Vicente del Bosque lehnt Ehrenmitgliedschaft bei Real ab. Er bleibt ein Vorbild

Der Triumph des guten Mannes

Bei Real Madrid warfen sie Vicente del Bosque einst raus, obwohl er die Champions League gewann. Aus Rache lehnte er nun die Ehrenmitgliedschaft bei den Königlichen ab. Wer ist Vicente Del Bosque? In 11FREUNDE #106 haben wir Spaniens berühmtesten Schnurrbart porträtiert. Vicente del Bosque lehnt Ehrenmitgliedschaft bei Real ab. Er bleibt ein Vorbild
Heft#106 09/2010
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Es gibt nur noch wenige aktive Vertreter jener Generation, die das Erbe von Real Madrid quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben: das Erbe einer offen paternalistischen Doktrin, wie sie typisch war für die Nachkriegsjahre eines von einer Diktatur geprägten Landes. Die Führungsstrukturen im Bernabéu waren stets personenbezogen und bescherten dem Klub eine einfache Ideologie, die eher der eines religiösen Ordens als der einer politischen Organisation entsprach. Deren Grundelemente waren Nüchternheit, Arbeit, Bescheidenheit und Ehrbarkeit. Real Madrid verbreitete diese Werte, die sich unter dem Begriff des señorio (übersetzt etwa: herrschaftliche Würde) zusammenfassen lassen, auf dem Spielfeld und unter seinen Aktiven. Jahrzehntelang wurden sie weitergetragen, vom Trainer zum Spieler, vom Manager zum Angestellten, von Miguel Munoz zu Luis Molowny zu Vicente del Bosque. Del Bosque hätte vielleicht nach seiner aktiven Karriere dem Fußball den Rücken gekehrt, doch etwas von dieser Berufung steckte noch in ihm, als er vom Spieler zum Trainer wurde und später dann zum Leiter der Fußballschule von Real Madrid. Und noch heute umgibt ihn die Aura eines Lehrers der alten Schule, selbst unter den außergewöhnlichen Rahmenbedingungen einer Fußballweltmeisterschaft.

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Real Madrid selbst hat dafür gesorgt, dass sein ureigenes Wesen durch die Schizophrenie seiner letzten Manager verlorengegangen ist. In einer Welt, in der Fußball nur noch ein Geschäft ist, hat der señorio keinen Platz mehr. Ein Großteil der Männer der alten Schule hat sich still und heimlich zur Ruhe gesetzt, oft ohne warme Worte zum Abschied, doch immer diskret. Das bittere Ende als einfacher bürokratischer Akt, unterschrieben von einem Verwaltungsangestellten, dem die historische Rolle des Scheidenden völlig gleichgültig war. Dabei verstanden diese Leute noch etwas von ihrem Handwerk, sie betrieben es von Grund auf, Woche für Woche, von montags bis sonntags. Sie trainierten ihr Gedächtnis, um sich die Namen und jedes persönliche Detail von jedem einzelnen jungen Spieler zu merken, der in die Ciudad Deportiva, das historische Klub- und Trainingszentrum von Real Madrid, kam. Man fertigte sogar handgeschriebene Personalbögen für das Klubarchiv an.

Eine Schule, deren Verfallsdatum abläuft

Viele der alten Recken sind mittlerweile gestorben, wie etwa Miguel Malbo, eine der Schlüsselfiguren der Talentschmiede von Real Madrid und ein treuer Mitarbeiter Vicente del Bosques. Er zog in eine Seniorenresidenz gleich beim Bernabéu, um in der Nähe des Stadions sterben zu können. Die alte Ciudad Deportiva wurde mittlerweile von Baggern dem Erdboden gleichgemacht, auf ihrem Grund und Boden sind vier ultramoderne Wolkenkratzer entstanden. Am neuen Standort der Schule, in Valdebebas, hat jede Anfängermannschaft ihre eigene Fünf-Sterne-Kabine, und es gibt so viele Angestellte, dass den 12-Jährigen nach dem Training die Sachen hinterhergetragen werden können.

