Vor dem African Cup of Nations

Der Bison muss nicht sprechen

Ab dem 20. Januar soll der African Cup of Nations einen Fingerzeig geben, wozu der Kontinent bei der WM 2010 in der Lage sein wird. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Michael Essien – einem Spieler, wie ihn Afrika noch nicht gesehen hat. Imago
Heft #74 01 / 2008
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Wunderbare Stürmer aus Afrika sind keine Rarität mehr. George Weah war ein König, Anthony Yeboah ein Juwel, und heute zählen Samuel Eto’o und Didier Drogba zu den fünf besten Torjägern auf dem Globus. Auch großartige Mittelfeldspieler hat der Schwarze Kontinent schon geboren, die inspirierte Kunst von Jay-Jay Okocha oder das geschmeidige Spiel eines Abedi Pelé waren Geschenke für den Fußball. Defensiv denkende Fußballstrategen von Weltformat suchte man jedoch lange Zeit vergebens in Afrika. Bis Michael Essien auftauchte.

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Der Mittelfeldspieler vom FC Chelsea sei der perfekte Spieler, hat Jose Mourinho, sein ehemaliger Trainer, einmal über Essien gesagt. Der 26-Jährige macht praktisch keinen Fehler, ist überall einsetzbar, findet in der Defensive immer den richtigen Laufweg, und Zweikämpfe führt er so kraftvoll, dass ihm einst der Spitzname »Bison« verpasst wurde. Vor allen Dingen jedoch lenkt er das Spiel mit einer Intelligenz, die es in dieser Kombination aus Willenskraft, Geschmeidigkeit und Dynamik nur selten gibt. »Er muss nicht sprechen, er reißt eine Mannschaft durch seine Aktionen mit«, sagt Hans Sarpei von Bayer Leverkusen, der mit Essien in Ghanas Nationalteam spielt. Beim Afrika Cup vom 20. Januar bis 10. Februar wollen die beiden als Gastgeber ihren ersten Titel mit der Nationalmannschaft gewinnen, und Essien könnte beim Heimturnier endgültig zu einem Denkmal werden in Ghana. Manche glauben ohnehin längst, dieser Spieler sei ein Prophet des afrikanischen Fußballs. Der Vorbote einer glanzvollen und ruhmreichen Zukunft, die bei der WM 2010 in Südafrika endlich anbrechen soll.

Die Goldgräberstimmung lebt

Es ist schon viel über die Potenziale des Kontinents diskutiert worden, nur ausgeschöpft wurden sie bislang nicht im Ansatz. Als der große Pelé Kameruns tolle Auftritte bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien sah, prognostizierte er begeistert, dass noch »vor dem Jahrtausendwechsel ein afrikanisches Team Weltmeister« werden würde. Die Realität sah anders aus. Mehr als Kameruns Viertelfinaleinzug hat bislang keine Mannschaft erreicht. Die Versuche, Afrikas Fußballschätze zu bergen, sind eine Sisyphosaufgabe.

Die Goldgräberstimmung lebt jedoch. Berti Vogts, der als Nationaltrainer Nigerias arbeitet, wird ganz aufgeregt, wenn er an die Möglichkeiten des Kontinents denkt. »Würde man den Fußball hier in Nigeria einmal richtig organisieren, wäre diese Nation mit ihren 180 Millionen Einwohnern hinter Brasilien das Land mit den meisten und besten Fußballern der Welt«, sagt er. Trainer, die einen genauen Blick in die Länder südlich der Sahara werfen, sind fasziniert vom Talent der Spieler, die sie dort vorfinden. Uli Stielike, kürzlich zurückgetretener Trainer der Elfenbeinküste, meint: »Noch nie hatte ich so viele so starke Spieler in einer Mannschaft.« Und der Weltenbummler Otto Pfister, ein Afrikakenner, ist fest von einer genetischen Überlegenheit schwarzer Fußballer im Vergleich mit den Weißen überzeugt. Gemessen an der Beweglichkeit afrikanischer Spieler seien Europäer »hüftsteif«, sagt er, und spricht von einer »souplesse naturelle«, was frei übersetzt ungefähr »gottgegebene Schmiegsamkeit« heißt. Pfister schwärmt von der angeborenen Technik, zu der sich eine Überlegenheit im Ausdauerbereich geselle. »Läuferisch sind die Afrikaner unschlagbar, das sieht man schon in der Leichtathletik«, findet der 70-Jährige, der sieben unterschiedliche afrikanische Nationalteams trainiert hat und 2008 mit Kamerun seinen vierten Afrika Cup als Trainer erleben wird. Vermutlich ist es kein Zufall, dass auch europäische Nationalmannschaften wie England und Frankreich längst von farbigen Spielern geprägt werden. Blickt man auf die Nachwuchsteams des DFB, scheint dieser Trend nach den Vorreitern Asamoah und Odonkor langsam auch in Deutschland angekommen zu sein.

