Verlegung des Pokalfinales der Frauen
23.01.2009

Verlegung des Pokalfinales der Frauen

»Anderen Rahmen verdient«

Seit 1981 findet das Frauenendspiel im DFB-Pokal als Vorspiel des Männer-Finales statt. Nun entschied der DFB eine Verlegung. Wir haben die TrainerInnen der zwölf Bundesligisten nach ihrer Meinung befragt.

Text:
Daniel Wehner, Milan Jaeger, Andreas Bock
Bild:
Imago
Lange Zeit fristete das Pokalfinale der Frauen ein Schattendasein – irgendwo zwischen Vorspiel, Einheizer und Anhängsel des Herrenendspiels. Das Interesse war überschaubar, oftmals verirrten sich zum Anstoß nicht mehr als 5000 Fans im über 70.000 Zuschauer fassenden Berliner Olympiastadion. Bei gutem Wetter stolperten in der Halbzeit zwar ein paar weitere hinzu, doch selten sahen mehr als 20.000 Zuschauer den Schlusspfiff.



Spätestens seit dem Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2007, dem einhergehenden Boom des Frauenfußballs und der massiven Lobbyarbeit von Dr. Theo Zwanziger (»Die Zukunft des Fußballs ist weiblich«), diskutierte man ernsthaft über eine Verlegung. Peter Peters, der Geschäftsführer des FC Schalke 04, plädierte bereits Anfang 2007 für eine Verlegung des Finales in die Arena »Auf Schalke«. Ein Vorschlag, der bei den Fans und den Verantwortlichen der Bundesligavereine auf Ablehnung stieß.

Zwei Jahre vor der WM 2011: »Die Zeit ist reif«
   
Zwei Jahre später sind sich sieben von zwölf BundesligatrainerInnen sicher: Sie halten Berlin als Austragungsort für überholt, und glauben, dass die Zeit gekommen sei, um sich vom Herrenendspiel zu emanzipieren. »Der Frauenfußball wird durch eine Verlegung erst die Chance bekommen, eine eigene Tradition zu entwickeln und ihm würde endlich die Ehre zuteil, die ihm gebührt«, sagt Deniz Bakir, Trainer vom SC 07 Bad Neuenahr. Ralf Kellermann vom VfL Wolfsburg findet, dass das Finale bis zuletzt – trotz des Booms – immer den Charakter des Vorspiels gehabt habe: »Die Ränge füllten sich erst in der 2. Halbzeit. Auch aufgrund der Weltmeisterschaften 2010 und 2011 ist die Zeit für eigene Wege mehr als reif.«

Zugleich ist man sich einig, dass sich Multiplexarenen wie die »Arena Auf Schalke« oder die »Commerzbankarena« aufgrund ihrer Größe zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht als Austragungsort eignen. So schlägt Herbert Müller vom TSV 1846 Crailsheim den Gladbacher Nordparl als Austragungsort vor, Björn Kentner (Herforder SV Borussia Friedenstal) die Bielefelder Schüco-Arena.

Kritik von vier Trainern

Für Ralf Agolli (SG Essen-Schönebeck), Günter Rommel (SC Freiburg) und Bernd Schröder (1. FFC Turbine Potsdam) kommt der Schritt indes zu früh. Sie vertreten die These, dass das Herrenendspiel dem Frauenfußball die Bühne bereite und dass das Interesse am Frauenfinale nun rapide abnehmen könnte. »Für ein Pokalfinale in Duisburg, München oder Hintertupfingen würde sich kein Mensch interessieren, und es würde den Frauenfußball in keiner Weise populärer machen«, glaubt Bernd Schröder vom dreimaligen Pokalsieger 1. FFC Turbine Potsdam.

Günter Wegmann vom Rekordpokalsieger 1. FFC Frankfurt ist gar der Meinung, dass das Frauenendspiel sich trotz der Terminierung vor dem Männerfinale längst seines einstigen Charakters des Anhängels entledigt hatte: »Durch den hohen Stellenwert und die bundesweite TV-Übertragung war das Frauenfinale in Berlin mehr als nur ein Vorspiel. Viele Fußballinteressierte haben diese beiden Finalspiele als attraktiven Doppelevent wahrgenommen.«

Die Statements im Einzelnen auf Seite 2

Frage: Begrüßen Sie die Entscheidung des DFB, das DFB-Pokalfinale der Frauen zu verlegen?
 
PRO
 
Hubert Müller (TSV 1846 Crailsheim)
»99 Prozent der Menschen im Olympiastadion wollen doch das Männer- und nicht das Frauenendspiel sehen. Daher ist es wichtig, dass die  Frauen ihr Finale in einem kleineren Stadion austragen, zum Beispiel am Bökelberg. Mit der richtigen Promotion könnte man den dann auch bis auf den letzten Platz füllen.«

Heidi Vater (FF USV Jena)
»Sicher ist es von Vorteil, wenn das Stadion von Anpfiff bis Abpfiff voll ist und klar ist, dass die Zuschauer nur wegen den Frauen kommen. Die Frauen haben es nicht verdient vor leeren Rängen zu spielen. Bei einem Finale vor ausverkauftem Haus wird es auch ein größeres Medieninteresse geben.«

Ralf Kellermann (VfL Wolfsburg)
»Einerseits war Berlin immer ein riesiges Event für den Frauenfußball, andererseits hatte das Finale bis zuletzt – und auch trotz des Booms – immer den Charakter des Vorspiels. Oftmals füllten sich erst in der 2. Halbzeit die Ränge. Auch aufgrund der Weltmeisterschaften 2010 und 2011 glaube ich, dass die Zeit für eigene Wege mehr als reif ist.«

