15.06.2013

Vom Fußballcoach zur Medienfigur: Udo Lattek

»Ich bin der letzte, der sein Maul hält«

Seite 2/3: Das »Sportstudio«-Theater
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Selbst Misserfolgen nahm er die Melancholie, indem er sie öffentlich mit einer gut formulierten Pointe versah. Als er im Januar 1975 in München entlassen wurde, begründete er seinen Abgang damit, ihm sei beim Terminstress das Kerngeschäft abhandengekommen: »Wir haben so viel gespielt, dass wir nur noch auf den Flügeln der Flugzeuge trainiert haben.« Versatzstücke aus dem rhetorischen Baukasten a là »Ja gut, ich sach mal …« waren Latteks Sache nie.

Wo er seinen Platz im Pantheon der Bundesliga sah, hatte er seinem Studienfreund Erich Ribbeck schon während der gemeinsamen Zeit an der Uni prophezeit: »Erich, du wirst der schönste Trainer. Aber ich, ich werde der größte.« Bei Erlangung dieses Ziels war ihm sein feines Gespür für Timing sehr hilfreich. Lattek war fast immer zur richtigen Zeit am rechten Ort. In München trainierte er die weltbeste Mannschaft dieser Zeit. Dann wurde er Nachfolger von Hennes Weisweiler in Mönchengladbach, wo die Borussia mit Spielern wie Jupp Heynckes und Alan Simonsen ebenfalls im Zenit ihrer Schaffenskraft stand. Der langjährige Physiotherapeut der Borussia, »Charly« Stock, ist bis heute überzeugt, dass der Coach eine magische Anziehungskraft auf das Glück ausübte: »Udo konnte die Zeit nach vorne drehen. Wenn es in Spielen bei ihm mal eng wurde, hatte man das Gefühl, die Uhr würde nicht langsamer, sondern schneller laufen.« Und so gelang es Lattek bis 1987 – neben Ottmar Hitzfeld – zum erfolgreichsten deutschen Trainer aller Zeiten zu werden: Acht Meistertitel und vier Pokalsiege zieren seine Bilanz, dazu drei Europacupsiege mit dem FC Bayern, Borussia Mönchengladbach und dem FC Barcelona.

Die Bundesliga: eine Entertainmentbranche

Doch 17 Jahre lang stetig aufs Neue um höchste Weihen des Profifußballs zu ringen, zerrt mächtig am Nervenkostüm. 1987 verabschiedete sich Lattek vorläufig von der Trainerbank. Als Eigentümer eines Bungalows im Kölner Stadtteil Löwenich signalisierte der 52-Jährige dem ortsansässigen FC, er habe zwar genug davon, bei Wind und Wetter auf Trainingsplätzen herumzukrakeelen. Für einen Job als Sportdirektor aber stehe er jederzeit zur Verfügung. Das Kölner Präsidium ließ sich nicht lange bitten. Bald setzte sich der Coach a. D. in weißen Tennissocken und einem blauen Wollpulli auf die Tribüne – und der FC gewann. Und weil das grelle Oberteil auffiel und der Geißbockklub 15 Mal in Folge den Platz nicht als Verlierer verließ, war für die Presse bald klar, dass allein Latteks wachender Blick und sein drolliges Strickteil, das er aus Angst vor Dieben angeblich im Tresor aufbewahrte, für die Erfolge verantwortlich waren. Nicht etwa Trainer Christoph Daum, der damals noch als ruhiger Zeitgenosse galt. »Wenn Udo damals nicht diese unglaubliche Wahrnehmung wegen des Pullovers gehabt hätte«, bilanziert Michael Meier, »wäre Daum nie zum ›Cassius Clay vom Rhein‹ mutiert.«

Wie ein gelehriger Schüler machte sich der manische Schnauzbartträger Daum Latteks bildhafte Sprache und den Hang zur Symbolik zu eigen. Und so fügte es sich, dass Lattek im Mai 1989 an Daums Seite erneut zum Hauptakteur einer weiteren medialen Bundesligasternstunde wurde. Im »Sportstudio«-Streitgespräch mit Uli Hoeneß und Jupp Heynckes trat er gewissermaßen als Daums Anwalt auf. Während der Coach verbal auf die Bayern-Granden eindrosch, nutzte Lattek die Bühne, um Werbung für sein »Sport-Bild«-Engagement zu machen. Und stellte öffentlich klar, was die Bundesliga für ihn in erster Linie sei: eine Entertainmentbranche. Der von Daum heraufbeschworene Konflikt, so konstatierte Lattek, sei langfristig als Werbung und nicht als Skandal für die Liga zu bewerten. So wie er Anfang der Siebziger ein Paradiesvogel gewesen war, der den vom militärischen Drill geprägten Trainerstil reformierte, nutzte nun sein Epigone die Medien mit reichlich Verve, um seine Botschaft bekanntzumachen. Dennoch oblag es dem PR-Dino Lattek, das »Sportstudio«-Theater schließlich mit der Frage an seinen einstigen Spieler Uli Hoeneß als große Show zu entlarven: »Ist es nicht legitim, dass ein Trainer versucht, den anderen zu verunsichern?«

 
 
 
 
 
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