Vom Profi zum Packesel: Marius Ebbers Tourtagebuch Teil 4

Er macht sie alle nass

Da Marius Ebbers das Leben als Profi a.D. zu langweilig ist, geht er nun als Aushilfsroadie mit der Band Montreal auf Tour. An seinem vierten Tag

Marius Ebbers

21.12.13 Hamburg, Fabrik

Im Frühtau zu Berge, wir ziehen. Soll heißen: Schon wieder reißt uns nach viel zu wenig Schlaf der Wecker aus den Betten. Um 10 Uhr ist Abfahrt, die Truppe schleppt sich und das inzwischen gut versiffte Gepäck zum Bus und bricht auf gen Hamburg. Unsere Heimat. Unsere Liebe. Doch auf dem Weg in die heimischen Gefilde dämmert es uns: In dem Zustand darf man keinesfalsl zum Heimspiel auflaufen. Also beziehe ich Stellung auf dem Beifahrersitz, sorge für ausreichend Kaffee, Energydrinks sowie die in dieser Band noch immer hoch geschätzten Wurstprodukte und hole aus zu einem vierstündigen DJ Ebbe Muntermacher-Set. Operation Ivy, NOFX, No Use for a Name, Rancid – alles, was das Herz eben so begehrt.

Mein Alleingang verfehlt seine Wirkung nicht: putzmunter und hochmotiviert schlagen wir um 15 Uhr an der Fabrik in Altona auf. 
Kaum angekommen, machen sich schon leichte Irritationen breit, denn in der Halle, in der heute Abend das »Zehn Jahre Montreal Abschlusskonzert« mit 1000 Leuten stattfinden soll, stehen jetzt noch unzählige Obst- und Gemüsestände, Kinder malen sich Gesichter an, zu Gauklermusik werden Bio-Würste verspeist.

Ich blicke in fragende Gesichter. Hier zuckt ein Augenlid. Da wird schon der Weltuntergang ausgerufen. Über allen schweben drei bange Fragen: Falscher Tag? Falsche Stadt? Falsche Fabrik? In meinem Job als Aushilfroadie habe ich gelernt, dass man bei Montreal nichts, aber auch gar nichts ausschließen sollte. Doch der Clubbesitzer gibt Entwarnung – in einer halben Stunde sei der Markt wieder weg. Das heißt für uns erstmal: durchatmen. Und natürlich: Tischtennis. Ich kann leider nicht an den Überraschungserfolg vom Vortag anschließen und werde von Hirsch klar in zwei Sätzen abgefertigt. War mit dem Kopf nicht richtig auf der Platte, zu sehr bin ich schon in der Vorbereitung für den heutigen Abend. Tourabschluss, Heimspiel, Zehn-Jahre-Jubiläumskonzert und die größte Montrealshow jemals. Da steigt der Druck.
 Auch bei mir.

Vom Angreifer zum Bühnen-Abwehrrecken

Doch inzwischen sind wir so gut aufeinander eingespielt, dass wir uns von allzu vielen Superlativen nicht sonderlich beeindrucken lassen. Zunächst kommen »Anadrinksdogpiss« und wieder »Das Pack« mit großartigen Auftritten, dann wird es um 21:40 Uhr ernst. Ich beziehe wieder am Rand der Bühne Stellung. Versuche Raum und Zeit zur erspüren. Warte auf die eine Chance, um und jederzeit schnell und unkompliziert die Getränkehalter zu befüllen. Die Stimmung ist sensationell und trotz des Zaunes, den es heute zum Glück gibt, herrscht auch heute wieder reger Verkehr auf der Bühne. Auch hier kommt mit die körperliche Robustheit aus zahlreichen Zweitligajahren zu Gute. Frank von links und ich von rechts halten den Laden während der gesamten Spielzeit sauber.

Nach unglaublichen zwei Stunden ist der Zauber dann vorbei und unsere vorerst letzte Schlacht geschlagen. Auf einer, dem Anlass erfordend, »besinnlichen“ Aftershowparty mit Freunden und Familie feiern wir das Ende unserer schönen Reise und wagen ein erstes Fazit: Mehmet Scholl sollte leidtun, dass er damals nicht bei den Sportfreunden mitgefahren ist. Wobei, wer weiß wie geil es da gewesen wäre? Die Kombination von Ex-Profi und Band verträgt sich vermutlich besser als die Kombination aus aktiver Profi und Band. Am wichtigsten ist aber der Schwur: Das Machen wir wieder!

Montreal sagt, man könne sich kaum vorstellen, wie die nächste Tour ohne mich funktionieren soll. Klar, ich kenne diese Schulterklopfer zu genüg, aber das Schlimmste an diesen Jungs ist: Ich glaube, die meinen das auch tatsächlich so!


Die letzte Aktion des Abends vor dem sentimentalen Abschied geht dann natürlich auf meine Kosten. In der Garderobe bekomme ich den Eiswürfeleimer über den Kopf geschüttet. Allgemeiner Tenor: So macht man das eben mit Trainern am Ende der Saison. Und während ich mich noch freue, dass ich zum Tourhighligt weder Gatorade-Fässer noch Drei-Liter-Hefeweizenhumpen besorgt habe, mache ich mich mit nassen Haaren und Eiswürfeln im Nacken auf gen heimische vier Wände. Weihnachten kann kommen. 


Nur eines noch zum Schluss: Montreal, wenn ihr mich ruft: ich bis sofort wieder dabei. Mit Wurst... und vielleicht auch etwas Senf.


Bis bald,
Euer Ebbe

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