Vicente del Bosque entstammt einer Schule, deren Verfallsdatum abläuft. Seine Universität war Real Madrid. Etwas anderes kann man nicht sagen über einen Mann, der seit seinem 16. Lebensjahr im »weißen Haus« gelebt hat. Zieht man seine acht Monate bei Besiktas Istanbul und die letzten zwei Jahre als Nationaltrainer ab, so ist die Biografie von Vicente del Bosque ein blütenweißes Blatt Papier. Wie bei vielen anderen war auch sein Abgang eine traurige Angelegenheit: Man verabschiedete ihn eilig im Stehen auf dem Flur. Dabei ist es Vicente del Bosque, der sich nicht von seinem Platz bewegt hat, genau wie sein Schnurrbart. Beleidigende Worte und abfällige Gesten sind ihm fremd.

Das scheinbar Antiquierte ist wieder modern


Vicente kam mit 16 aus Salamanca zum Klub. Er stammte aus einer Familie von Eisenbahnern. Sein Vater Fermin war nach Aussage seines Sohnes ein »rechtschaffener und ehrlicher Mann«, der nach dem spanischen Bürgerkrieg aus politischen Gründen nicht mehr in seinen Beruf zurückkehren konnte und als Verwaltungsangestellter in einer Fabrik arbeitete. Nur ältere Angestellte erinnern sich noch an Fermins einzigen Besuch in der Ciudad Deportiva, als sein Sohn Vicente noch in der Jugend spielte. »Ich setze mein Vertrauen in Sie«, sagte er und kam nie wieder.

Eine der hervorstechendsten Eigenschaften von Vicente del Bosque ist seine schlichte Herzlichkeit, für die er oft genug kritisiert wurde. Und es ist schon ironisch, dass er nun, im Angesicht des Erfolges, genau dafür bewundert wird. Das scheinbar Antiquierte ist wieder modern, das glaubt auch Francisco Mesonero, Vorsitzender der Stiftung Adecco und Experte für Humanressourcen: »Man kann sagen, dass del Bosque ganz und gar dem Anforderungsprofil für Führungskräfte im 21. Jahrhundert entspricht. Er unterjocht niemanden, sondern schafft es zu überzeugen, wobei er durch sein maßvolles Auftreten ein Klima schafft, in dem sich seine Leute sicher und geborgen fühlen. Ihm ist es gelungen, die Rollen so zu verteilen, dass sich jeder Einzelne verantwortlich für Sieg und Niederlage fühlen konnte. Damit erfüllte er eine der wichtigsten Forderungen des modernen Personalmanagements: die Einbindung aller Kräfte, seien es Spieler, Serviceleute, Fans, Journalisten, ja sogar die Gegner, denen er stets größten Respekt gezollt hat.«


Ein anderer Experte von Adecco, Pedro Fernández, der eine enge Beziehung zu mehreren spanischen Nationalspielern pflegt, ist der Ansicht, »dass es entscheidend war, wie die Mannschaft eine gemeinschaftliche Identität entwickelt hat, mit einer Aufgabe und einer Vision. Wir konnten beobachten, wie andere Teams zu Verlierern der Weltmeisterschaft wurden: durch das Auseinanderbrechen der Gruppe wie bei Frankreich, durch mangelnde Bescheidenheit wie bei Argentinien oder weil es ihnen nicht gelang, sich von einer Niederlage zu erholen, wie bei Italien. Spanien hingegen blieb stets stabil, nicht allein durch sein Spiel, sondern durch professionalles Auftreten und gutes Benehmen.« Der Experte ist davon überzeugt, dass der Anteil del Bosques am Erfolg gewaltig ist. »Er machte sich all das zunutze, was vor seiner Zeit positiv war«, sagt Fernández, »und verzichtete darauf, Dinge nur deshalb zu verändern, um seine Autorität zu beweisen. Später gelang es ihm, die Stärken des Kaders zu verinnerlichen, außerdem war er ein ausgezeichneter Krisenmanager und schaffte es, im Spiel der Mannschaft ein Gleichgewicht zwischen Dominanz und Zurückhaltung herzustellen.«

Del Bosque passte nicht in das Pérez-Konzept

Ähnliches könnte man über seine vier Jahre als Trainer von Real Madrid sagen: vier Jahre, vier Titel, zweimal die Meisterschaft und zweimal die Champions League. Damals, um das Jahr 2000 herum, fing der Verein an, Stars zu sammeln, obgleich del Bosque gar keine neuen Führungsfiguren benötigte. Doch die Anforderungen des Marketings waren andere: Unter der Präsidentschaft von Florentino Pérez strebte Real Madrid danach, ein globaler Klub mit Anhängern auf allen fünf Kontinenten zu werden. Del Bosque passte nicht in dieses Konzept: Er sprach kein Englisch und trug weder italienisches Design noch Seidenkrawatten.

