Van Basten macht den Klinsmann

Clockwork Orange

Marco van Basten und Jürgen Klinsmann waren Weltklassestürmer. Als Trainer wollten sie den Fußball revolutionieren. Nun trat van Basten bei Ajax zurück – unter ähnlichen Umständen wie Klinsmann bei Bayern. Was lief falsch? Van Basten macht den KlinsmannImago Es war der 29. Juli 2004, als Marco van Basten als neuer Bondscoach der Niederlande vorgestellt wurde. Drei Tage vorher schloss im großen Nachbarland Deutschland die so genannte Trainerfindungskommission ihre Arbeit ab, und der neue Heilsbringer Jürgen Klinsmann wurde als Nationaltrainer des dreimaligen Weltmeisters vorgestellt.

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Die beiden Herren hatten nun nicht mehr nur ihren Status als ehemalige Weltklasse-Stürmer ihrer Länderauswahlen gemein. Jetzt waren sie zudem noch die Väter der »Mission 2006« – van Basten und Klinsmann sollten ihre Teams zum Weltmeistertitel führen. Das Ergebnis ist bekannt: beide scheiterten - der eine mehr, der andere weniger.

Marco van Basten blieb nach seinem Amtsantritt mit der Elftal in der WM-Qualifikation ungeschlagen und verordnete seinem Team eine Verjüngungskur, indem er altgediente Spieler wie Seedorf, Kluivert und Davids aussortierte, um jungen, hungrigen Spielern sein Vertrauen zu schenken. Der Europameister von 1988 erntete für sein radikales Vorgehen scharfe Kritik. »Er kann nicht mit großen Namen umgehen. Das ist auch der Grund, warum so viele junge Spieler in seinem Team sind. Diese lassen sich leichter manipulieren«, wurde eine Quelle aus dem Umfeld der Elftal zitiert. Doch ein Mann der vielen Worte war van Basten noch nie – er ließ schon immer lieber Taten als Gegenargumente sprechen. In der Vorrunde der WM wurden die Geheimfavoriten Elfenbeinküste und Serbien/ Montenegro aus dem Turnier gekegelt. Doch im Achtelfinale die Bauchlandung: die Endstation für die hochgehandelten Holländer war Portugal.

Heilsbringer 2.0

Schon standen die Kritiker wieder Gewehr bei Fuß, um van Basten zu stürzen. Der gab daraufhin den EM-Titel 2008 als Ziel aus. Auch in Österreich und der Schweiz galten die Oranjes als Titelfavorit, mussten sich jedoch im Viertelfinale den Russen geschlagen geben. Einen Rückzieher machte van Basten aber bereits lange vor der EM. Im Dezember 2007 gab er bekannt, dass nach dem Kontinentalturnier als Bondscoach Schluss sein würde: »Nach dem WM-Finale im vergangenen Jahr haben wir uns entschieden, die EM-Endrunde als Abschluss unserer Tätigkeit zu betrachten. Nach vier Jahren ist die Zeit gekommen, sich eine neue Herausforderung zu suchen.«

Diese neue Herausforderung sollte der niederländische Rekordmeister Ajax Amsterdam sein. Der Traditionsklub »muss Meister werden«, kündigte van Basten großspurig an. Und der Ex-Stürmer machte da weiter, wo er bei der Elftal aufgehört hatte – mit dem Aufräumen.

Krasse Personalentscheidungen, autoritärer Führungsstil, keiner durfte dem Alleinherrscher in die Quere kommen. Dann aber der erneute Rückzieher. Nach der 0:4-Pleite gegen Kellerkind Sparta Rotterdam am Wochenende hat van Basten die Reißleine gezogen und sich vorzeitig von seinem Job als Heilsbringer 2.0 verabschiedet. »Der Hauptgrund für seinen Schritt war, dass er festgestellt hat, dass er die Ziele nicht erreicht hat und auch nicht das Gefühl hat, in der nächsten Saison für eine Verbesserung sorgen zu können«, hieß es in der spartanischen Presseerklärung des niederländischen Hauptstadtklubs.

Die Parallelen zu Jürgen Klinsmann sind unübersehbar. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft im eigenen Land blies auch dem Weltmeister von 1990 der Wind heftig entgegen, stand im Frühjahr 2006 nach der blamablen 1:4-Klatsche im Testspiel gegen den späteren Weltmeister Italien sogar kurz vor dem Exitus beim DFB. Unliebsame Personalentscheidungen und die fast tägliche Debatte um seinen Wohnort fernab der deutschen Medienlandschaft trugen ihr Nötiges dazu bei. Doch durch eine Welle der Euphorie und durch sein Auftreten als Motivator des DFB-Teams schwappte ihm nach dem dritten Platz bei der Heim-WM eine Woge der Begeisterung entgegen - sowohl von den Fans als auch von Seiten der Medien.

Ein schmaler Grat

Klinsmann blieb aber Klinsmann und zog seinen Stil konsequent durch. Am 11. Juli 2006 gab er seinen Rücktritt als Reformator beim DFB bekannt. Er sei »ausgebrannt« und fühle sich nach den Anstrengungen der WM den neuen Herausforderungen nicht gewachsen. Ein Rückzieher à la van Basten – nur zu einem früheren Zeitpunkt. Dann genau anderthalb Jahre später die nie für möglich gehaltene Sensation: Der FC Bayern München ergatterte sich das Engagement des ehemaligen Bundestrainers.

Und auch hier fuchtelte Klinsmann mit seinem Reform-Staubsauger herum. Er trat an, um den deutschen Rekordmeister neue Impulse zu geben, brachte ein Team von amerikanischen Fitness-Coachs mit und gab van-Basten-like den Cowboy. »Ich will die Spieler jeden Tag besser machen«, so seine markigen Worte zum Amtsantritt. 10 Monate später sein Aus, sein Handeln und seine Reformationsversuche entwickelten sich zum Bumerang – ähnlich wie bei seinem niederländischen Kollegen. Die Beletage des FCB entzog dem als »absoluten Wunschtrainer« deklarierten Klinsmann das Vertrauen und senkte den Daumen. Auch auf Druck der Medien, die die Schickeria, den Kern der Südtribüne der Allianz Arena, gezielt zu manipulieren wussten und so eine Anti-Stimmung gegen den Trainer machten, dass Hoeneß und Co. gar keine andere Wahl blieb.

Auch hier erkennbare Parallelen zum Fall Marco van Basten. Mit dem kleinen Unterschied, dass der Niederländer selbst die Reißleine zog, bevor die Hetzjagd der Medien nicht mehr auszuhalten war. Im heutigen Fußballgeschäft und vor allem bei den internationalen Schwergewichtsvereinen steht der Erfolg über allem, das Uhrwerk tickt unaufhörlich. Das Handeln der Vereinsbosse und das der Trainer selbst ist mit einem 30-Tonner zu vergleichen, der einmal bewegt, erst zum Stehen kommt, wenn für die Handlungsträger nicht klar ist, ob bereits ein schwerer Schaden entstanden ist. Die Beispiele van Basten und Klinsmann zeigen deutlich, wie festgefahren und, auf der anderen Seite, schnelllebig das Geschäft mit dem runden Leder ist.

War man für viele vor einiger Zeit noch Heilsbringer und der geforderte Reformator, wird man im nächsten Moment zum Opfer und ans Kreuz der Öffentlichkeit geschlagen.

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