Vor 60 Jahren: Ungarns Triumph in Wembley

Sechs Tore für ein Halleluja

Vor 60 Jahren gewann Ungarn mit 6:3 in Wembley und zerstörte den Mythos vom unbesiegbaren Mutterland – dank überlegener Technik und einem taktischen Kniff. In der 11FREUNDE #144 ist die Redaktion dem historischen Sieg auf den Grund gegangen.

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Der große, vornehme Mann wollte seinen Landsleuten eine Lehrstunde verschaffen. Also ging der englische Verbandssekretär und spätere FIFA-Präsident Sir Stanley Rous beim Internationalen Sportkongress Ende 1952 im schweizerischen Crans-Montana auf den ungarischen Cheftrainer Gusztáv Sebes zu und lud dessen Mannschaft zu einem Länderspiel ins Wembley-Stadion ein. Die Ungarn hatten bei den Olympischen Spielen in Helsinki mit dem Gewinn der Goldmedaille weltweit für Aufsehen gesorgt. Rous hatte sie bei ihrem 2:0-Finalsieg über Jugoslawien gesehen und war begeistert. Vor allem aber hielt er die Ungarn für stark genug, als erstes Nationalteam vom Kontinent die Engländer auf der Insel zu besiegen. Rous wollte diese Niederlage als eine Schocktherapie, weil er den Fußball im eigenen Land schon lange für veraltet hielt, ohne Witz und Ideen.

Verlieren ist verboten

Dass es am 25. November 1953 wirklich zu diesem Spiel kam, hing allerdings bis zum Schluss am seidenen Faden. Ungarns KP-Chef Mátyás Rákosi tendierte dazu, den Auftritt in Wembley zu verbieten, denn wer konnte ihm schon einen Erfolg garantieren. Andererseits war es verlockend, im Mutterland des Fußballs und des Kapitalismus mit »sozialistischem Fußball« zu triumphieren. Der Schriftsteller und Historiker György Dalos beschreibt das damalige Wechselspiel zwischen Politik und Fußball so: »Der unaufhaltsame Siegeszug des ungarischen Fußballs schien für Momente die brutale gesellschaftliche Realität zu verdecken – die Schauprozesse, Zwangskollektivierung und Gleichschaltung der Presse.« Dem seit Stalins Tod im Frühjahr 1953 verunsicherten Regime kamen die Siege ihres Dream-Teams nur recht, und letztlich gab Rákosi für die Reise nach England sein Okay. Nationaltrainer Sebes wusste fortan allerdings auch: »Verlieren ist verboten.«

Zehn Tage vor dem Wembley-Auftritt kamen die Schweden zum letzten Test nach Budapest. Auf der Tribüne beobachtete der englische Stab mit Teammanager Walter Winterbottom eine ungarische Mannschaft, die einen schlechten Tag erwischt hatte. Beim 2:2 verschoss Kapitän Puskás sogar einen Elfmeter. In der Halbzeitpause ging er zu Sebes und bat ihn, den hart aufgepumpten englischen Ball gegen einen der kontinentalen einzutauschen. Doch der Trainer wusste, dass die Bälle von der Insel ein anderes Flugverhalten hatten und lehnte ab. »Das Spiel gegen Schweden war für mich sekundär«, erklärte er den Journalisten später, »ich hatte nur den Rasen von Wembley vor Augen.

Große Kohle - großes Spiel

«Vor dem Wembley-Trip war die Stimmung in Ungarn aufgeheizt. Es gab Gerüchte über angeblich wahnsinnige Gehälter der Spieler, die überdies bei Auslandsreisen angeblich zollfrei Luxusartikel wie Nylonstrümpfe, Uhren, Kaffee oder Schallplatten importierten. Letzteres stimmte tatsächlich und besser bezahlt als der Durchschnitt waren die Nationalspieler auch, etwa auf dem Niveau eines Gymnasiallehrers. Hinzu kamen Prämien. »Genosse Minister«, soll Kapitän Puskás seinem obersten Dienstherren vor der Englandreise bei Prämienverhandlungen gesagt haben, »kleine Kohle – kleines Spiel, große Kohle – großes Spiel.« Das Volk duldete den vergleichsweise opulenten Lebensstil der geliebten Weltklassespieler aber nur, wenn sie glanzvolle Unterhaltung boten. Beim enttäuschenden Remis gegen Schweden wurde das gesamte Team, besonders aber Puskás, gnadenlos ausgepfiffen.

Um die Stimmung zu heben, fuhren die Ungarn mit der Eisenbahn über Paris nach London. Die schöne Tour, das Erlebnis der Alpen und ein Besuch im Pariser Revuetheater »Lido« sollten sie ablenken. Nach zwei torreichen Testspielen gegen die Mannschaft der Pariser Renault-Werke, in der Sebes während der zwanziger Jahre selbst gespielt hatte, ging es gelöst nach London. Die Mannschaft zog ins »Cumberland Hotel« in der Nähe der Oxford Street. Den Küchenchef bat Sebes, ein ungarisches Nationalgericht von der Karte zu streichen: »Gulasch gibt es erst wieder nach dem Spiel.«

Die englische Presse empfing die drei Jahre ungeschlagenen Ungarn wenig respektvoll. Der »Daily Mirror« schrieb: »Die Magyaren werden wie ihre fetten Gänse aus der Puszta geschlachtet.« Auch von Ferenc Puskás zeigte sich die Zeitung wenig beeindruckt. »Es ist wohl ein Witz, dass dieser kleine fette Kerl England stürzen könnte.« Die selbstgerechten Erfinder des Fußballs konnten sich nicht vorstellen, dass ihre Stars von einer Mannschaft besiegt werden würden, die vom Kontinent kam. Die Spieler um Kapitän Billy Wright, den späteren Nationaltrainer Alf Ramsey, Stürmer Stan Mortensen und das Dribbelwunder Stanley Matthews hielten sie in Wembley für unschlagbar.

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