Björn Kentner (Herforder SV Borussia Friedenstal)
»Natürlich war es bis dato sinnvoll, das Finale in Berlin auszutragen. Es konnte eine breitere Öffentlichkeit erreicht werden. Dadurch, dass das Spiel einige Stunden vor dem Herrenfinale angepfiffen wurde, konnte sich das Finale aber nie vom Charakter des Vorspiels lösen. Wenn dann noch das Wetter das schlecht war, herrschte im Stadion absolute Tristesse. Das Finale hat einen anderen Rahmen verdient. Ein riesiges Stadion wäre natürlich Schwachsinn. Die Bielefelder Schüco-Arena wäre zum Beispiel ideal.«

Günther Wörle (FC Bayern München)
»Der Frauenfußball und das DFB-Pokalfinale hat es verdient, ein Hauptspiel und kein Vorspiel zu sein. Was bringt es dem Frauenfußball Jahr für Jahr vor 5000 bis 15.000 Zuschauern, von denen sich viele eher zufällig im Stadion verirren, das Finale auszutragen? Gerade im Hinblick auf die WM 2011 hat der DFB nun den mutigen Schritt gewagt. Natürlich ist ein Risiko nicht ausgeschlossen, wenn man das Finale an einem neuen Ort aber marketingtechnisch gut aufzieht, das heißt auch mit einer TV-Liveübertragung, wird der Schritt vom Erfolg gekrönt – da bin ich mir sicher.«

Deniz Bakir (SC 07 Bad Neuenahr)
»Der Frauenfußball wird durch die Verlegung die Chance bekommen, eine eigene Tradition zu entwickeln und ihm wird die Ehre zuteil werden, die ihm gebührt. Bisher hätte man auch das Finale der B-Jugend austragen können und es wären nicht mehr Zuschauer gekommen. Das Frauenfinale passt einfach nicht in ein derart großes Stadion.«

Martina Voss (FCR 2001 Duisburg)
»Jetzt hat man die Chance genutzt und das Pokalfinale verlegt. Denn die Stadion-Atmosphäre in Berlin hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Mir wäre eine Verlegung nach Nord-Rhein-Westfalen am liebsten. Der Standort hat eine lange Tradition und ist gut erreichbar.«

 
UNENTSCHIEDEN

Achim Feifel (Hamburger SV)
»Einerseits war Berlin immer eine gute Bühne für die Frauenmannschaften, andererseits wird ein Finale in einem Stadion, in das über 70.000 Menschen passen, das aber nur mit 8.000 gefüllt ist nicht im Sinne des Erfinders. Ich vertraue da den Verantwortlichen des DFB. De facto ist es allerdings immer ncoch so: Internationale Spiele stoßen in der Öffentlichkeit auf großes Interesse, Bundesliga- und Pokalspiele indes verfolgt auch heute noch kaum jemand.«

 
CONTRA

Günter Wegmann (1. FFC Frankfurt)
»Nein, da es derzeit zusammen mit dem Männerfinale keine bessere Plattform für den Frauenfußball gibt. Die individuellen Vermarktungsmöglichkeiten und auch die TV-Quoten sprechen für eine perfekte Integration in den Gesamt-Event, der in dieser Form den größtmöglichen Stellenwert in Deutschland hat! Durch den hohen Stellenwert und die bundesweite TV-Übertragung war das Frauenfinale in Berlin mehr als nur ein Vorspiel. Viele Fußballinteressierte haben diese beiden Finalspiele als attraktiven Doppelevent wahrgenommen. Ob eine eigene, sicherlich kleinere Endspiel-Veranstaltung zu einer größeren Wahrnehmung und besseren Präsentation in der Öffentlichkeit führt, wage ich zu bezweifeln. Die Veranstaltung in Berlin hat zudem Tradition. Ob so etwas anderenorts umsetzbar sein wird, mag ich derzeit nicht beurteilen (Zuschauerzuspruch etc.). Es wird sehr von dem Standort und den teilnehmenden Mannschaften abhängen.«

Günter Rommel (SC Freiburg)
»Ich finde die Verlegung sehr schade, denn nur in Verbindung mit dem Männerfinale bekamen die Frauen die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht.«

Bernd Schröder (1. FFC Turbine Potsdam)
»Für mich ist das eine der ungünstigsten Entscheidungen des DFB, die man vor einer WM im eigenen Land überhaupt treffen könnte. Dass die beiden Spiele nacheinander in Berlin statt fanden, wurde vor über 25 Jahren doch nur entschieden, um den Frauenfußball populärer zu machen. Das würde mit einer Verlegung absolut ausgedünnt werden. Unabhängig davon, wo gespielt werden würde, es kämen doch maximal 10 000 Zuschauer. Für ein Pokalfinale der Frauen in Duisburg, München oder Hintertupfingen würde sich kein Mensch interessieren, und es würde den Frauenfußball in keiner Weise populärer machen. Eine solche Entscheidung ist für mich nicht nachvollziehbar – es sei denn, der DFB garantiert nun wirklich eine Live-Übertragung.«

Ralf Agolli (SG Essen-Schönebeck 19/68)
»Für meinen Geschmack kommt dieser Vorstoß zu früh. Ein besserer Zeitpunkt wäre nach der WM 2011 im eigenen Land gewesen. Mit der WM-Euphorie im Rücken bestünden gute Chancen auf ein größeres Medien- und Zuschauerinteresse. Dann wäre ein Austragungsort wie Frankfurt denkbar. Momentan tut sich der DFB mit dieser Entscheidung keinen Gefallen.«
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