25.11.2013

Vor 60 Jahren: Ungarns Triumph in Wembley

Sechs Tore für ein Halleluja

Seite 3/4: Der Beginn der Moderne
Text:
Gottfried Weise
Bild:
Picture Alliance

In Ungarn gehen bis heute die Meinungen auseinander, ob der große Sieg in Wembley und die Erfolgsserie der »Goldenen Mannschaft« eine Fügung des Schicksals oder die Tat eines großen Taktikers war. Fakt ist, dass die vier Weltklassespieler Puskás, Bozsik, Kocsis und Hidegkuti nicht von Gusztáv Sebes entdeckt wurden. Aber hätten sie auch ohne ihn so raffiniert gespielt wie damals in London? Sebes setzte konsequent einen Fünfjahresplan um, der von 1949 bis zur Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz reichte. Dazu gehörte auch die Blockbildung, und so sorgte Sebes dafür, dass die Nationalspieler bei Honvéd und MTK Budapest zusammengezogen wurden. Mit Torhüter Grosics, Stopper Lóránt, Außenläufer Bozsik und den Stürmern Budai II, Kocsis, Czibor und Puskás hatte er insgesamt sieben von ihnen beim Armeeverein Honvéd installiert. Dass Gyula Lóránt dort spielen durfte, der später viele Jahre in der Bundesliga als Trainer arbeitete, bewies den weitreichenden Einfluss von Sebes. Denn er bekam Lóránt frei, obwohl der nach einem Fluchtversuch im März 1949 im Lager Kistarcsa interniert war. »Ich ging zu Innenminister János Kádár und konnte ihn überzeugen, dass wir Lóránt dringend benötigten, wenn wir 1954 Weltmeister werden wollten«, erzählte Sebes später.

Die vierjährige Siegesserie

Ungarns Aufstieg zur Weltklasse begann im Sommer 1951 bei den XI. Akademischen Sommerspielen in Ostberlin. Siege mit einem halben Dutzend Toren waren normal, und staunende Reporter ließen sich die Namen der angeblichen Studenten Puskás, Bozsik, Kocsis, Grosics und Hidegkuti buchstabieren. Ein Jahr darauf waren alle Beobachter schlauer, denn in Berlin hatte sich der Olympiasieger von 1952 vorgestellt. Zur vierjährigen Siegesserie gehörte auch die endgültige Schmach für England, ein halbes Jahr nach dem 3:6 in Wembley: Diesmal siegten die Ungarn in Budapest mit 7:1. Der englische »News Chronicle« bildete tags darauf eine Urne auf der Titelseite ab und schrieb: »In herzlicher Erinnerung an den englischen Fußball, der in Budapest gestorben ist, tief betrauert von vielen Freunden und Verwandten …« Die italienische Trainerlegende Vittorio Pozzo, in Ungarns Hauptstadt als Berichterstatter von »La Stampa«, prophezeite: »Die Fußballweltmeisterschaft in vier Wochen in der Schweiz findet nicht statt, denn wir haben den neuen Weltmeister gesehen – Ungarn.«

Niederlage gegen Deutschland

Da war der deutsche Bundestrainer Sepp Herberger jedoch ganz anderer Meinung. Seinem Ungarisch-Dolmetscher und Nationalverteidiger Jupp Posipal hatte er schon nach dem 6:3 von Wembley zugeflüstert: »Ich weiß, wie es geht.« Herberger hatte nämlich eine entscheidende Schwäche erkannt: »Wenn Außenläufer Bozsik als sechster Offensivspieler munter nach vorne prescht, öffnen sich große Löcher.« Beim 3:2-Finalsieg von Bern sollten alle drei Tore der deutschen Elf ihren Ausgangspunkt auf der Seite von Bozsik nehmen. Historiker Dalos schreibt zutreffend: »Das Dreizwei begann eigentlich mit dem Sechsdrei.«

Die aus ungarischer Sicht niederschmetternde Niederlage gegen Deutschland war jedoch nicht das Ende der »Goldenen Mannschaft«. Sie legte danach eine weitere Superserie hin und blieb in 18 Spielen am Stück ohne Niederlage. Erst in den Wirren des blutigen Volksaufstandes von 1956 zerfiel das Team. Der Sieg von Wembley ging indes als Zeitenwende in die Fußballgeschichte ein. Ungarns Taktikrevoluzzer und ihr Trainer Gusztáv Sebes hatten das traditionell interpretierte WM-System beerdigt. Das Spiel wurde flexibel, die Fußballmoderne konnte beginnen.

 
 
 
 
 
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