Vom Bad Boy zum Elder Statesman: Jermaine Jones

Das schlechte Gewissen

Trotz vieler Widerstände im Verein ist Jermaine Jones zum Rückgrat des FC Schalke 04 geworden. Der ewige Hallodri entpuppt sich neuerdings als streitbarer Elder Statesman. Tim Jürgens hat seinen Wandel beobachtet.

Theodor Barth
Heft: #
137

Alles im Leben hat seine Zeit. Jermaine Jones hat hinter den Punkt »Überkandidelte Sportwagen fahren« auf seiner ganz persönlichen To-do-Liste schon vor längerer Zeit einen Haken gemacht. Andere fangen erst in ihren Vierzigern mit tiefliegenden Lamborghinis an. Der 31-Jährige ist schon jetzt auf Familienkutschen umgestiegen. Bei längeren Fahrten in den Boliden bekam er zuletzt schon Rückenschmerzen. Auch den protzigen Hummer hat er verkauft – und lebt das Understatement eines Ernährers. Daheim versorgt Gattin Sarah fünf Kinder und freut sich, wenn er pünktlich zum Abendbrot daheim in Düsseldorf ist. Und sollte ihr Ehemann auf dem Platz doch mal einem Gegner die Fesseln rasieren, gibt’s beim Heimkommen einen sanften Rüffel. Als Papa ist er schließlich Vorbild. Der Älteste ist zwölf – und jeder Fehltritt des Vaters birgt Konfliktpotential für den Schulhof. »Zuhause«, sagt Jones, dem lange der Ruf des Schwererziehbaren vorauseilte, »hat definitiv meine Frau die Hosen an.«

»Ich gehe auf den Platz, um zu gewinnen. Da ist mir – blöd gesagt – fast jedes Mittel recht.«

Am ersten sonnigen Tag des Jahres sitzt Jermaine Jones in Adiletten und Kurzarmtrikot an einem Bistrotisch im Schalker Stadionrestaurant. Seine Arme sind so dicht bemalt, dass kaum helle Flecken zu erkennen sind. Insignien des Ghettokids am Körper eines Geläuterten. Vor ihm liegen mal wieder zehn spielfreie Tage, weil er wegen zweier Gelbsperren sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League nicht spielberechtigt ist. Denn auf dem Rasen gibt der selbsternannte Pantoffelheld unvermindert den Mann fürs Grobe. Den Agent provocateur, der auch mal dazwischen kloppt, um Ordnung ins Spiel zu bringen. Einen, den der Hass von der Tribüne eher beflügelt als einschüchtert. Der das Tempo bestimmt und Gegner allein mit physischer Dominanz in die Defensive zu drängen vermag. Sein Credo: »Ich gehe auf den Platz, um zu gewinnen. Da ist mir – blöd gesagt – fast jedes Mittel recht.«

Mit dieser Einstellung hat er vor gut einem Jahr im Pokal die Fußballnation gegen sich aufgebracht. Er trat Jungstar Marco Reus vor laufenden Kameras auf den gebrochenen Zeh. Die Medien veranstalteten eine Hexenjagd. Boulevardzeitungen forderten Sperren bis an die Grenze zum Berufsverbot. Seine Herkunft wurde zum wiederholten Mal als Erklärung ins Feld geführt: die Jugend im Frankfurter Problembezirk Bonames, wo er sich gegen Kleinkriminelle und Drogendealer behaupten musste. Wie Dominosteine fielen die Klischees und kulminierten in dem amorphen Bild des unberechenbaren Bad Boys, als der er seit Urzeiten dargestellt wird. Wie es zu der Übersprunghandlung kam, kann er sich indes gar nicht erklären: »Es war rein gar nichts zwischen uns vorgefallen. Ich wusste nur, dass Marco ein sehr guter Fußballer ist, der uns gefährlich werden kann.«

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