03.04.2013

Unterwegs mit Galatasaray-Fans

Willkommen in der Hölle

Seite 3/4: Die Zeit der Kämpfe
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Imago

Wenn in den vergangenen Jahren über türkische Fußballfans geredet wurde, ging es oft um mehr als kleine Sticheleien. Es gibt Mitschnitte, auf denen Polizisten ihre Pistolen gegen Zuschauer richten, andere Videos zeigen Anhänger, die Tribünen auseinandernehmen oder gegnerische Spieler mit Feuerzeugen, Steinen oder Batterien bewerfen. Der türkische Fußballverband verhängte immer wieder Platzsperren. Seit einigen Jahren verordnet er bei Vergehen sogenannte »Ladies Nights«. Das sind Spiele, zu denen nur Frauen und Kinder unter zwölf Jahren ins Stadion dürfen. Bei den Derbys der großen Drei – Besiktas, Fenerbahce, Galatasaray – sind seit zwei Jahren von vornherein Gästefans ausgeschlossen.

Die Rivalen vertragen sich – für ein Wochenende

Vor der High School Lisesi wartet Abdullah Zeybek. Hier, mitten im Stadtteil Taksim, wurde Galatasaray 1905 gegründet. Zeybek, 25, ist Mitglied der Unigruppe von »UltrAslan«. Er trägt einen edlen Stoffmantel, sein Vollbart ist säuberlich gestutzt. Er studiert an einer Privatuniversität Literatur. Vergangenes Jahr hat Zeybek zusammen mit Anhängern von Besiktas und Fenerbahce den Fankongress für »Football Supporters Europe« (FSE) organisiert. Als aus dessen Hamburger Büro die Anfrage kam, sagte er: »Das ist in Istanbul unmöglich!« Doch weil es positive Rückmeldungen der Rivalen gab, wollten sie es miteinander versuchen. Am Ende waren alle begeistert.

Zeybek ist mit seinen Leuten in der Ali Sami Yen Sokak verabredet, unweit des alten Stadions. Wo früher der Rasen war, entsteht gerade ein modernes Hochhaus. Trotzdem treffen sie sich immer noch hier, denn der Platz ist ein Stück Heimat. Die Gerüche, die Buden, die Menschen – alles verbindet sich zu einem Gefühl, dass sich da hinter der nächsten Ecke die Tribünen erheben. Dort, wo ihre Väter standen, als Galatasaray gegen Real Madrid oder den AC Mailand gewonnen hat. Sogar die Köfteverkäufer mit ihren mobilen Servierwagen schwirren noch herum oder die Männer, die Schnaps trinken, sich am Feuer wärmen und klatschen, weil ein Violinist, der sich in den Kreis der Gruppe stellt, eine bekannte Melodie spielt.

Normalerweise versammeln sich vor den Spielen mehrere tausend Fans. Heute sind es vielleicht 400, denn es regnet immer noch. Sie singen: »Rennt doch zu den Bullen!«, und spielen damit auf einen Vorfall vor einigen Jahren an, als Galatasaray-Fans ihre Rivalen von Besiktas durch die Stadt trieben und diese bei der Polizei Schutz suchten.

Plötzlich bekommt Zeybek eine SMS: »Drogba! Es ist fix!«, ruft er, und der Violinenmann spielt noch ein bisschen schneller als eben. Dann ruft er noch einmal: »Drogba!«

Was für Geschäfte? »Geschäfte halt.«

Nur wann kommt Oguz Altay? »Weißt du«, sagt Zeybek. »Mr. Oguz Altay ist ein bedeutender Mann. Er ist vielbeschäftigt.« Und Rafet Karanfil, der Chef der »UltrAslan«-Unigruppe in Istanbul, sagt: »Er ist Millionär. Seine Lieblingsautomarke ist Mercedes.« Womit verdient er überhaupt sein Geld? »Er ist Geschäftsmann.« Was für Geschäfte? »Geschäfte halt.«

Vor zwölf Jahren haben die Köpfe der »UltrAslan« beschlossen, keine Gewalt mehr gegen gegnerische Fans auszuüben. Männer wie Oguz Altay oder der andere »UltrAslan«-Kopf Sebahattin Sirin begruben mit den Chefs der Besiktas- und Fenerbahce-Gruppen das Kriegsbeil. Kurz zuvor waren beim UEFA-Cup-Spiel gegen Leeds United zwei englische Fans von Galatasaray-Anhängern abgestochen worden. Die Leeds-Supporter hatten die türkische Flagge entehrt, sagen die Galatasaray-Fans. Die Galatasaray-Fans sind wahnsinnig, sagen die Leeds-Anhänger. Die Täter gingen ins Gefängnis, manche sitzen immer noch.

Seitdem ist die Zeit der großen Kämpfe vorbei, sagen sie. Es gehe bei »UltrAslan« nur noch um die bedingungslose Unterstützung, um laute Chants und bombastische Choreos. Niemand will mehr das Risiko von Platzsperren oder »Ladies Nights« eingehen. Die Sorge ist zu groß, dadurch Punkte und den Anschluss an die Kontrahenten Fenerbahce oder Besiktas zu verlieren. »Alles für Galatasaray!«, sagt Zeybek. Und das ist wörtlich zu verstehen, denn vor einiger Zeit vermachten die »UltrAslan« für drei Jahre sogar ihren Namen dem Klub, damit dieser mit dem Schriftzug Merchandise verkaufen konnte. Drei Millionen Euro soll das in die Vereinskassen gespült haben.

»Wir waren fünf gegen 150!«

Die Gewalt ist dennoch nicht verschwunden. Es starben auch nach dem Jahr 2000 Menschen bei Fußballspielen in der Türkei, 2004 erstach ein Besiktas-Fan einen anderen Besiktas-Anhänger, weil dieser ihn angerempelt hatte. 2010 überlebten drei Bursaspor-Fans bei einem Spiel gegen Besiktas knapp eine Messerattacke. Zum Prügeln trifft man sich heute bei anderen Sportarten. Zuletzt kam es im Dezember 2012 zu Ausschreitungen beim Rollstuhl-Basketball. Es fing an mit Schmähgesängen, danach flogen Fäuste und Rollstühle. Wer hatte Schuld? Die anderen natürlich. Auf dem Weg zum Stadion erzählt Veysel Üsen, einer der Beteiligten, vom Kampf in der Halle: »Die Besiktas-Fans tauchten unangemeldet auf. Wir waren fünf gegen 150!« Er saß wegen der Sache ein paar Tage in U-Haft. Das Verfahren ist schwebend, Üsen hofft auf seine Anwälte. Dann sagt er: »Ich würde es wieder machen.«

 
 
 
 
 
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