07.04.2013

Unterwegs mit 3000 irischen Fans zum FC Liverpool

Die Große Überfahrt

Seite 2/3: Die Lizenz zum Mitnehmen
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Paul Lehr und Kai Senf

Zum ersten Mal spürte Declan sein zweites Herz, als es beinah brach. Am 15. April 1989 wurden bei einer Massenpanik im Hillsborough-Stadion von Sheffield 96 Liverpool-Fans zu Tode gequetscht. Am Morgen, nachdem er die grauenhaften Bilder in den Nachrichten gesehen hatte, rief er seine Kollegen vom Dubliner Taxifahrerverband zu Spenden für die Hinterbliebenen der Opfer auf. »Wenn du Milch brauchst, und ich habe zwei Flaschen«, sagt er, »dann gebe ich dir eine.« 5000 Irische Pfund kamen binnen weniger Wochen zusammen, Declan fuhr nach Anfield, um den Scheck zu überreichen – und hörte dort erstmals jenes Versprechen:

»You’ll never walk alone.«

Seit diesem Tag vor 23 Jahren hat er eine Geliebte in England, ist er ein Teil dieses sagenhaften Trosses der Liverpool-Fans, in dem sich Engländer, Iren, Waliser, Schotten und längst auch Polen, Chinesen, Jemeniten, Ghanaer, Inder und Jamaikaner zur Gemeinschaft der Scousers zusammenfinden. Sie gehen für ihren Verein – und füreinander – durchs Feuer. Über 400 Mal ist Dec-lan Greaves seither in See gestochen, jedes Mal hat er seiner Tina im Duty-free-Shop eine Stange Marlboro gekauft. Versprochen ist versprochen. »Sie soll ja auch was davon haben«, sagt er.

Seinen Job als Taxifahrer hat er vor fünf Jahren hingeschmissen und die »DG Football Promotions« gegründet, eine Agentur, die Fan-Reisen organisiert – vornehmlich zu Spielen des FC Liverpool. An diesem Samstag Anfang Dezember werden es etwa 200 sein, die allein er zum Spiel gegen den FC Southampton nach Anfield bringt, zunächst mit der Fähre ins walisische Holyhead, dann weiter mit vier Bussen über die A55 nach Anfield.

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Sein Büro in einem Dubliner Industriegebiet gleicht der Kulisse einer Polizeiserie aus den achtziger Jahren. Neben einem Telefon mit Wählscheibe bläst ein lastwagengroßer Drucker Feinstaub in den fensterlosen Raum. Die Wände sind mit Trikots und Postern des FC Liverpool tapeziert, am Konferenztisch steht, als ständiger Teilnehmer, ein Pappaufsteller des uruguayischen Starstürmers Luis Suarez. Für Freunde von Sauerstoff und Manchester United muss dieser Ort so etwas wie die Vorhölle sein.

Auf Declans Schreibtisch liegt eine Liste mit den aktuellen Buchungen. Er muss jetzt noch die Tickets für morgen eintüten. Martin, schreibt er säuberlich auf einen Umschlag. Das ist der pensionierte Baggerfahrer, der auf der Fähre den mitreisenden Kindern so gern Märchen erzählt. Ken, der selbständige Schlachter, der in der Nacht von Donnerstag auf Freitag durcharbeitet, damit es in Dublin auch dann noch Wurst gibt, wenn er nach Anfield fährt. David, von dem Declan nur weiß, dass er David heißt, weil er sich so sehr auf das Spiel konzentriert, dass er nicht reden kann oder will. Ian, Carol, Paul, Darragh, Grace, Aaron.

Als Declan Greaves den letzten Umschlag zugeschleckt hat, steigt er in sein Auto, aufs Dach ist noch immer einTaxischild geschraubt. »Ich nehme schon längst keine Fahrgäste mehr mit«, sagt er. »Aber die Lizenz habe ich behalten. Weil man damit auf der Busspur fahren darf.« Ein Mann, der eine Frau und eine Geliebte hat, ist eben immer in Eile. Dann rast er davon. Es ist schon weit nach zehn Uhr, aber er möchte mit Tina noch einen romantischen Spielfilm anschauen.

 
 
 
 
 
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