Natürlich besitzt auch Michael Essien all die Vorzüge dunkelhäutiger Fußballer, doch dem Ghanaer ist etwas gelungen, was nur den wenigsten Afrikanern glückt: Er hat es geschafft, diese Vorteile mit den wichtigsten Merkmalen des europäischen Fußballs zu kombinieren: Professionalität, Besonnenheit, einer gesunden Mischung aus Temperament und Kühle, und natürlich strategischen Fähigkeiten. An diesem Schritt scheitern nach wie vor zu viele afrikanische Talente. Noch bei den Junioren-Weltmeisterschaften sind westafrikanische Nationen erheblich erfolgreicher als die großen europäischen Länder. Die U 17-WM hat Nigeria dreimal gewonnen und erreichte insgesamt fünfmal das Halbfinale, Ghana ist zweifacher Titelträger sowie sechsfacher Halbfinalist. Ähnlich erfolgreich ist in diesem Wettbewerb nur Brasilien. Auch bei den U 20-Turnieren kommen die besten westafrikanischen Fußballnationen oft weit. Doch beim Sprung von der Jugend in den Seniorenbereich geht dann offenbar irgendetwas schief im Entwicklungsprozess vieler Spieler.

Sonnenbrille, Sportwagen, Größenwahn

Berti Vogts glaubt zumindest einen der Gründe zu kennen. Nachdem der Nachwuchs Nigerias im vergangenen Spätsommer U 17-Weltmeister wurde, hat Staatspräsident Umaru Musa Yar’Adua jedem der Sieger ein hübsches Haus geschenkt und eine beachtliche Geldsumme oben drauf. »So etwas kann ich überhaupt nicht verstehen, das lehne ich als Trainer total ab«, sagt Vogts, der glaubt, solch eine frühe Erhebung in den Heldenstatus schade der Persönlichkeitsentwicklung. Es sei eine harte Probe für die Jugendlichen, in der Heimat schon jetzt als Superstars zu firmieren, und das in einem Land, in dem Fußballspieler ohnehin verehrt werden wie Götter. Die größte nationale Fußballzeitschrift »Kick Off« besteht überwiegend aus langen Fotostrecken, in denen sich die aktuellen Nationalspieler in protzigen Villen fotografieren lassen, sie posieren mit verspiegelten Sonnenbrillen in ihren Sportwagen und präsentieren stolz ihre aufgedonnerten Frauen. Es hat etwas von Größenwahn.

Die Sehnsucht nach dem schnellen Reichtum spielt oft eine Rolle auf dem Weg talentierter Fußballer in den Abgrund gescheiterter Träume. Immer noch geraten viele Spieler an Agenten, die sich um eine nachhaltige Karriereplanung nicht scheren. Europa wird als gelobtes Land gepriesen, junge Männer, denen Lebenserfahrung, Bildung und Sprachkenntnisse fehlen, werden irgendwo verschachert und müssen dort erst mal ein Alltagsleben auf die Reihe kriegen. Zuhause wartet derweil ein Familienclan, der nicht selten aus 70 Leuten besteht, und fest damit rechnet, dass der Junge in Europa ihnen ein besseres Leben bescheren wird, auch wenn er nur bei KSK Ronse in der 2. belgischen Liga gelandet ist. Der Franzose Claude Le Roy pflegte wegen der Gefahr solcher Karriereverläufe als Trainer der kongolesischen Nationalmannschaft Aufpasser an den Hotellifts zu postieren, um ausländischen Agenten den Zugang zu seinen Spielern zu erschweren. »Diese Sklavenhändler des Fußballs treiben sich überall herum«, schimpft der heutige Coach Ghanas: »Ich wollte nicht noch eine Generation von 35- bis 40-jährigen afrikanischen Fußballspielern mittellos auf Europas Straßen enden sehen, nur weil sie mit dieser Situation nicht umzugehen wussten.«

In der heilen Welt der Nachwuchsturniere sind diese Probleme noch irreal. Der Traum lebt und das beflügelt. »Außerdem kann man bei solchen Wettbewerben noch viel mit Technik und Kraft machen«, glaubt der in Deutschland aufgewachsene Sarpei. Die taktisch-strategischen Grundlagen fehlten den hoch veranlagten Spielern hingegen oft, das mache sich aber erst später bemerkbar. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass es vor allen Dingen Stürmern gelingt, sich zu Weltklassespielern zu entwickeln, denn ihr Wirkungsfeld verzeiht noch am ehesten taktische Defizite.

