Vor dem Essen-Derby: Die goldenen Jahre von RWE und ETB

Barfuß und Lackschuh

Rot-Weiss Essen gegen den ETB Schwarz-Weiß, das war einst sportlicher Klassenkampf. In den Fünfzigern bescherten die Klubs der Stadt gemeinsam glorreiche Fußballjahre. Vor dem heutigen Derby zwischen RWE II und dem ETB lest ihr hier die große Reportage aus unserem Spezial-Heft »Rivalen im Ruhrgebiet«.

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Spezial Nr. 5

Als das große Jubiläum naht, setzt sich der pensionierte Lehrer an seinen Computer und fängt an zu schreiben: Wir bilden einen schönen Rahmen / die heut wir hier zusammen kamen /Der Grund, der ist wohl jedem klar / ist der Pokalsieg heut’ vor 50 Jahr. Es werden mehr als 100 Verse, die erzählen, wie die Mannschaft des ETB Schwarz-Weiß Essen im DFB-Pokal 1959 triumphierte. Der Autor der Zeilen ist kein Fan, der einen Nostalgieabend mit alten Freunden plant, sondern kein Geringerer als der spielentscheidende Mann: Manfred Rummel, der kantige Mittelstürmer, der im Finale beim 5:2 über Borussia Neunkirchen zwei Tore erzielte. Mit seiner drolligen Gebrauchslyrik wird er die Lacher beim Treffen der ETB-Veteranen auf seiner Seite haben. Sein Gedicht führt zurück in eine vergessene Zeit, als die Kohlehochburg Essen das Maß aller Dinge im deutschen Fußball war. Zurück in die goldenen Fünfziger.

Rummel ist im Ruhrgebiet ein bunter Hund. Der vergnügte Mittsiebziger spielte später für Preußen Münster und den FCK. Er coachte Bayer Leverkusen und war mehr als 15 Jahre in wechselnder Funktion für Rot-Weiß Oberhausen tätig. Seinen größten sportlichen Erfolg aber feiert er als 21-Jähriger – mit dem Team aus dem Essener Süden. Von seiner Herkunft passt der Kettwiger perfekt zu dem distinguierten Image, das dem Essener Turnerbund Schwarz-Weiß e.V. in der Industriestadt vorauseilt. Sein Vater führt ein Unternehmen mit Heizungsteilen, der talentierte Sohn muss das Abitur machen, bevor er von Zuhause die Erlaubnis erhält, 1958 beim ETB als Vertragskicker anzuheuern. Eine bürgerliche Existenz in einer grauen Bergmannstadt.

Der ETB gilt als der Lackschuhklub

Seit den Zwanzigern gilt der ETB als »Lackschuhklub«. Das Klischee besagt, dass nur adrette Bürgersöhne im Süden Essens kicken. Bis in die Fünfziger hält sich das Gerücht, die ETB-Akteure wären so gestriegelt, dass sie sich sogar auf dem Rasen siezten. Auf der Haupttribüne tummeln sich die Mittelständler aus der Essener Einkaufsstraße, die am Wochenende bei der Fußlümmelei ein bisschen Zerstreuung im Freien suchen. Lange bevor Tribünen in Multifunktionsarenen als Parkett für Geschäftsanbahnungen dienen, bietet die überdachte Gerade des Uhlenkrugstadions eine Eventkulisse. Wenn ein Fußballspiel witterungsbedingt ausfällt, nehmen die Klubhonoratioren diesen Umstand klaglos hin, gerät aber irgendeine Festivität in Gefahr, abgesagt zu werden, setzen die Bosse alle Hebel in Bewegung. »Das Gesellschaftliche,« sagt Manfred Rummel, »stand beim ETB immer im Vordergrund.«

Neun Kilometer nördlich sieht die Fußballwelt ganz anders aus. Seit den späten Zwanzigern ist im Arbeiterbezirk Bergeborbeck mit Rot-Weiss Essen ein Klub groß geworden, dessen Protagonisten aus der Zeche kommen. Das soziale Gefälle, die Gegensätze im Namen und die regionale Nähe sorgen bald für eine giftige Rivalität mit dem ETB. 1939 treffen die Vereine erstmals in der Gauliga Nordrhein aufeinander. RWE gewinnt am Uhlenkrug mit 3:1, der ETB revanchiert sich an der Hafenstraße mit 5:0. Spätestens da ist klar, dass die Reichsstraße 1 (heute A 40) für Essens Fußball fortan eine unsichtbare Demarkationslinie darstellen wird. Rot-Weiss stilisiert sich als volksnaher Kumpelklub, der den Gestopften aus dem Süden Paroli bietet. Kurz: Klassenkampf mit sportlichen Mitteln. Barfuß gegen Lackschuh. Die zechenerfahrenen Anhänger aus Bergeborbeck kommen zu den Derbys fortan mit dem Ansinnen, von der Tribüne ungestraft ihre Vorgesetzten beschimpfen zu können – oder zumindest deren Sprösslinge, die auf dem Rasen im schwarz-weißen Jersey kicken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Kräfteverhältnisse gedreht. RWE bemüht zwar weiterhin das Klischee des Zechenklubs. Doch kaum ein Spieler verdient sein Geld noch im Schacht. Verantwortlich dafür ist der »Schlotbaron«: Georg Melches. Der Direktor der weltumspannenden Didier-Kogag-Hinselmann AG, eines Zulieferkonzerns im Stahlbau, nutzt seine geschäftlichen Verbindungen, um eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen. Während der ETB traditionell viel Wert auf seine Nachwuchsarbeit legt, fahndet Melches in den Nachkriegsjahren sehr intensiv nach Hochbegabten. Und als guter Geschäftsmann weiß er genau, wie er die Kicker locken kann: Neben dem festgeschriebenen Gehalt von maximal 320 Mark, bietet er den Neuerwerbungen eine berufliche Perspektive, meist durch eine Zweitverwendung im Didier-Universum.

Helmut Rahn wechselt 1951 für 7000 Mark

So wechselt Helmut Rahn 1951 für eine Ablöse von 7000 Mark von den Sportfreunden Katernberg zu RWE und wird als Fahrer beschäftigt. Dem Vernehmen nach nutzt Rahn den Opel Kapitän, der ihm von Didier gestellt wird, jedoch weitgehend als Privatwagen. Nur wenn Georg Melches Lust verspürt, mit seinem Edeltransfer das Oberligageschehen zu diskutieren, fordert der Mäzen ihn als Chauffeur an. Der Kölner Keeper Fritz Herkenrath bekommt nach seinem Wechsel in Essen das Lehramtsstudium finanziert und wirkt anschließend als Werkslehrer bei Didier. Auch wenn der Klub sich auf sein Underdog-Image beruft, der Grund dafür, dass RWE in der ersten Hälfte der Fünfziger zu höchsten Fußballweihen kommt, sind die wirtschaftlichen Argumente, mit denen Melches seine Neuzugänge überzeugt.

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