17.06.2012

Unterwegs mit Anhängern des Fanclubs Nationalmannschaft

Unter Deutschen

Seite 2/3: Die »Eventis« sind nicht dabei
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Andreas Bock

Der »Fan Club Nationalmannschaft« hat nicht den besten Ruf, zwar zählt er mittlerweile über 50.000 Mitglieder, doch ist eben auch eingebettet in ein Vermarktungskonzept. Zum anderen konterkariert seine Größe die eigentliche Intention eines Fanklubs: Nämlich Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Das spiegelt sich auch in den einzelnen Sektionen wider. Bei der »Sektion Mitteldeutschland« gibt es etwa einen harten Kern, doch über Jahre sind hier schon mehr als 1000 Leute mitgefahren.

Ein anderer Kritikpunkt wird von den Ultras formuliert. Es ist, als hätten sie die Kritik an ihrer Kultur einfach umgedreht: »Die Choreogruppe des Fanclubs Nationalmannschaft diktiert die Stimmung und die Banner. Alles nur Event-Fans, alles Lemminge!«, ist in einem Ultra-Forum zu lesen.

Hier im Bus sind sie nicht, die Lemminge. Hier sitzen Allesfahrer, Vielfahrer, etliche Groundhopper, die auch mal mit den Ultras rüber nach Tschechien oder Rumänien fahren, um dort Dritt- oder Viertligavereine zu sehen. Sie sprechen ebenfalls von Event-Fans, sie nennen diese: »Eventis«. Das sind die, die nur zu den Heimspielen der Deutschen kommen und so aussehen wie auf der Homepage des Fanclubs Nationalmannschaft.

»Viele Leute finden das mit dem Sponsor nicht gut und ich war anfangs auch skeptisch, aber es erleichtert halt vieles«, sagt Rico. Zum Beispiel ein Vorkaufsrecht bei Tickets, Rabatte auf Fanartikel, eine »Fankarte im Look des Fan Club Nationalmannschaft«. Die Unterkünfte müssen die einzelnen Fanklubs indes selbst organisieren. Der DFB assistiert manchmal dabei, doch das Risiko trägt die Sektion. Manchmal muss Rico dabei fünfstellige Summe vorschießen. »Wenn was schief geht, dann hilft auch der DFB nicht«, sagt er. 2000 Euro hat dieses Mal das EM-Komplettpaket gekostet, 55 Leute sind momentan an Bord, nicht alle bleiben bis zum Ende.

Rico Jakob arbeitet eigentlich in der Öffentlichkeitsabteilung der Stadt Zwickau. Hier bei der »Sektion Mitteldeutschland« ist er ein bisschen Mädchen für alles. Oder eben: Ehrenamtlicher Reiseleiter. »Es fühlt sich wie Arbeit an, doch nach den Spielen fällt die Last ab«, sagt er. Dann überlegt er: »Irgendjemand muss es ja machen.«

So etwas wie ein Fancamp auf der Kiewer Insel Trukhanov, wo über 10.000 Schweden übernachten, hätte sich Rico auch für die deutschen Fans gewünscht. Doch es wurde vom DFB als nicht realisierbar eingestuft. Es sei zu unsicher gewesen. Er hat nun selber Hotels und Hostels in den jeweiligen Spielorten gebucht. In Kiew und Lwiw ging alles glatt, in Charkiw hatten sie bis drei Tage vor dem Spiel keine Unterkunft. »Irgendwas war da faul«, sagt Rico, »die Adresse des Hotels änderte sich ständig.«

Letztendlich stellte sich heraus, dass es das gebuchte Hotel gar nicht gibt. Nun hat Rico kurzfristig eine weitere Studentenherberge gefunden, im Wohnheim-Komplex der pharmazeutischen Fakultät. Zudem musste er für Charkiw zwei Busse mit lokalen Fahrern anmieten, denn die Fahrer ihres Busses benötigen eine vorgeschriebene Ruhezeit. Es kommen 650 Euro Mehrkosten auf die Gruppe zu, sie werden auf die einzelnen Mitfahrer umgelegt. »Mit ein bisschen Puffer«, sagt Rico. »Für eventuelle Polizeikosten.«

Rico spricht unaufgeregt, nüchtern und klar. Wenn er zum Beispiel erklärt, wie sich die Reisegruppe in seinem Bus zusammensetzt, klingt das so: »Es sind alle vertreten. Da haben wir den Anwalt, den Hartz-Vier-Empfänger und den Studenten. Wir haben Vielfahrer und Allesfahrer, Jung und Alt.« Alles läuft reibungslos, denn die Reise ist minutiös geplant. In Ricos Mappen stehen Informationen wie: »20. Juni, Ostsee/Danzig, 12:30 Uhr Erster Stopp ehemalige Lenin-Werft, im Gewerkschaftshaus schauen wir uns die Ausstellung ›Wege der Freiheit‹ an.« Oder: »Zwischendurch, 15 Uhr, fahren wir mit einem historischen Piratenschiff durch den Hafen bis zur Westernplatte und zurück.« Das liest sich ein wenig wie das Programm einer Mittelstufen-Klassenreise oder eines Seniorentrips. Für die meisten Mitreisenden ist der Plan ein Halt in der Fremde.

Und manchmal werden einzelne Fans auch spontan. Einen Tag vor dem Spiel Deutschland gegen die Niederlande machte eine sechsköpfige Gruppe einen Ausflug nach Tschernobyl. Für die anderen stand der Tag zu freien Verfügung. Rico schlug vor, einen Fahrradausflug zu machen, nicht mit einem offiziellen Guide, sondern mit einheimischen Studenten, die er vorher über Facebook angeschrieben hatte. »Das war ein bisschen improvisiert, aber trotzdem toll«, sagt er.

 
 
 
 
 
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