Vor dem EM-Viertelfinale: Die brisantesten Duelle aller Zeiten

Das politische Spiel

Wenn Deutschland am Freitag gegen Griechenland antritt, wird die griechische Finanzkrise zumindest indirekt eine große Rolle spielen. Immer wieder gab es Begegnungen, in denen der Fußball in einen politischen Kontext geriet. Eine Auswahl.

Honduras vs. El Salvador, 1969

Als sich Honduras und El Salvador 1969 in der WM-Qualifikation gegenüberstanden, pflegten beide Länder bereits eine angespannte Beziehung. Honduras hatte seit den Sechzigern Flüchtlingen aus El Salvador als Auffangbecken gedient, die honduranische Regierung grollte. In Flüchtlingslagern herrschten miserable Zustände. In diese Spannung platzte das brisante Duell. Das Gastspiel in Honduras verlor El Salvador mit 0:1, die zweite Auflage gewannen sie 3:0. Beide Partien waren begleitet von wüsten Ausschreitungen. »Beim Rückspiel beschossen die Fans unser Hotel mit Raketen«, erklärte der honduranische Verteidiger Azulejo Bulnes. Um Neutralität zu wahren, fand das entscheidende Spiel in Mexiko statt. El Salvador siegte 3:2 – doch der Jubel vom 26. Juni 1969 verstummte schnell. Das unterlegene Honduras forderte den Nachbarn in der Folge mit Vehemenz auf, seine Einwanderer zurückzunehmen. Am 14. Juli 1969 marschierte El Salvador in Honduras ein. Die militärische Offensive ging als »Fußballkrieg« in die Geschichte ein. Mehr als 2000 Menschen starben. Erst die Organization of American States konnte einen Waffenstillstand vermitteln.

BRD vs. DDR, 1974

Wohl kaum ein Fußballspiel barg so viel politische Brisanz wie das deutsch-deutsche Duell der WM 1974. Zum ersten und einzigen direkten Aufeinandertreffen der Bruderstaaten entsendete das SED-Regime im Zuge der »Aktion Leder« linientreue Fans und hoch dekorierte Stasi-Funktionäre nach Hamburg, die mit dem Schlachtruf »7, 8, 9, 10 - Klasse« den Systemvergleich anheizen sollten. Zwar hatte der Grundlagenvertrag von 1972 die Beziehung beider Länder befriedet, aber an der Affäre um Kanzleramtsspion Günter Guillaume, die Willy Brandt das Amt kostete, entzündeten sich neue Ressentiments. Es konnte nicht verwundern, dass vor dem Anpfiff in die verbale Kriegskiste gegriffen wurde. »Die Bundesrepublik wird auf ihrem Territorium niemandem Offensiven erlauben«, unkte DDR-Coach Georg Buschner. Die sportliche Komponente geriet im Trubel der zum Klassenkampf erklärten Begegnung ins Hintertreffen, auch die Spieler ließen sich anstecken. Paul Breitner und Siegtorschütze Jürgen Sparwasser wagten den Trikottausch erst im Kabinengang. Auch nach dem überraschenden 1:0 der DDR über Helmut Schöns Europameister riss die politische Vereinnahmung nicht ab: »Der Osten hält seine Mauer intakt«, titelte der britische Sunday Telegraph, und die Bild am Sonntag erkannte »ein Schauspiel deutscher Teilung«.

