Verlässt Diego Bremen?

Mit zwei weinenden Augen

Johan Micoud ersetzte Andreas Herzog, und als der große Franzose abtrat, kam Diego. Nun baggert der FC Bayern am Werder-Spielmacher. Bei den Fans geht die Angst um, dass es diesmal keinen legitimen Erben geben wird. Verlässt Diego Bremen?Imago Alles hängt mit allem zusammen. Wenn hier ein Schmetterling hustet, bricht in Indochina ein Unwetter los. Wenn man sich am Arsch ein Haar rauszieht, tränt das Auge. Wenn Milan Sasic in Kaiserslautern entlassen wird, trinkt in der Hamburger Fuzo Thomas Doll vor Aufregung einen Espresso mehr. Wenn Cristiano Ronaldo zu Real Madrid wechselt, hängen in den Landkreisen Osterholz-Scharmbeck, Diepholz und Vechta die Werder-Flaggen auf Halbmast.

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Dort geht die Angst um: Spielmacher Diego könnte Werder Bremen verlassen, den Lieblingsverein so ziemlich jedes halbwegs Fußballinteressierten. Denn wenn jener Ronaldo nach sechs Jahren Manchester United gen Spanien zieht, um dort als Mittelpunkt einer neuen Galaxie zu fungieren, könnte Bayerns Franck Ribéry ihn beerben. Um die sich auftuende Lücke beim deutschen Rekordmeister zu füllen, besinnen die Verantwortlichen sich einer altbewährten Strategie: Sie kaufen bei der Konkurrenz ein. Gestern trafen sich Diego und sein Vater Djair da Cunha in München mit Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß.

Ein Geheimnis ist das nicht, und es gab sich auch niemand Mühe, eines daraus zu machen. Eine halb-anonyme Flughafen-Lounge wie einst beim Transfer von Miroslav Klose diente nicht als Treffpunkt. Und überhaupt scheint Werder-Sportdirektor Klaus Allofs nicht mit allen Mitteln um den Verbleib Diegos kämpfen zu wollen. Er wolle, so sagte er, nachdem das Interesse des FC Bayern publik geworden war, jedenfalls »nicht den Hörer auflegen«.

Rudi und Willi, das war einmal

Auch die nostalgischsten Werder-Fans wissen: Die Zeiten, in den Werder-Legende Rudi Völler giftete, er wolle sich »lieber die Hand abhacken lassen«, als zum Erzrivalen zu wechseln, sind vorbei. Auch ist Allofs vom Hass, den sein Amtsvorgänger Willi Lemke auf die Großkopferten hegte, weit entfernt. Der ehemalige Stürmer sieht das Managergeschäft sportlich.

Und doch hofften die Anhänger, dass nach den Karriereknicken Andreas Herzogs, Valerien Ismaels und zuletzt Tim Borowskis ein Umzug von Bremen nach München an Attraktivität verloren hätte. Diego selbst sagte vor einigen Tagen, er könne sich vorstellen, noch lange in Bremen zu bleiben. Das klang noch nicht einmal nur schmalzig: Bremen ist – die durchwachsene Bundesliga-Saison einmal außen vor gelassen – über das ganze Jahr hinweg europäisch vertreten gewesen und hat noch immer die Chance, zwei Wettbewerbe zu gewinnen. Der Verein gehört zu den drei solidesten unter dem Dach der DFL – einem Verband, den viele schon als Krisengewinnler sehen, wenn die Blasen in Italien, Spanien und England platzen. Die Avancen von Juventus Turin, einem Klub im Abglanz seiner Tradition, wollten niemanden so recht in Verlustangst stürzen.
 
Doch nun tritt der FC Bayern auf den Plan, der es tatsächlich zu schaffen scheint, trotz der wohl verhunztesten Spielzeit seiner Geschichte nichts von seiner Anziehungskraft einzubüßen. Ein neuer Trainer, ein Griff zum Festgeldkonto – und er ist wieder wer. Nämlich der, der den anderen die Spielsachen wegnimmt.

Genau so schön wie surreal

Dass ein Werder-Profi zum FC Bayern wechselt, das juckt die Fans wohl noch, aber es tut nicht mehr so weh wie einst – Allofs' deeskalierender Kommunikationspolitik sei Dank. Am schmerzhaftesten ist der Verlust an sich. Diego spielen zu sehen, das ist für die Leute aus Osterholz-Scharmbeck und umzu gerade deswegen ein solch karthatischer Genuss, weil sie in jedem Moment die Vergänglichkeit spüren. Dieser Künstler nicht im Old Trafford, im Camp Nou, sondern dort, »wo die Weser einen Bogen macht«? Das ist genau so schön wie surreal.

Mit jedem Kunststück, jedem Tor, jedem Erfolg – besonders gegen die großen Teams Europas –, zu denen Diego die Mannschaft führte, wurde wahrscheinlicher, dass das nicht mehr lange so weiter gehen würde. Jede Aktion löste sowohl Liebe als auch Abschiedsschmerz aus. Einzig Letzterer wird nun bleiben.

Es steht eine monströse Zahl im Raum: 18.000.000 Euro. Acht Ziffern Schmerzensgeld. Für diesen Betrag könnte der Alleskönner zum FC Bayern wechseln. Ein Mensch, der beim Schlachter nach Sonderangeboten guckt, kann sich auch mit äußerster Anstrengung nicht vorstellen, wie man eine solche Summe reinvestiert.

Ein Nachfolger muss her, das wissen alle. Mesut Özil gibt es schon, doch der wird noch seine Zeit brauchen, um der Rolle des Kronprinzen zu entschlüpfen. Wer dann? Viele hoffen, dass das Spielerkarussell auch in Bremen Halt macht und der bei Real Madrid unglückliche Rafael van der Vaart aussteigt. Doch das ist eine Spekulation ohne jeglichen Anhaltspunkt.

2002 ging in Bremen schon einmal die Ära eines Mannes zu Ende, der als unersetzlich galt: Andreas Herzog trat ab. Da gelang es Adlerauge Allofs, einen Mann auf der Ersatzbank des AC Parma zu entdecken, den ganz Europa vergessen hatte. Dieser genialische Johan Micoud führte Werder zu Meisterschaft und Pokalsieg. Als er 2006 Werder verließ, fand Allofs Diego auf der Tribüne des FC Porto.

Und nun? Das Scouting-Netz der Konkurrenz ist engmaschiger geworden. Ein Spieler wie Diego sitzt nirgends mehr auf der Bank und hat gerade nichts zu tun. In Osterholz-Scharmbeck, Diepholz und Vechta ahnen die Fans, dass es jetzt nur noch fünf, vielleicht sechs Spiele sind, in denen sie ihren Diego für sich haben. Ein Schmetterling hustet, das Auge tränt, Doll trinkt nervös Espresso. Und rund um Bremen hängen die Fahnen auf Halbmast.

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