Unterwegs mit 3000 irischen Fans zum FC Liverpool

Die Große Überfahrt

3000 Iren reisen zu den Spielen ihres heißgeliebten 
FC Liverpool, die meisten von ihnen per Fähre. So auch am Sonntag, wenn die Reds auf West Ham United treffen.

Paul Lehr und Kai Senf

Jeden Samstag geht Declan Greaves mal eben Zigaretten holen. Heim kommt er erst am nächsten Morgen. Dabei ist der Tabakladen doch gleich nebenan. Und Nichtraucher ist er auch. Das mit den Zigaretten kann nicht die ganze Geschichte sein.

Tina Greaves weiß es längst: Ihr Declan hat eine andere. Seit 23 Jahren das gleiche Spiel: Vor Tagesanbruch verlässt er das gemeinsame Haus im Dubliner Süden und fährt zu seiner Geliebten, die in England wohnt, jenseits der Irischen See, in der verruchten Hafenstadt. Und Tina lässt es zu, sie schmiert ihm sogar noch die Stullen für unterwegs. An der Tür gibt sie ihm ein Küsschen auf die Pausbacke. »Pass auf dich auf, mein Schatz!« Declan rückt sein Kassengestell gerade. »Mach ich doch immer.«

Er wird schon wiederkommen, denkt sie. Aus seinem alten Rucksack, der nur noch einen Träger hat, wird er die Stange Marlboro-Zigaretten ziehen, die sie so gern raucht. Wie versprochen. Denn Declan ist eine treue Seele. Ihr treu und den Kindern. Aber eben auch seiner Geliebten. Es wäre aussichtslos, gegen sie anzukämpfen. Sie ist größer als Tina, größer als alles andere in Declans Leben. Auch wenn er selbst niemals zugeben würde, dass er sie mehr liebt als seine Frau, so liebt er sie doch ganz offenbar hingebungsvoller, opferbereiter, heißeren Herzens. Wegen ihr weint er manchmal, wegen Tina nie.

Declan Greaves’ Geliebte heißt FC Liverpool. Sie hat ihm versprochen, dass er niemals allein gehen wird.

You’ll never walk alone: 3000 Iren nehmen, wie Declan Greaves, alle zwei Wochen den langen Weg nach Anfield auf sich, bei Auswärtsspielen sind es nur unwesentlich weniger. Sie kommen aus Dublin, aus Cork, Limerick, Drogheda und Dun Loaghaire, aus Rathfarnham und Droichead Nua. Wer es sich leisten kann, nimmt das teure Flugzeug, doch das sind, in Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs, die allerwenigsten. Der Großteil besteigt im Morgengrauen die Fähre und begibt sich auf die alte Seeroute zwischen Irland und Großbritannien, die seit jeher die Route der Hoffnung ist.

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Heute ist es die Hoffnung auf drei Punkte, vor 150 Jahren war es die Hoffnung, irgendwie zu überleben. Nach der verheerenden Kartoffelfäule der 1840er Jahre flohen zwei Millionen Iren auf den famine ships, den Hungerschiffen, vor dem Elend ihrer Heimat und suchten ihr Heil in Übersee. Gut 250 000 von ihnen ließen sich in Liverpool nieder, einer Stadt, die damals selbst nur 220 000 Einwohner hatte. Sie veränderten sie für immer: Noch heute hat die Hälfte aller Liverpudlians irische Wurzeln, der Scouser-Dialekt ähnelt dem irischen, hier wie da heißt es »That is me club« statt »my club«. Und seit Jahr und Tag singen die Fans im Liverpooler Kop »The Fields of Anfield Road«, eine Abwandlung der irischen Ballade »The Fields of Athenry«. Das Original handelt von einem Mann namens Michael, der in der Hungersnot Nahrungsmittel für seine Familie stiehlt und dafür mit der Verbannung nach Australien bestraft wird.

Allein in einer Nacht des Februars 1847 befanden sich, das zeigen alte Logbücher, 20 000 Iren auf den dunklen Wassern zwischen Dublin und Liverpool, zusammengepfercht auf allem, was schwamm – eine Armada der Hungerschiffe. Nicht dass Declan Greaves, sein Pausenbrot im Rucksack und voller Vorfreude auf ein Fußballspiel, bei jeder Überfahrt dieser verzweifelten Seelen gedenken würde. Aber er empfindet eine Verbindung zu Liverpool, die weit über bloße Sympathie hinausgeht. »Diese Stadt ist wie ein zweites Herz, das schlägt«, sagt er. »Viele Liverpudlians sind Iren, und viele Iren wären gern Liverpudlians.«

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