Unterwegs mit den Fans von Dulwich Hamlet

»Niemand kennt uns? Ist uns doch egal!«

Die Fans von Dulwich Hamlet helfen Flüchtlingen, sind gegen Diskriminierung und pflegen eine Freundschaft mit Altona 93. Der »Guardian« nennt sie Hipster – aber das wollen sie nicht hören.

Marcus Erberich

East Dulwich, London, an einem Dienstagabend im Oktober. Am Ende eines riesigen Parkplatzes leuchtet hellrot der Name eines noch größeren Supermarktes. Nur vereinzelt fahren Autos vorbei, es ist windig. Vor dem Eingang des »Champion Hill«-Stadions, das kaum ein paar Meter von dem Supermarkt entfernt steht, laufen Fußballspieler in Trainingsanzügen und Badelatschen umher. Sie grüßen freundlich, wenn sie nicht gerade auf ihre Smartphones schauen.

Hier, rund zehn Kilometer südlich des Chaos in der Megacity, trägt der Dulwich Hamlet FC seine Heimspiele aus, Isthmian League, Liga sieben.

Brauner St.Pauli-Totenkopf-Pullover
 
Plötzlich eine kehlige Männerstimme: »Du musst der Deutsche sein. Sahst so verloren aus, da dachte ich – the hell! – versuch ich's einfach mal.« Jack grinst. Sein Händedruck ist fest, im Gesicht trägt er einen üppigen Vollbart, die Haare auf dem Kopf sind kurz rasiert. Am Daumen der rechten Hand steckt ein breiter Ring, im linken Ohrläppchen ein schwarzes Piercing. Dazu Schuhe, als käme er direkt von der Waldarbeit.

Bei ihm ist David, etwas älter als Jack, Brille, graue Koteletten, brauner St. Pauli-Totenkopf-Pullover, pink-blauer Schal – die Farben des Dulwich Hamlet FC. Die beiden gehen voran durch eine Tür ins Innere der Sitzplatz-Tribüne, entlang eines schmalen Flurs, an dessen Ende eine Bar liegt. Durch die Fenster auf der linken Seite kann man das gesamte Spielfeld sehen. Bier wird in Plastikbechern ausgegeben, eine Bardame sieht aus wie ein Zombie, eine andere wie eine Katze – in ein paar Tagen ist Halloween.

Im Konvoi nach Calais
 
Jack und David setzen sich an einen Tisch in der Mitte des Raums. Sie sind Mitglieder des Dulwich Hamlet Supporters' Trust, einer Gruppe von organisierten Fans, die Mitte Oktober im Konvoi nach Calais gefahren sind, um dort Sachspenden in das Flüchtlingslager zu bringen, das sie »The Jungle« nennen. Offiziell sitzen dort etwa 6000 Flüchtlinge fest, die meisten von ihnen aus Syrien, Afghanistan und Ostafrika.

Die tatsächliche Anzahl der Menschen dort dürfte sogar noch über dieser Schätzung liegen, Jack spricht von weiteren Camps, die sich in den letzten Wochen in der Nähe des »Jungle« gebildet haben sollen. Das Ziel dieser Flüchtlinge ist England, egal wie, auf Fähren über den Ärmelkanal oder zu Fuß durch den Eurotunnel. Seit Ende Juni kamen bei Versuchen, auf diesen Wegen nach England einzureisen, laut Behördenangaben schon mehr als zehn Menschen ums Leben – auch diese Schätzung dürfte zu gering ausfallen.

Trotzdem will die Regierung in England sie nicht aufnehmen – der konservative Premierminister David Cameron hatte im September angekündigt, bis zum Jahr 2020 rund 20.000 syrische Flüchtlinge einreisen lassen zu wollen: Ein schlechter Witz gemessen an den Zahlen der Flüchtlinge, die täglich an den Grenzen Europas stranden; allein in Griechenland sind es jeden Tag mehrere tausend Menschen.

»Wie in einem dystopischen Science-Fiction-Film«
 
Jack lehnt sich nach vorn. Als er von seinen Eindrücken aus Calais berichtet, legt er beide Hände auf den Tisch. »Da sieht es aus wie in einem dystopischen Science-Fiction-Film. Wie eine riesige Müllhalde, umgeben von Zäunen«, sagt er: »Aber da drin leben Menschen!« Und David ergänzt: »Wir haben Kinder gesehen, die mit Plastiktüten gespielt haben. Die haben sie sich wie Hüte auf den Kopf gezogen. Und junge Männer, die auf der Autobahn auf Lastwagen aufspringen wollten.«

Die meisten der Flüchtlinge in Calais seien auf den Winter an der Küste im Norden Frankreichs schlecht bis gar nicht vorbereitet, viele hätten nur Flip-Flops oder Sandalen statt fester Schuhe und nicht ausreichend warme Kleidung, um sich vor der Kälte und dem Wind zu schützen. Schon jetzt stehen nach heftigen Regenfällen oft Teile des Camps knöcheltief unter Wasser – und das Schlimmste kommt erst noch. »It's gonna be fucking shit«, sagt Jack, es wird verdammt noch mal Scheiße.

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