25.11.2013

Vor 60 Jahren: Ungarns Triumph in Wembley

Sechs Tore für ein Halleluja

Seite 2/4: Historischer Sieg in Wembley
Text:
Gottfried Weise
Bild:
Picture Alliance

Doch Star des Spiels sollte ein Ungar werden. Nándor Hidegkuti wurde zur zentralen Figur, als der Mythos des englischen Fußballs für immer erschüttert wurde. Erstmals präsentierte Trainer Sebes auf großer Bühne eine taktische Neuerung: den »hängenden Mittelstürmer«. In Ungarn selbst hatte das zuvor schon Márton Bukovi, der Trainer von MTK Budapest, mit dem technisch versierten, aber nicht so torgefährlichen Péter Palotás erfolgreich ausprobiert. Bukovi erklärte das mit einem Mangel: »Unter Millionen Ungarn gibt es keinen Mittelstürmer vom klassischen englischen Format.« Groß, kräftig, stiernackig – so hatte das Anforderungsprofil der Nummer neun seit den Dreißigern ausgesehen, als man noch im relativ starren und positionsgebundenen WM-System spielte. Auch für Sebes war der Mann, der sein System revolutionieren sollte, zunächst ein Lückenbüßer, wie Hidegkuti erzählte: »Im Angriff spielte ich in der Nationalmannschaft alles, nur ganz selten Mittelstürmer.« Erstmals durfte er das im Herbst 1952, bei einem 4:2-Sieg in der Schweiz, als Hidegkuti zur zweiten Halbzeit kam, sich zurückfallen ließ und das Match mit einem Tor und einer Vorlage drehte.

Die Revolution des Mittelstürmers

Doch erst mit der Gala in Wembley eröffnete Nándor Hidegkuti der Fußballwelt einen ganz neuen Blick auf die Position des Mittelstürmers. Allerdings bedurfte es dazu einer doppelten Finte, denn durch ihre Reise zum Spiel gegen Schweden waren die Engländer nicht gänzlich unvorbereitet. »Sebes ahnte, dass sie sich auf meine Rolle einstellen würden, und änderte die Taktik. Ich begann konsequent in der Spitze«, erzählte Hidegkuti. Bevor sein Gegenspieler Johnston das richtig verstehen konnte, hatte Hidegkuti ihn bereits umkurvt und nach 40 Sekunden zum 1:0 getroffen. Dieser raffinierte taktische Clou wird in der Rückschau oft übersehen, denn erst nach der Führung ließ sich Hidegkuti ins Mittelfeld zurückfallen: »Dieser Wechsel verwirrte die Engländer nun total.« Die Fahndung nach Hidegkuti verlief 90 Minuten erfolglos. Die »Sunday Times« spottete nach der 3:6-Niederlage: »Das starre WM-System des englischen Fußballs wirkte an diesem Tag wie der simple Zählreim eines ABC-Schützen gegenüber der Interpretation eines Künstlers.«

Einen Schritt voraus

Die Ungarn bereicherten den Fußball um die Idee, dass man die Positionen auch flexibel interpretieren konnte. Eine klassische Demonstration dafür war das 1:3 durch Kapitän Ferenc Puskás. Ungarns Halbrechter Sándor Kocsis passte zu Zoltán Czibor. Der kleine Linksaußen war von seiner angestammten Position nach rechts gesprintet, schaute kurz vor der Grundlinie auf und sah Puskás, der ihm vom rechten Strafraumeck entgegenkam. Flaches Anspiel, ein Zurückziehen mit der Sohle, Kapitän Billy Wright sauste vorbei. Puskás machte eine halbe Drehung und drosch den Ball hoch ins kurze Eck. 105 000 in Wembley trauten ihren Augen nicht, Standing Ovations. Die »Times« schrieb ironisch: »Wright rauschte wie ein Löschfahrzeug am Brandherd vorbei.«

Dabei hatte sich Wright noch vor dem Auflaufen über die Ungarn lustig gemacht. »Stan, hast du schon gesehen«, meinte er zu Mortensen, »die haben ja nicht mal richtige Fußballschuhe.« Jedoch waren die Ungarn in Wahrheit schon einen Schritt voraus, denn statt der altehrwürdigen Fußballstiefel hatten sie von ihren beiden Schuhmachern modern geschnittene Fußballschuhe bekommen. Für ihren Hochmut wurde die selbsternannten Champions gnadenlos bestraft. Mit berückend schönen Kombinationen demontierten die Ungarn kopflose Briten. Nándor Hidegkuti schoss drei Tore, Ferenc Puskás zwei und József Bozsik eines.

 
 
 
 
 
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