Wenn es eine Episode im Leben von Vicente del Bosque gibt, in der ihm seine Diplomatie und Gutmütigkeit abhanden kamen, dann war es sein Rausschmiss bei Real Madrid, am Tag nach der zweiten Meisterschaft. Der Journalist Francisco-José Sánchez Canamero beschreibt ihn in seiner Biografie »Vicente del Bosque: La Serenidad« als traumatisches Erlebnis. Am Nachmittag des 23. Juni 2003 bestellte man ihn eilig auf die Geschäftsstelle, als er gerade auf dem Weg zu einem Fernsehinterview war. »Die wollen mich bestimmt rauswerfen«, war sein Kommentar. Kurz nach del Bosques Auftritt in den Nachrichten von Antena 3 kommentierte der Journalist J. J. Santos bereits, dass der Trainer Real Madrid verlassen müsste, und dass die Klubspitze für denselben Abend eine Versammlung einberufen hätte.

24 Stunden zuvor war es auf der Meisterfeier zu einem unschönen Zwischenfall gekommen, als einige Spieler, allen voran Kapitän Fernando Hierro, und Klubpräsident Florentino Pérez aneinandergeraten waren; del Bosque hatte sich nicht eingemischt. Als er nun einen kurzen Stopp im Bernabéu einlegte – seine Frau Trini wartete solange im Auto –, traf er auf dem Weg zu seinem Büro Vorstandsmitglied Carlos Martínez de Albornoz und Sportdirektor Jorge Valdano. Man setzte sich nicht einmal hin und ließ del Bosque auch nicht mehr in sein Büro. »Du kannst nicht weitermachen«, sagte Valdano. »So etwas habe ich mir schon gedacht«, war die Antwort del Bosques. Danach kamen hohle Phrasen wie: »Wenn du willst, können wir was für dich finden. Was, ist noch nicht klar, aber uns wird schon was einfallen.« Das ganze Gespräch dauerte nur wenige Minuten. Auf der anschließenden Autofahrt erhielt del Bosque einen Anruf von Fernando Hierro: »Die haben mich rausgeschmissen!« Fünf Jahre später rief Hierro, mittlerweile Sportdirektor des spanischen Fußballverbandes, erneut bei del Bosque an und fragte: »Kann ich dich als Nationaltrainer vorschlagen?« Solche Überraschungen gibt es manchmal im Fußball.

Wie kaum ein anderer achtet del Bosque immer noch auf die ethischen Werte des Fußballs, die mehr und mehr verlorengehen. Selten sah man ihn so empört wie beim WM-Finale in Südafrika, als Mark van Bommel den Spaniern einen Ball zurückgab, den Xavi zuvor ins Aus geschossen hatte, um die Behandlung eines Mitspielers zu ermöglichen. Van Bommel aber drosch den Ball so forsch nach vorne, dass er den Pfosten des Tores von Iker Casillas streifte. Was als sportliche Geste erwartet wurde, entpuppte sich endgültig als Angriff von Oranje, als Puyol anschließend sofort nach dem Abstoß bedrängt wurde. Der spanische Coach war außer sich.

Vicente del Bosque – der Mann, der die spanische Nationalelf zur besten der Welt gemacht hat – erweckt oft den Anschein, als käme er aus einer anderen Welt. Sein Aussehen erinnert an Pantuflo Zapatilla, den aufrichtigen und strengen Vater der Comicfiguren Zipi und Zape, die der Zeichner Ibánez zum Leben erweckte, als del Bosque noch ein Kind war. Man sagt, Ibánez habe sich dabei von Max und Moritz, den Figuren des deutschen Zeichners und Dichters Wilhelm Busch, inspirieren lassen. Doch im Gegensatz zum gestrengen Vater aus der Comicserie gelingt es del Bosque, seine Spieler auf Linie zu halten, ohne dass er dabei laut werden und seinen Schnurrbart zwirbeln muss.

