21.06.2012

Vor dem EM-Viertelfinale: Die brisantesten Duelle aller Zeiten

Das politische Spiel

Wenn Deutschland am Freitag gegen Griechenland antritt, wird die griechische Finanzkrise zumindest indirekt eine große Rolle spielen. Immer wieder gab es Begegnungen, in denen der Fußball in einen politischen Kontext geriet. Eine Auswahl.

Text:
N. Afanasjew, M. Herrmann, C. Drescher, C. Erbelding
Bild:
Imago

Honduras vs. El Salvador, 1969

Als sich Honduras und El Salvador 1969 in der WM-Qualifikation gegenüberstanden, pflegten beide Länder bereits eine angespannte Beziehung. Honduras hatte seit den Sechzigern Flüchtlingen aus El Salvador als Auffangbecken gedient, die honduranische Regierung grollte. In Flüchtlingslagern herrschten miserable Zustände. In diese Spannung platzte das brisante Duell. Das Gastspiel in Honduras verlor El Salvador mit 0:1, die zweite Auflage gewannen sie 3:0. Beide Partien waren begleitet von wüsten Ausschreitungen. »Beim Rückspiel beschossen die Fans unser Hotel mit Raketen«, erklärte der honduranische Verteidiger Azulejo Bulnes. Um Neutralität zu wahren, fand das entscheidende Spiel in Mexiko statt. El Salvador siegte 3:2 – doch der Jubel vom 26. Juni 1969 verstummte schnell. Das unterlegene Honduras forderte den Nachbarn in der Folge mit Vehemenz auf, seine Einwanderer zurückzunehmen. Am 14. Juli 1969 marschierte El Salvador in Honduras ein. Die militärische Offensive ging als »Fußballkrieg« in die Geschichte ein. Mehr als 2000 Menschen starben. Erst die Organization of American States konnte einen Waffenstillstand vermitteln.

BRD vs. DDR, 1974

Wohl kaum ein Fußballspiel barg so viel politische Brisanz wie das deutsch-deutsche Duell der WM 1974. Zum ersten und einzigen direkten Aufeinandertreffen der Bruderstaaten entsendete das SED-Regime im Zuge der »Aktion Leder« linientreue Fans und hoch dekorierte Stasi-Funktionäre nach Hamburg, die mit dem Schlachtruf »7, 8, 9, 10 - Klasse« den Systemvergleich anheizen sollten. Zwar hatte der Grundlagenvertrag von 1972 die Beziehung beider Länder befriedet, aber an der Affäre um Kanzleramtsspion Günter Guillaume, die Willy Brandt das Amt kostete, entzündeten sich neue Ressentiments. Es konnte nicht verwundern, dass vor dem Anpfiff in die verbale Kriegskiste gegriffen wurde. »Die Bundesrepublik wird auf ihrem Territorium niemandem Offensiven erlauben«, unkte DDR-Coach Georg Buschner. Die sportliche Komponente geriet im Trubel der zum Klassenkampf erklärten Begegnung ins Hintertreffen, auch die Spieler ließen sich anstecken. Paul Breitner und Siegtorschütze Jürgen Sparwasser wagten den Trikottausch erst im Kabinengang. Auch nach dem überraschenden 1:0 der DDR über Helmut Schöns Europameister riss die politische Vereinnahmung nicht ab: »Der Osten hält seine Mauer intakt«, titelte der britische Sunday Telegraph, und die Bild am Sonntag erkannte »ein Schauspiel deutscher Teilung«.

Argentinien vs. England, 1986

Vier Jahre nach dem Falkland-Krieg standen sich Argentinien und England im WM-Viertelfinale in Mexiko-Stadt gegenüber. Ausgebrochen war der Konflikt um die kargen, seit 1833 zu Großbritannien gehörenden Felsformationen im Atlantik 1982. Die in Argentinien herrschende Militärjunta wollte die Inseln gegen den Widerstand der Bewohner annektieren, England schickte seine Flotte und beendete sowohl den Angriff als auch die Zeit der Junta an der Spitze des Landes. In Argentinien begann der demokratische Umschwung, das Land fühlte sich jedoch durch die Niederlage im Krieg gedemütigt. Es war Diego Maradona, der mit seinen zwei Treffern Argentinien seinen Stolz zurückbrachte. Der erste mit der Hand, der berühmten göttlichen, der Maradona im Anschluss ans Spiel selbst diesen Namen gab. Der zweite mit dem Fuß nach einem Sprint über den halben Platz, bei dem der dickliche Maradona die athletischen Engländer wie Hütchen stehen ließ – von der Uefa zum Tor des Jahrhunderts gewählt. „Ein Tor, wie ein Gedicht“, schrie damals der argentinische Kommentator. Die mehr als 100 000 Zuschauer im Stadion in Mexiko-Stadt jubelten, Argentinien jubelte. Nur die Bewohner der Falkland-Inseln jubelten nicht. Noch heute kämpft Argentinien um die Inselgruppe, mittlerweile jedoch friedlich, mit Volksabstimmungen und vor der UN.

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