Argentinien vs. England, 1986

Vier Jahre nach dem Falkland-Krieg standen sich Argentinien und England im WM-Viertelfinale in Mexiko-Stadt gegenüber. Ausgebrochen war der Konflikt um die kargen, seit 1833 zu Großbritannien gehörenden Felsformationen im Atlantik 1982. Die in Argentinien herrschende Militärjunta wollte die Inseln gegen den Widerstand der Bewohner annektieren, England schickte seine Flotte und beendete sowohl den Angriff als auch die Zeit der Junta an der Spitze des Landes. In Argentinien begann der demokratische Umschwung, das Land fühlte sich jedoch durch die Niederlage im Krieg gedemütigt. Es war Diego Maradona, der mit seinen zwei Treffern Argentinien seinen Stolz zurückbrachte. Der erste mit der Hand, der berühmten göttlichen, der Maradona im Anschluss ans Spiel selbst diesen Namen gab. Der zweite mit dem Fuß nach einem Sprint über den halben Platz, bei dem der dickliche Maradona die athletischen Engländer wie Hütchen stehen ließ – von der Uefa zum Tor des Jahrhunderts gewählt. „Ein Tor, wie ein Gedicht“, schrie damals der argentinische Kommentator. Die mehr als 100 000 Zuschauer im Stadion in Mexiko-Stadt jubelten, Argentinien jubelte. Nur die Bewohner der Falkland-Inseln jubelten nicht. Noch heute kämpft Argentinien um die Inselgruppe, mittlerweile jedoch friedlich, mit Volksabstimmungen und vor der UN.

Die fünf brisantesten Spiele aller Zeiten

USA vs. Iran, 1998

Samuel Huntingtons geflügeltes Schlagwort vom »Kampf der Kulturen« war selten so bei einem Fußballspiel präsent wie vor dieser Begegnung bei der WM in Frankreich. Seit der islamischen Revolution von 1979 waren Iran und die USA verfeindet, sie unterhielten keine diplomatischen Beziehungen. Ihre schwachen Fußballmannschaften hatten sich selten für Turniere qualifiziert, die Notwendigkeit zu sportlichen Duellen bestand bis dato nicht. Kurz vor dem Spiel in Lyon lief auf einem französischen Sender der Film »Nicht ohne meine Tochter«, in dem es auch um religiöse Unterdrückung im Iran ging. Ein Affront aus Sicht der Iraner - sie drohten gar mit der Abreise. Und auf dem Platz? Multikulturelle Versöhnung. Die Spieler posierten für ein gemeinsames Foto, übergaben sich Blumen und Geschenke. Iran gewann das Spiel mit 2:1, der möglichst neutrale Schiedsrichter Urs Meyer aus der möglichst neutralen Schweiz pfiff sicher. Danach sprach er von einer »schier unvorstellbaren« Spannung vor dem Spiel und bezeichnete den friedlichen Verlauf der Begegnung als das Highlight seiner langen Karriere. Am Ende der WM stand für beide Mannschaften neben menschlicher Versöhnung die sportliche Enttäuschung, beide schieden in der Gruppe aus, die USA wurden sogar zum punktschlechtesten Team des Turniers.

Frankreich vs. Senegal, 2002

Das Eröffnungsspiel der WM 2002 lotste den amtierenden Welt- und Europameister Frankreich gegen WM-Neuling Senegal. Brisanz war im Vorfeld aufgrund des politisch-geschichtlichen Hintergrunds gegeben. Michel Platini nannte es »das Duell der Franzosen im Ausland gegen die Ausländer in Frankreich«. Tatsächlich waren bis auf eine Ausnahme alle französischen Profis über ganz Europa verstreut, derweil 21 Spieler der »Löwen von Tiranga« in der französischen Ligue 1 unter Vertrag standen. Dazu war der Senegal 1895 die erste Kolonie Frankreichs gewesen, hatte erst 65 Jahre später seine Unabhängigkeit feiern dürfen. Das Duell gegen die ehemalige Besetzungsmacht wurde in vielen senegalesischen Zeitungen mit martialischen Schlagzeilen zur »Chance auf Vergeltung« hochgejazzt. Tatsächlich sollte dem Senegal die sensationelle Genugtuung gelingen. Gegen eine in die Jahre gekommene Équipe Tricolore, die ohne den verletzten Zinédine Zidane antrat, markierte Papa Bouba Diop den 1:0-Siegtreffer. Unter Vertrag stand der Angreifer natürlich in Frankreich, beim RC Lens.

Was sich bei diesen Partien auf dem Platz abspielte, seht ihr in unserer Bildergalerie!

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