Ein bescheidener, schlauer, temperamentvoller Mensch

Spaniens Fußballfans pflegten lange das Vorurteil, dass del Bosque nicht einmal dann in der Lage wäre, richtig sauer zu werden, wenn es darum ginge, das Team unter Spannung zu halten und den Konkurrenzkampf zu schüren. »Wir alle wollen dasselbe und jeder von uns versucht, auf seine Weise ans Ziel zu gelangen«, hat del Bosque dazu gesagt. Er ließ sich nie in die Falle locken, in die sein Vorgänger Luis Aragonés immer wieder getappt ist. Anders als der Mann, der den Roten bei der EM 2008 den ersten Titel nach 40 Jahren bescherte, hatte del Bosque nie Probleme mit den Medien. Im Gegenteil: Die für die WM-Berichterstattung in Südafrika zuständigen Journalisten schenkten dem Trainer vor dem Halbfinale gegen Deutschland einen Ball mit ihren Unterschriften, um sich für die gute Zusammenarbeit zu bedanken. Hingegen gibt es Reporter, die noch immer kein Wort mit Luis Aragonés sprechen.

»Der Unterschied liegt darin, dass Luis aus der Stadt kommt, del Bosque aber vom Land«, sagt einer, der mit beiden gearbeitet hat. Toni Grande betont immer wieder, dass del Bosque ein bescheidener, liebevoller, schlauer und temperamentvoller Mensch sei: »Auch wenn man es ihm nicht anmerkt, aber wenn es drauf ankommt, kann er ganz schön stinkig werden.« Grande ist die rechte Hand des Nationaltrainers, wie auch zuvor schon bei Real Madrid. Mit Ausnahme seiner Frau Trini gibt es kaum jemanden, der del Bosque so gut kennt wie er. Die beiden sind seit Jahren befreundet und haben unzählige Bierchen miteinander getrunken. Zum Bier gibt es fast immer »Meeresfrüchte aus Salamanca«, sprich: Wurstwaren und Schinken. Abgesehen von seiner Familie gibt es kaum etwas, was del Bosque lieber mag als ein paar Biere und leckere Häppchen in Begleitung von Freunden.

»Als Fußballer war er seiner Zeit voraus«, findet Carles Rexach, ein ehemaliger Trainer und Spieler des FC Barcelona, der gemeinsam mit del Bosque im spanischen Nationalteam stand. »Das Spiel war damals ungestüm, man schwitzte, gab alles. Es waren schlechte Zeiten für Leute wie ihn, die richtig gut Fußball spielten.« Obwohl Rexach sich der Unterschiede bewusst ist, vergleicht er den Spieler del Bosque mit Xavi oder Guardiola. Vielleicht war dessen Losung für die WM deshalb so eindeutig: »Ich möchte Xavi Freiraum bieten, damit er die ganze Verantwortung auf sich nimmt.« Mit Iniesta als bestem Verbündeten ließ er Xavi stets selbst entscheiden, was er auf dem Spielfeld zu tun hatte. Es klappte wie am Schnürchen, und nun hat Spanien endlich einen Stern auf dem Trikot.


Dank seiner offensiven Fähigkeiten spielte del Bosque selbst immer im Mittelfeld oder noch weiter vorn. Er bestach sowohl durch eine ausgezeichnete Physis als auch durch seine Spielintelligenz. Del Bosque kickte lange unter dem legendären Trainer Luis Molowny, dem späteren ersten Leiter der Sportschule von Real Madrid, dessen Credo sich mit einem einzigen Satz zusammenfassen lässt: »Der Spieler muss mit Liebe behandelt werden.«

