gegen Cracovia

Im Schatten des Krieges

Heute Abend steigt das gefährlichste Derby Europas. Und zwar in Polen. Wenn in Krakau Wisla und Cracovia aufeinander treffen, brennt die Hütte. Unser Autor Thomas Dudek erinnert an ein denkwürdiges Derby mitten im 2. Weltkrieg.

Text:
Thomas Dudek
Bild:
Imago

Es ist wieder so weit. Wisla und Cracovia Krakau, die zwei ältesten polnischen Vereine, deren Stadien nur durch einen Park getrennt werden, tragen am heutigen Montag ihr 185. Stadtderby aus. Als »Swieta Wojna«, der Heilige Krieg, ist das Stadtderby bekannt, und dies nicht nur in Polen. Wenn ausländische Journalisten mal wieder eine Geschichte über polnische Hooligans brauchen, gibt es ihrer Meinung nach kein besseres Reiseziel als die ehemalige Königsresidenz.

Fast ein Dutzend Todesopfer forderte die Rivalität zwischen den beiden Fangruppen in den letzten 20 Jahren. Zuletzt im Januar 2011 wurde ein stadtbekannter Cracovia-Hooligan auf bestialische Weise auf offener Straße ermordet. Eine Tat, die nicht nur den blutigen Ruf des Krakauer Derbys untermauerte, sondern auch ein schlechtes Image auf Polen als Gastgeber des diesjährigen EM warf. Dabei ergaben die späteren Ermittlungen, dass der Mord nur auf den ersten Blick etwas mit der angespannten Fan-Szene in Krakau zu tun hat. Vielmehr fällt die Tat eher in die Rubrik »Organisierte Kriminalität«, in die viele Alt-Hooligans polnischer Verein abgerutscht sind.

Ein ehemaliger Cracovia-Spieler pfiff das Derby im Krieg

Nichtsdestotrotz hat die Gewalt der vergangenen Jahre dazu geführt, dass ältere Fans die Derbys der vergangenen Jahrzehnte verklären. »Das waren andere Zeiten. Auf den Tribünen ging es kultiviert zu. Das Krakauer Derby war zwar ein großes Ereignis, aber es gab keine Aggressivität«, sagte dieser Tage der Publizist Grzegorz Miecugow, bekennender Cracovia-Fan in einen Interview für die Krakauer Ausgabe der Gazeta Wyborcza. Doch schon eine der bekanntesten Anektoden über den Heiligen Krieg zeigt, dass diese Erinnerung nicht viel mit der historischen Wahrheit gemein hat.

Am 17. Oktober 1943 trafen die beiden ältesten polnischen Vereine auf neutralem Boden, dem Garbarnia-Stadion, aufeinander. Eine Begegnung, die zu normalen Zeiten im polnischen Fußball ein Spitzenspiel gewesen wäre. Wisla gewann seit der Unabhängigkeit Polens 1918 drei Meisterschaften und einen Pokal, Cracovia konnte vier Meistertitel erringen. Neben Pogon Lemberg, Ruch Chorzow, Warta Posen, Legia Warschau dem Lokalrivalen Garbarnia gehörten die beiden Traditionsvereine zu den Spitzenklubs des polnischen Fußballs.

Ein Derby, das gar nicht hätte stattfinden dürfen

Doch als Wisla und Cracovia an diesem Oktobertag gegeneinander spielten, waren die Zeiten alles andere als normal. Seit 1939 tobte in Europa ein brutaler Krieg, der vor allem im östlichen Teil des Kontinents seine besonders hässliche Fratze zeigte. Allein im von Deutschland besetzten Polen brachten die Nazis sechs Millionen Menschen um, darunter auch bekannte Sportler der zwei Krakauer Traditionsvereine. Zudem hätte das Spiel eigentlich gar nicht stattfinden dürfen, da im Generalgouvernement den Polen das Fußballspielen verboten war.