Wie eklatant mangelhaftes Spielverständnis in Afrika bisweilen sein kann, zeigte sich bei einer Partie des Afrika Cups 2004 in Tunesien. Es war ein Vorrundenspiel zwischen Ägypten und Algerien: Die Ägypter gerieten früh mit 0:1 in Rückstand, und als nach 26 Minuten ein umstrittenes aber reguläres Ausgleichstor fiel, verloren die 5000 algerischen Anhänger völlig den Kopf. Sie schmissen Feuerwerkskörper, die Tribüne verwandelte sich in eine hysterisch kreischende Masse, und als kurz darauf ein algerischer Spieler (zurecht) mit Gelb-Rot vom Platz musste, verließen mehrere tausend Fans in einem beleidigten Protestakt das Stadion. Sie verpassten den aufopferungsvollen Kampf ihrer Mannschaft, und die Kunde vom 2:1-Sieg mussten die über 1000 Kilometer angereisten Algerier sich später von den wenigen Besonnenen erzählen lassen, die nicht abgehauen waren. Auch südlich der Sahara werde »oft zu emotional und zu wenig mit Köpfchen« agiert, sagt Sarpei. Das gilt für das Verhalten der Fans ebenso wie für die Darbietungen auf dem Platz und die Arbeit in den Büros der Verbände. Dort sieht der zweifache Bundesligatorschützenkönig Anthony Yeboah immer noch die Haupt-ursache für die Probleme Afrikas. »Wir haben keine früheren Spieler wie Franz Beckenbauer, die den Fußball regieren, hier machen das Richter oder Politiker, die keine Ahnung vom Spiel haben«, sagt der Ghanaer. Die Interessen der Spieler stünden nie im Mittelpunkt. Jüngst wollte der Verband Kameruns Horst Köppel als neuen Nationaltrainer einstellen, doch der Sportminister installierte Otto Pfister, gegen den Willen der Fußballfunktionäre.

»Ich bin unglücklich über die Auftritte in den letzten 15 Jahren«

Die Folgen solcher Machtstrukturen sind die alten Probleme, die Afrikas Fußball wohl bis in alle Ewigkeit begleiten werden: schlecht organisierte Reisen, voreilig entlassene Trainer, hitzige Verhandlungen zwischen Spielern und Offiziellen um die Auszahlung von Prämien, gerne auch in den Nächten vor wichtigen Spielen, katastrophale Rasenplätze, eine mangelhafte medizinische Betreuung und schlechtes Essen. »Da verlieren meine Spieler, die drei Tage zuvor vor 60 000 Leuten auf einem perfekten Rasen in England gespielt haben, ihre Motivation«, erzählt Stielike. Die Fußballgrößen Kamerun, Senegal und Nigeria haben vor allem aufgrund solcher Ärgernisse und der daraus resultierenden Lustlosigkeit der Kicker die Qualifikation für die WM 2006 verpasst. Marcel Desailly, französischer Weltmeister von 1998 mit ghanaischen Wurzeln, sagt deshalb: »Ich bin sehr unglücklich über die Auftritte der afrikanischen Mannschaften in den letzten 15 Jahren. Und ich glaube nicht, dass sich bei der WM 2010 irgendetwas bessern wird.«

Ähnlich skeptisch sind auch die großen europäischen Trainer, die kaum Interesse zeigen, afrikanische Nationalmannschaften zu übernehmen. Oft sind es immer noch die Männer der alten Schule, die in Afrika arbeiten. Leute, die in Europa gescheitert sind oder schon lange weg waren. Viele Afrikaner wünschen sich mittlerweile heimische Trainer in den verantwortlichen Positionen, doch denen fehlt meist die Erfahrung auf Weltklasseniveau. »Das Spiel entwickelt sich rasant immer weiter, wir haben eine neue Taktik, neue Trainingsmethoden«, sagt Yeboah. »Die afrikanischen Trainer müssen ins Ausland gehen, damit sie dort etwas lernen. So lange das nicht passiert ist, brauchen wir die europäischen Coaches.« Sobald auch an der Basis zumindest ansatzweise mit europäischem Know-how gearbeitet wird, stellen sich nämlich sofort Erfolge ein. In Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, gibt es die einzige professionell geführte Fußballakademie in Westafrika. Rund ein Drittel der heutigen Nationalmannschaft ist aus dieser von zwei Franzosen geführten Schmiede hervorgegangen. »Ohne dieses Projekt wäre die Mannschaft nicht das, was sie heute ist«, sagt Stielike. Dass die Elfenbeinküste mit Emmanuel Eboué und Kolo Touré über die taktisch versiertesten Abwehrspieler des Kontinents verfügt, ist wohl auch ein Ergebnis dieser Ausbildung.

Aber es scheint noch eine weitere wichtige Voraussetzung dafür zu geben, dass afrikanische Fußballer den Sprung in den Kreis der besten Spieler der Welt schaffen: eine zurückhaltende Persönlichkeit. Didier Drogba, Samuel Eto’o, die Brüder Yaya und Kolo Touré sowie natürlich Essien sind sämtlich eher schüchterne Menschen. Männer, die in sich zu ruhen scheinen, die noch nicht entrückt sind aus der Welt ihrer Kindheit. »Der Mensch, auf den ich am meisten höre, ist meine Mutter«, hat Essien mal gesagt. »Sie weiß, dass viele Afrikaner schnell die fundamentalen Werte vergessen, wenn sie reich und berühmt geworden sind. Sie hilft mir, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben.«


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