»Nur wenn Sie den Schnurrbart abnehmen, Sir!«


»Genau das hat del Bosque übernommen«, versichert Fernando Hierro. »Er geht liebevoll mit seinen Spielern um.« Ungeachtet der professionellen Distanz und einer unterschiedlichen politischen Ideologie hat del Bosque den berühmten Real-Präsidenten Santiago Bernabéu als moralische Führungspersönlichkeit geschätzt. »Er war ein guter und intelligenter Mensch, mit großartigen Fähigkeiten und ein Vorbild für uns alle. Ein bescheidener Mann mit wenig Geld, auch wenn er der Vorsitzende des mächtigsten Klubs der Welt war.« Trotz einiger anderslautender Hinweise in den Zeitungsarchiven hatte del Bosque keine Probleme wegen seiner langen Haare und seinem dichten Schnurrbart, denn Bernabéu wusste, dass es gegen die Mode kein Ankommen gab. Viele Jahre später, als Vicente del Bosque schon Trainer bei Real Madrid war, sagte er einmal zu seinem Spieler Guti: »Du bist so ein netter Junge, aber immer diese langen Haare! Warum lässt du sie nicht abschneiden?« Worauf Guti antwortete: »Nur wenn Sie den Schnurrbart abnehmen, Sir!«

Vicente del Bosque war schon über 30, als er vor den Traualtar trat. Seine Frau Trini und er haben drei Kinder: Vicente (23), Gema (17) und Alvaro, mit dessen Geburt am 6. August 1989 sich das ganze Leben der Familie änderte. Wenige Tage nach der Geburt stellte sich heraus, dass der kleine Alvaro mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen war. »Anfangs haben wir viel geweint«, sagt del Bosque. »Wenn ich ihn mir jetzt so anschaue, denke ich: Waren wir damals dämlich.«

Alavaro ist ein bezaubernder Junge, was nicht heißt, dass er seinen Vater nicht kritisiert. Als del Bosque noch Trainer von Real Madrid war, hielt er dem Vater auf das Heftigste vor, Iker Casillas auf der Bank gelassen zu haben. Und bevor er den WM-Kader nominierte, drängte ihn sein Sohn tagtäglich, ja nicht Daniel Güiza zu vergessen. »Er war ganz schön sauer, als er erfuhr, dass der Spieler aus Jerez nicht mit zur WM fahren würde«, weiß man aus dem Umfeld del Bosques zu berichten. Alvaro saß mit in dem Bus, der die Weltmeister quer durch Madrid chauffierte, weil sein Vater es ihm versprochen hatte. Unzählige Male hatte er seinen Vater darum gebeten, ihn mitzunehmen, er wollte unbedingt Iniesta, Xavi, Fàbregas und die anderen kennenlernen.

Del Bosque saugt Informationen auf wie ein Schwamm

Doch del Bosque, der sich streng an den Kodex hielt, kein Unbeteiligter dürfe die Kabinen betreten, wusste dies stets zu verhindern. Aber sein Sohn, der größte Fußballfan von allen, blieb hartnäckig. Um ihn ruhig zu stellen, versprach del Bosque schließlich: »Wenn wir den Titel holen, kommst du mit in den Bus.« Und so geschah es: Im blauen Trikot, das die spanische Mannschaft beim Finale in Soccer City getragen hatte, mit seinem Namen und der Nummer sechs – der Rückennummer seines Vaters als Nationalspieler – kutschierte er Seite an Seite mit den Weltmeistern durch Madrid. Während der Tour im offenen Fahrzeug, die von einer Million Spaniern an den Straßen der Hauptstadt bejubelt wurde, wich del Bosque nicht von seiner Seite. Mit einem Auge beobachtete er die Feierlichkeiten, mit dem anderen seinen Sohn, der komplett hingerissen war von dem, was um ihn herum geschah.

Die Nationalspieler beschreiben del Bosque als kommunikativ und humorvoll. »Er ist nicht wie Luis, aber wir können auch über Vicente lachen«, sagen sie. Seinen Mitarbeitern erscheint er äußerst gewissenhaft. Del Bosque saugt Informationen und unterschiedliche Ansichten auf wie ein Schwamm. Hat er allerdings einmal eine Entscheidung gefällt, ist sie unumstößlich, weil das Produkt reiflicher Überlegung. An der Seitenlinie trifft er seine Entscheidungen schnell und mit großer Souveränität. Dank seines Charakters fällt es del Bosque nicht schwer, eine Mannschaft zu formen, doch seine Art, mit dem Team umzugehen, ist nicht nur eine Frage menschlicher Eigenschaften. Alles ist gut durchdacht und Teil eines ausgeklügelten Plans, bei dessen Umsetzung natürlich auch etwas Glück nötig war. Sein Freund Piri, der mit ihm zusammen gespielt hat und später bei Real Madrid gearbeitet hat, hält del Bosque für die perfekte Führungspersönlichkeit: »Er ist seinen Spielern ein Vorbild, und das steigert ihr Engagement. So entsteht eine Art moralischer Schuld gegenüber dem Trainer, und er wird zu jemandem, den man auf keinen Fall enttäuschen darf.«