Doch trotz des Verbots und des um sie tobenden Grauens wollten die beiden Vereine sportlich herausfinden, wer in der Stadt den besten Fußball spielte. Für die 10.000 Anhänger, die bei sonnigen Wetter in das Garbarnia-Stadion kamen, auch eine gute Gelegenheit, für 90 Minuten dem brutalen Alltag zu entfliehen. Dass die Kriegsereignisse jedoch auch Einfluss auf dieses Derby hatten, zeigte schon die Wahl des Schiedsrichters. Da sich kein anderer Unparteiischer fand, sprang Tadeusz Mitusinski als Referee ein, der zwischen 1930 und 1932 im Trikot von Cracovia 13 Tore erzielt hatte.

Eine Massenschlägerei in der 90. Minute

Und das Cracovia ihm weiterhin am Herzen lag, zeigte Mitusinski bei diesem Kriegsderby. Denn kurz vor dem Ende der 90 Minuten pfiff der nicht-neutrale Schiedsrichter beim Stand von 0:0 einen fragwürdigen Elfmeter für Cracovia, der das Spiel hätte entscheiden können.

Für die Wisla-Spieler und ihre Anhänger war diese Entscheidung jedoch nicht hinnehmbar. Sofort nach dem Elfmeterpfiff sah sich der Schiedsrichter nicht nur von den Wisla-Spielern umzingelt, sondern auch von ihren Anhängern. Eine Rudelbildung, die auch den Cracovia-Anhang auf den Plan rief. Auch diese drangen auf das Spielfeld, um ihre Lieblinge zu beschützen.

Was sich darauf entwickelte, war eine Massenschlägerei, die die Krakauer Fußballwelt bis dahin nicht gesehen hatte. Die Anhänger und Spieler der beiden Klubs prügelten nicht nur auf dem Spielfeld aufeinander ein, sondern verlagerten diese Schlägerei bis zum Podgorski-Platz im Stadtzentrum, wo die SS ihre Krakauer Hauptzentrale hatte. Doch zum Glück der zwei Fan-Gruppen war der damalige Krakauer SS-Chef ein gewisser Mitschke. Ein Österreicher, der in seiner Jugend angeblich für einen der Wiener Fußballvereine gespielt hatte. »Das sind Fußballanhänger? Ach, lasst die sich prügeln«, soll der SS-Mann nach Berichten der Chronisten beider Vereine gesagt haben, als er von der Schlägerei erfuhr.

»Schiedsrichter Mitusinski pfiff einen Schweineelfer«

Aber auch wenn das Spiel keine Konsequenzen für die Krakauer Fußballer und ihre Fans hatte, so beschäftigte es die weiterhin die Verantwortlichen. Während sich die Anhänger und Spieler von Cracovia darüber freuen konnten, dass das Spiel am grünen Tisch mit 3:0 für sie gewertet wurden, haderten die Wisla-Leute weiterhin mit Mitusinski. »Schiedsrichter Mitusinski pfiff einen Schweineelfer«, schimpften diese noch Wochen nach dem Spiel.

Doch trotz allen Unmuts: Die durch diesen Elfmeter verursachte Massenschlägerei war den Verantwortlichen von Wisla dennoch peinlich. Am 30. April 1944, als Krakau schon von den Nazis befreit war, trafen sich die beiden Vereine im Stadion von Garbarnia wieder zu einem Derby. Als das »Spiel der Einheit« wurde diese Partie ausgerufen, um sich für die Geschehnisse von 1943 zu entschuldigen. Schiedsrichter der Partie war wieder Tadeusz Mitusinski, der als Geste der Entschuldigung vor dem Anpfiff einen Blumenstrauß geschenkt bekam. Friedlich blieb es auch auf den Tribünen, obwohl Mitusinski in dem Spiel wieder einen Elfer für Cracovia pfiff. Doch mit diesem konnten die Wisla-Fans leben. Cracovia verschoss ihn und verlor am Ende mit 4:0.

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