Wer kennt das nicht? Man kämpft mit dem Kater vom Vortag, sitzt aber schon wieder in der Kneipe. Der Kopf tut weh, das Bier schmeckt noch nicht und der Zigarettenrauch beißt in den Augen. Man will sich nur in Ruhe das Spiel seines Lieblingsklubs anschauen. Doch dann das: Auf den Barhocker nebenan setzt sich ein Typ mit Besserwisserblick und zwängt einem ein Gespräch auf. Eigentlich ist es nicht einmal ein Gespräch, sondern vielmehr ein Monolog, ein einseitiger Angriff auf das Trommelfell. »Kann man nicht einmal mehr in Ruhe Fußball schauen?«, möchte man ihn fragen. Oder schreien. Oder weinen. Aber man sagt doch lieber nichts.
So weit muss es nicht kommen. Aus zahlreichen persönlichen Erfahrungen mit Verbalübergriffen ist der ultimative Wegweiser entstanden, wie man sich zur Wehr setzt gegen sinnloses Fußball-Gewäsch. Das Mittel der Wahl: Den Störer mit seinen eigenen Waffen schlagen. Wie man selbst zum Wasserfall wird – eine Anleitung in zehn Schritten.
Lektion Eins:
Niemals ohne Vorbereitung in die Partie gehen. Vorher: Fachjournale lesen und leere Phrasen büffeln. Ab jetzt ist der Taktikteil des »Kickers« und der Statistikteil der »Sportbild« deine Bibel. Die Taktikanalyse bei passendem Anlass einfach nachplappern (»Dann hat der HSV dem BVB den Zahn gezogen.«, »Mannschaft X zog sich engmaschig zusammen und stellte die Räume zu. Mannschaft Y lauerte auf Konter«, »Ein Tor würde dem Spiel gut tun«). Geht auch ohne passenden Anlass. Passiert nichts, dem Gegenüber in einem Wortschwall die Viererkette erklären.
Lektion Zwei:
Negative Urteile fällen. Es sollte keine Gelegenheit ausgelassen werden, Trainer, Schiedsrichter oder Flügelspieler in einer 1:1-Situation zu kritisieren. Bei Kritik am Unparteiischen wartet man bestenfalls die zweite Zeitlupe ab, bevor man klarstellt, dass der Stürmer XY eindeutig mit einem Fuß im Abseits stand (»Der Schiri hat doch Tomaten auf den Augen!«). Bei einer Auswechslung des Trainers bietet es sich zudem an, diejenigen Spieler aufzuzählen, die er besser hätte einwechseln sollen (alle anderen).
Lektion Drei:
Dortmund sympathisch finden. Kloppo und seine Jungs sind für dich ab jetzt die Fußball-Entität. Alles, was die Dortmunder machen, ist richtig. Die Stimmung beim BVB ist die beste der Welt, Jürgen Klopp ist der beste Trainer der Welt. Analog dazu über die aktuelle Situation der eigenen Mannschaft nölen. Egal, ob Niederlage, Unentschieden oder nur knapper Sieg der Lieblingsmannschaft: Dortmund macht alles so viel besser.
Lektion Vier:
Sich über Dribblings aufregen. Jeder Haken zu viel gehört verboten. Fußballer, die dribbeln, sind in deinen Augen keine wahren Fußballer. Umgekehrt sollte man jede Grätsche lobpreisen, egal, ob gelungen oder fehlgeschlagen. Was für das Christentum die Psalme sind, sind für den Fußball die Grätschen. Der Fußballgott mag Grätschen, nicht jedoch: Tricks, Übersteiger und Finten. Übrigens: Der Fußballgott ist Roy Keane.
Lektionen Fünf bis Zehn: Feindbild Kommentator und gekränkter Nationalstolz
Lektion Fünf:
Der Kommentator ist dein stetiges Feindbild. Jedes Räuspern oder kurzes Verhaspeln wird als persönliche Beleidigung aufgefasst, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Reifsches Hüsteln oder von-Turn-und-Taxsche Wortwahl werden zu einem Sermon aus persönlicher Beleidigung und Hasstirade destilliert. Gleichzeitig bietet es sich an, wahlweise spanische (apropos Logorrhoe) oder englische Kommentatoren zu idealisieren. Fremdsprachenkenntnisse sind hierfür nicht erforderlich.
Lektion Sechs:
Über Lothar Matthäus lachen. In Sachen Lothar-Matthäus-Bashing sollte man immer auf dem neuesten Stand bleiben. Ein täglicher Besuch des »Lothar-Matthäus-News-Feed« von »Bild.de« muss zur festen Gewohnheit werden. Bietet Matthäus' Privatleben gerade keine Klatsch-Nachrichten, kann man sich auch über aktuelle Profis und ihre Allüren lustig machen (Marko Arnautovics Vorliebe für Silikonbrüste, Tim Wieses Bräunungscreme, Kevin Großkreutz' Frisur).
Lektion Sieben:
Die deutsche Nationalmannschaft kritisieren. Auch wenn gerade Bundesliga läuft: Mario Balotelli hat dich zutiefst in deinem Nationalstolz gekränkt. Die Schuld daran trägt Joachim Löw. Lass deine Umgebung wissen, welche Verfehlungen »Popelfresser« Löw sonst noch hat oder mach dich über Hansi Flicks Dresscode lustig.
Lektion Acht:
Sollte man allein in der Kneipe sitzen, keine Sorge: Der eigenen Redesucht muss das keinen Abbruch tun. Wozu gibt es schließlich Twitter? Am besten legt man sich einen originellen Account unter einem »Fußball-Nick« an (@stadionwurstistmeingemüse oder @ichhabeRalfRangnickdieViererketteerklärt) und streichelt den Akkusaft aus dem Smartphone. Aber auch wenn man nicht alleine ist, lohnt es sich, mit einem Auge ständig aufs Telefon zu starren und dabei beharrlich die Zwischenstände der anderen Partien durchgeben (Bundesliga, Premier League, La Liga, guatemaltekische Liga).
Lektion Neun:
Erkläre, warum dein Lieblingsverein mit einer hängenden Neun und einer Doppelsechs agieren sollte. Verfolge Taktikblogs und lies Regelwerke von Buchdeckel zu Buchdeckel. Danach bei Regeldiskussionen lautstark darauf pochen, das man gerade dass komplette Regelwerk verschlungen hat. Bei Frauen in der Umgebung empfiehlt es sich, unaufgefordert die Abseitsregel zu erklären (am Besten mithilfe von Salz- und Pfefferstreuer oder Biergläsern und Zigarettenschachteln).
Lektion Zehn:
Lobe die 50+1-Regel. Konstatiere, dass die Bundesliga in zehn Jahren die stärkste Liga Europas ist. Erkläre, warum der englische Fußball tot ist. Lege dar, warum nicht die Stehplätze an der Hillsborough-Katastrophe schuld waren. Kurzum: Lies viele Fußballbücher und tue kund, was du darin gelesen hat! Schweife zwischendrin weit vom Thema ab und stelle immer wieder kurze Zwischenfragen ohne die Antworten abzuwarten. Nur um sicher zu gehen, dass dein Gegenüber dir noch folgt.
Hast du dich an sämtliche Regeln gehalten, ist dein Gesprächspartner jetzt entweder verstummt oder verschwunden. So oder so ist eines gewiss: Du kannst endlich in Ruhe Fußball gucken.