Unterwegs in der Dritten Liga

Botschafter des Ostens

25 Jahre nach der Wiedervereinigung spielen acht ehemalige DDR-Oberliga-Klubs in der Dritten Liga. Eine ganze Region schöpft neues Selbstbewusstsein. Wir haben einen besonderen Fan begleitet.

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Einmal gegen Torsten Mattuschka spielen, das wollen sie hier alle, in Rüdersdorf, dem Hinterland von Union Berlin.

Auch wenn ihre Ikone mittlerweile in Cottbus spielt, noch immer wird der frühere Unioner angehimmelt, jeder Ballberührung an diesem lauen Augustabend folgt ein Oh und Ah. Mattuschka spielt nur noch selten vom Beginn an, aber hier muss er ran. Sein Team schießt zwölf Tore gegen den Landesligisten MSV Rüdersdorf, Mattuschka trifft zwei Mal. Es ist die zweite Pokalrunde des Brandenburg-Pokals. Für Cottbus unbedeutend, für Rüdersdorf der große Tag, und eines dieser Spiele, das bestenfalls wegen eines sehenswerten Treffers bekannt wird. Nicht mal das wird heute passieren.

Rüdersdorf, Mattuschka und Energie Cottbus sind spärliche Informationen, die aber ausreichen, um an einem Mittwochabend Marco Bertram anzulocken. Wie Honig einen Bären anzieht, verführen den Fotografen Fußballspiele im Osten Deutschlands. Bertram ist Fotograf und Autor für das Onlineportal turus.net, das sich auf Fotos und Artikel über Fankurven spezialisiert hat. 

Bundesliga? »Verfolge ich kaum«

Bertram kann auch in Rüdersdorf nicht anders, er stellt sich vor die Fankurve, knipst die drei springenden Jungs der Dorfjugend, läuft weiter über die rote Aschebahn und schießt Fotos vom alten Glückaufstadion.

Als er sich wieder setzt, fällt ihm eine Geschichte ein: Früher, zu DDR-Zeiten, überzog der Staub des Zementwerks Rüdersdorf-Herzfelde die Stadt wie Asche nach einem Vulkanausbruch. »Das ist doch interessant, das schreibe ich nachher.« Fragt man ihm nach Gera, begeistert ihn die dortige Faninitiative. Magdeburg? »Schlafender Riese ist geweckt.« Leipzig? »Unbequeme Arbeitsbedingungen.« Die Bundesliga? »Verfolge ich kaum.«

Bertram ist ein Lexikon des Ostfußballs. Fußballtermine teilen seine Kalender in Arbeit und Freizeit, wobei unklar ist, ob es nicht ohnehin das Gleiche ist. »Früher hatte meine Woche sieben Tage und sechs Stadien«, sagt er, »heute ist es ein bisschen weniger.« Ein Tag am Wochenende bleibt frei für die Familie, das haben sich Frau und Sohn erkämpft. Manchmal geht es aber nicht anders, Magdeburg gegen Erfurt findet am gleichen Wochenende wie Zwickau gegen den BFC statt: »Muss ich zu beiden hin.«

Bertram ist unterwegs in der Bundesliga des Ostens, wie einige die Dritte Liga nennen, weil acht Vereine der letzten DDR-Oberliga-Saison dort spielen. Natürlich eint die Vereine dort der Wunsch, so schnell es geht diese Liga wieder nach oben zu verlassen. Doch für den Moment ist es dort schön. Der Fußball im Osten, bekannt durch seine fehlende Bundesligisten, er wird im Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung  wieder wahrgenommen. »Zeit.de« hat für diese Saison eine eigene Artikelserie ins Leben gerufen, die »Ostblock« heißt.

Schmuddelkinder des Ostens?

Und Marco Bertram ist mittendrin. Seit 25 Jahren ist er dem Fußball verfallen, seit 2009 fotografiert und beschreibt er bei Turus, was er bei Dynamo Dresden, bei Hansa Rostock und in Magdeburg erlebt. Er hat mehrere Bücher geschrieben, ist Fan des BFC Dynamo und will den anderen Leuten, die über den Osten reden und schreiben, nicht die Deutungshoheit überlassen.

Als im Frühjahr das Internetportal »Vice« einen Artikel über den wilden Osten der vierten Liga schrieb, der ihm zu reißerisch erschien, setzte er sich umgehend an eine lange Gegenrede. Wie ein Ost-Anwalt. »Schmuddelkinder des Ostens, das war mir zu einfach. Ich wollte selber herausfinden, wie es in den Stadien aussieht«, erklärt er seinen Beruf.

Bertram, 42, kurzes schwarzes Haar, Brille, wuchs in Ost-Berlin auf. Fußball und die Begeisterung, die der entfachen kann, existierten damals nur als Ahnung. Er spürte es durch den Union-Schal seines Klassenkameraden oder weil er einen Kumpel weinen sah, als Schalke 1988 abgestieg. Für ihn aber war Fußball tabu: »Meine Eltern kannten mein loses Mundwerk und hatten Angst, dass ich bei der Stasi anecke.«

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