06.11.2007

Unterzahl in der Frosthölle

Auf Rasen, unter Schnee

Im aktuellen Heft berichten wir von einem Spiel Saarbrücken, bei dem Arminia Bielefeld mit nur zehn Mann antraten. Das wäre für den Kollegen Andreas Bock Luxus gewesen: Bei Eis und Schnee gesellten sich gerade einmal fünf Kameraden zu ihm.

Text:
Andreas Bock
Bild:
Imago
In Hamburg gibt es gefühlte zwei Rasenplätze – auf dem einen spielt der HSV, auf dem anderen der FC St. Pauli –, zudem eine riesige Spielwiese namens Stadtpark. Der Hobby-Messi dribbelt sich hier seinen Weg um grillwütige Fleischvernichter und all die frischverliebten und immer glucksenden Pärchen, die sich fünf Stunden mit einem Federballspiel beschäftigen – einige spielen auch Boule oder Mau Mau auf der kuscheligen Frotteedecke –, während der Arbeitskollege, der eigentlich gar nicht Fußball spielen kann, aber unbedingt mal mitwollte, sämtliche Barbecue-Vorbereitungen mit der Karsten-Kober-Gedächtnis-Grätsche abräumt.



Hamburger Freizeitkicker indes, die sich dubiosen Organisationen mit Namen wie Hamburger-Freizeit-Fußball-Gemeinschaft und Vereinen wie Ballsportkombinat Satan, Standard Alu, Eintracht Storm oder FC Bolinhas angeschlossen haben, tragen das Schicksal, Woche für Woche auf einem der circa 27.359 Grandplätze zu spielen. Mittwochs trudeln dann für gewöhnlich Nachrichten ein, die einem schon vor Freitagabend jegliche Wochenendlaune verderben: „Samstag Spiel gegen Peterchens Eckfahne, Anstoß 8:30 Uhr, Treffen 7:30 Uhr in Steilshoop-Süd, auf dem nicht gekreideten Grandacker hinter den Hochhäusern, bei ‚Gitti’s Eck’. Da wo keine Netze in den Toren sind.“

Die Vorfreude war demnach groß, als ich an einem Mittwochmorgen im Dezember 1999 folgende E-Mail von unserem geschätzten Obmann erhielt: „Rasen, Jungs, wir spielen auf Rasen! Treffen 9:30 Uhr, Rissen, in dem kleinen Stadion, kurz vor der Pferdekoppel. Stollenschuhe nicht vergessen!!! Dass ich das noch erleben darf. Hach!“

Doch die Vorfreude währte nur bis Samstag, 7 Uhr. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich nichts als Schnee, meterhoch. In der Gewissheit, dass das Spiel ausfallen würde, schlurfte ich bereits wieder gen Bett und ärgerte mich noch, dass ich am Vorabend nicht bei Schneiders Abschiedsparty war. Doch zwischen Klosett, offener Kühlschranktür und Bett fiel ich dem übermotivierten Herrn Obmann in die Arme – wir wohnten seinerzeit in einer vorbildlichen Freizeitfußball-Wohngemeinschaft –, der mir nun stolz die Nummer des Rissener Platzwarts unter die Nase hielt, die er bereits am Vorabend für den Fall der Fälle aus seiner riesigen Freizeitfußballkiste hervorgekramt hatte. Telefonisch wurde das Wesentliche geklärt: „Hallo, hier Ballsportkombinat Satan, findet das Spiel statt?“ – „Auf jeden, Alter! Wir haben schon bei Eissturm gespielt!“ Fix wurde nun eine Telefonlawine ins Rollen gebracht, die sämtliche Mitspieler über den Nichtausfall des Topspieles der Freizeitliga 3 informieren sollte.

Als wir nach einer Stunde Fahrzeit in Rissen-West ankamen, war der Platz nur noch zu erahnen. Ein paar Eifrige schippten mit Kinderplastikschaufeln etwas Schnee beiseite. Der lokale Schlachter, der aufgrund des Schnees die Tür seiner Fleischerei nicht öffnen konnte, wurde kurzerhand als Schiedsrichter verhaftet: „Komm, mach mal, 3 Mark 50 für neunzig Minuten Spaß!“

Wir standen eine Minute vor Anpfiff mit fünf Feldspielern um einen imaginierten Mittelkreis, irgendwo musste die Telefonlawine ins Stocken geraten sein. Immerhin: Das gegnerische Team vom 1. FC Rasenheizung „lieh“ uns Kalle und Struppi aus, zwei Spieler, die zuletzt im Sommer 1973 gegen einen Ball getreten hatten und die hier im Rissener Stadtstadion eigentlich nur noch zum gepflegten Gegnerbepöbeln auftauchten. Vier von uns hatten ihre Stollenschuhe vergessen und rutschten auf ihren Sambas und Multinockentretern über den Schnee. Zur Halbzeit trottete noch Karsten an, direkt von Schneiders Abschiedsparty, völlig zerstört.

Das Spiel endete 1:11. Der Rasen wurde nie gesehen.

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Hier geht es zu Philipp Kösters Unterzahldrama „Stellungskrieg in Ravensberg“ www.11freunde.de/ballkultur/105876 .
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