03.11.2013

Vor 30 Jahren: Götz und Schlegel kommen in den Westen

Die Flucht

Am 3. November 1983 machten sich die DDR-Jungstars Falko Götz und Dirk Schlegel auf die abenteuerlichste Reise ihres Lebens: Über Jugoslawien floh das Duo nach West-Deutschland. Die Geschichte einer Flucht.

Text:
Jutta Braun und René Wiese
Bild:
imago

In der Deutschen Botschaft in Belgrad herrscht Anfang November 1983 geschäftiges Treiben. Soeben haben zwei junge Männer in Trainingsbekleidung mit dem Emblem des Ost-Berliner BFC Dynamo auf der Brust exterritoriales Bundesgebiet in der jugoslawischen Hauptstadt betreten. Ein Botschaftsmitarbeiter schaltet am schnellsten und begrüßt sie trocken: »Oh ihr seid Fußballer, ihr wollt bestimmt in den Westen!« Vor ihm stehen die beiden hoffnungsvollen Talente des aktuellen DDR-Fußballmeisters Falko Götz und Dirk Schlegel, die sich vor Spielbeginn des abendlichen Europapokalduells im Landesmeistercup zwischen dem BFC Dynamo und Partizan Belgrad von ihrer Mannschaft abgesetzt haben. Sie wollen tatsächlich in den Westen und brauchen schnelle Hilfe.

Einziger Makel des Talents: Westverwandtschaft

Falko Götz, 1962 in Rodewisch/Sachsen geboren, spielte seit 1971 für den BFC Dynamo. Obwohl das junge Talent von Anfang an alle sportlichen Voraussetzungen für eine Förderung mitbrachte, durfte der Junge nicht auf die Ost-Berliner Kinder- und Jugendsportschule (KJS), wo normalerweise die Dynamo-Talente gezielt ausgebildet werden. Grund hierfür war ein kaderpolitischer Makel: Westverwandtschaft. Allein dieser scheinbar dunkle Punkt in der familiären Kaderakte war Anlass genug, um dem Sohn die sportliche Delegierung an die KJS zu verweigern. Trotzdem setzte sich Götz außerhalb des speziellen Fördersystems in den Jugendmannschaften des BFC gegen seine Konkurrenten aus der KJS durch. Dreimal wurde er DDR-Meister mit dem BFC. Als 18-Jähriger stand er im Aufgebot des BFC bei einem Europapokalspiel in Zypern, später spielte er in der U21-Auswahl der DDR. Trotz guter Leistungen im Vergleich zu den »politisch unbedenklichen« Spielern fühlte er sich zu wenig gefördert.

Auch Dirk Schlegel teilte das Schicksal des kaderpolitischen Makels mit Götz. Schlegel ist sogar im Westen, in Hannover 1961 geboren, und hatte wie Götz Westverwandtschaft. Die Delegierung zur KJS war somit auch für ihn tabu. Beide Freunde spielten seit Kindheitstagen zusammen. Sie schwärmten für die Bundesliga. Irgendwann wurde aus der Schwärmerei ein konkreter Plan. Sie wollten sich nicht länger gegängelt und in ihrer sportlichen Karriere behindert wissen. Sie wollten ihr Schicksal selber in die Hand nehmen. Sie wollten in die Bundesliga.

Die beiden Freunde stehen nun aufgeregt in der Deutschen Botschaft und warten auf Hilfe. Nachdem ein anderer Botschaftsangehöriger ihnen die auffälligen Trainingsjacken des BFC abnimmt, greift dieser nun eilig zum Telefonhörer um den Botschafter zu erreichen. Die Order des Botschafter ist klar und unmissverständlich: »Sofort raus aus Belgrad.« Seine Begründung leuchtet ein: »Wenn die mitkriegen, dass ihr weg seid, werden sie sofort nach euch suchen.« Götz und Schlegel steigen in ein Auto der Botschaft und fahren im Eiltempo nach Zagreb, um dort Reiseersatzpapiere und eine bundesdeutsche Identität im Generalkonsulat zu erhalten. Nach fünfstündiger Autofahrt sitzen zwei junge Männer schließlich nervös im Nachtzug von Ljubljana nach München.

 
 
 
 
 
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