Auch wenn er nicht leicht aus der Rolle fällt und es selten vorkommt, dass er wegen Schiedsrichterentscheidungen lamentiert, leidet del Bosque bei jedem Spiel und kaut es am nächsten Tag wieder und wieder durch. Am folgenden Morgen, manchmal auch schon in der Nacht, sieht er sich das Match noch einmal in voller Länge an und entwickelt dabei oft eine ganz andere Meinung zum Geschehen als jene, die er unmittelbar nach dem Schlusspfiff geäußert hat. Mit seinen Spielern solidarisiert er sich leidenschaftlich; umso schlimmer war es, mit ansehen zu müssen, wie beim WM-Endspiel auf seine Leute eingedroschen wurde. War es wirklich del Bosque, der da aufs Spielfeld lief, um beim Schiedsrichter zu protestieren? Nun, er tat es aus einem Kameradschaftsgefühl heraus.

Cruyff: »Er ist ein Señor«

Es liegt auf der Hand, dass ein historischer Erfolg wie der Gewinn einer Weltmeisterschaft dazu führt, die Protagonisten zu verklären. Doch die Lobeshymnen, die auf del Bosque einprasselten, gingen weit über die Preisung seiner handwerklichen Arbeit als Trainer hinaus. Johan Cruyff beschrieb es so: »Er ist ein Señor.« Noch nie hatten Sportkommentatoren nach einem Großereignis ihr Augenmerk so sehr auf persönliche Aspekte gerichtet. Unabhängig vom eleganten Spielstil seiner Elf, verströmt del Bosque eine charakterliche Noblesse, die selten geworden ist. Ist er also ein Produkt dieses antiquierten señorio aus dem »weißen Haus«? Natürlich ist er das, denn hier liegen seine Wurzeln und hier hat er seine Erziehung genossen. Wie sich doch die Werte im Fußball wandeln: In schwierigen Zeiten für die spanische Nation und durch den Sieg bei der WM kommt plötzlich die Marke del Bosque in Mode.

»In Spanien passiert sehr viel Gutes«, sagte del Bosque nach dem Sieg über Deutschland, als er sein Land zum ersten Mal in der Fußballgeschichte in ein Weltmeisterschaftsfinale geführt hatte. »Unser Land hat sich in den letzten 30 Jahren sehr verändert, und als Bürger dürfen wir stolz darauf sein, so gute Sportler unter uns zu haben.« Vicente hat zwei Jahre lang mit angesehen, wie verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen versuchten, Profit aus der Wirtschaftskrise zu ziehen; er hat mit angesehen, wie die Rating-Agenturen Spanien fast so sehr schadeten wie der konservative Oppositionsführer im Parlament, und dass pessimistische Kommentare von ausländischen Politikern wie Angela Merkel das depressive Klima noch verstärkten. Vielleicht dachte er deshalb am 7. Juli, nach dem Einzug ins Finale, dass seine Fußballspieler der Welt gezeigt hatten, dass es in Spanien immer noch welche gibt, die zu ganz großen Dingen fähig sind. Seine Worte haben den Spaniern ein wenig von ihrem Stolz zurückgegeben.

Sein Vater lehrte del Bosque, jeden Morgen aufzustehen und seinen Weg zu gehen, egal wie ungerecht das Leben sein mochte. Sein Vater lehrte ihn, dass man Stolz braucht, um Leid ertragen zu können. Nur so kann man wahrscheinlich so glücklich sein wie Vicente del Bosque aus Kastilien, der Sohn eines Eisenbahners, der den Krieg verlor, aber nie seine Werte.

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