Unser Titelheld Michael Ballack

Der Millennium-Beckenbauer

In der neuen 11FREUNDE-Ausgabe portraitieren wir die seltsame Karriere eines Weltstars: Michael Ballack. Der ewige Zweite, Mittelfeldheld, »kleiner Kaiser«, imposante Medienfigur – verfolgt mit uns seine Achterbahn-Laufbahn. Unser Titelheld Michael Ballack
Heft#95 10/2009
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BSG Motor Karl-Marx-Stadt

Sieben Jahre ist Ballack, als ihn seine Erzeuger bei der BSG Motor »Fritz Heckert« anmelden. Fritz Heckert, 1923 kurzzeitig Wirtschaftsminister von Sachsen, geboren in Chemnitz, 1936 nach einem Schlaganfall in Moskau gestorben. Früh fällt der Knirps, der sich laut eigener Aussage die erste Ost-Mark mit »Altpapier- und Flaschensammeln« verdiente, seinem Jugend-Trainer Steffen Hänisch auf, der ihn – so die Saga auf wikipedia – für sein erstes Spiel gegen Motor Ascota Karl-Marx-Stadt aufstellt. Ergebnis: 2:1 für Jung-Fußballer Ballack und Kollegen. »Ich sah gleich, dass da ein außergewöhnliches Talent heranwächst«, sagt der Übungsleiter heute. Fünf Jahre bleibt er seinem ersten Klub treu, ehe der inzwischen zum stadtbekannten Talent aufgestiegene Michael 1986 zum FC Karl-Marx-Stadt wechselt.  

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FC Karl-Marx-Stadt / Chemnitzer FC

Noch ist das angebliche »Verlierer-Gen« nicht zu diagnostizieren: Ballack wird Bezirks-Hallenmeister, sächsischer Hallenmeister und darf 1994 gar die Trophäe für die A-Jugendmeisterschaft des Freistaates stemmen. Der junge Mann beeindruckt mit imposanter Technik und seiner später vielgerühmten Beidfüssigkeit – ein Relikt aus alten DDR-Jugendtrainingseinheiten. Am 4. August 1995 beginnt die Karriere des Michael Ballack erst richtig: zum Auftakt der neuen Zweitligasaison unterliegt Chemnitz dem VfB Leipzig mit 1:2 (Tor für Chemnitz: Silvio Meißner). Mit auf dem Platz, 18 Jahre jung, Michael Ballack, der da schon den Spitznamen »Der kleine Kaiser« verpasst bekommen hat. Unübersehbar ist die spielerische Eleganz, mit der sich der groß gewachsene Mittelfeldmann über den Platz bewegt. 14 weitere Einsätze folgen, am Ende der Spielzeit muss sich der Traditionsverein aus Chemnitz trotzdem in die Regionalliga Nordost verabschieden. Das tut dem Aufstieg des jungen Eigengewächses keinen Abbruch: am 26. März 1996 darf er sein erstes Spiel für die deutsche U-21-Auswahl bestreiten.

Die Spielzeit 1996/97 katapultiert Ballack endgültig in den nationalen Fokus der Fußball-Öffentlichkeit: seine zehn Tore für die »Himmelblauen« reichen zwar nicht für den direkten Wiederaufstieg, dafür aber für eine Anfrage von Otto Rehhagel, der im Sommer 1997 soeben das Kunststück vollbracht hat, die unter dicken Tränen von Weltmeister Andy Brehme in die Zweitklassigkeit abgestiegenen Profis aus Kaiserslautern wieder in die Bundesliga zu führen. 75.000 Euro, heißt es auf transfermarkt.de, müssen die Pfälzer auf den Tisch legen, um den offiziell für die zweite Mannschaft verpflichteten Ballack aus Chemnitz loszueisen. Fast 21 Jahre nachdem in Görlitz ein gesunder Junge zur Welt gekommen ist, beginnt die seltsame Karriere eines zukünftigen Weltstars im knapp 650 Kilometer entfernten Kaiserslautern.

1. FC Kaiserslautern

Der Junge aus dem Osten der Republik muss sich erstmal an die neue Umgebung gewöhnen, die Pfälzer Mundart birgt für Zugezogene ungeahnte Hindernisse. Aus rein sportlicher Sicht hätte sich der Neuzugang hingegen kein besseres Jahr, keinen besseren Klub aussuchen können. Unter »König Otto«, an der Seite von Olaf Marschall, Andreas Buck, Andreas Reinke und Miro Kadlec verdient sich Ballack erste Sporen in der deutschen Eliteklasse. Am 7. Spieltag wird er gegen den KSC fünf Minuten vor dem Ende erstmals eingewechselt.

Die nächsten Monate dient er seiner Mannschaft als Ergänzungsspieler, Rehhagel sieht keinen Grund die intakte und äußerst erfolgreiche Stammformationen neu zu besetzen. Ballacks Einsatzzeiten bleiben ziemlich überschaubar. Am 25. Spieltag erhält er gegen Rehhagels früheren Verein Werder Bremen seine Chance, als nach 22 Minuten Roger Lutz verletzt vom Platz muss. Nach 70 Minuten kann Ballack nach einer gelb-roten Karte duschen gehen. Erstmals in die Startaufstellung beruft ihn Rehhagel am 28. März 1998 gegen Leverkusen – Lautern bekommt eine böse 0:3-Klatsche verpasst, die Konkurrenz im Meisterschaftsrennen wittert Morgenluft. Umsonst. Am 33. Spieltag macht Kaiserslautern das Wunder perfekt, der Aufsteiger besiegt den VfL Wolfsburg mit 4:0 und Michael Ballack steht 90 Minuten mit auf dem Platz. Das erste Jahr in der Bundesliga, der erste Titel. Das geht ja gut los.

Die Folge-Saison kann Rehhagel nicht anders: dieser hoch gewachsene Mittelfeldspieler ist inzwischen zu gut, als dass er ihm dauerhaft als Bankwärmer dient. 30 Einsätze (darunter allerdings immer noch 13 Einwechslungen), vier Tore, Einzug ins Viertelfinale der Champions League: die Saison 1998/99 dient dem jungen Görlitzer als Sprungbrett. Seine Laufbahn wird auch dadurch beschleunigt, dass sich der deutsche Fußball auf einem Tiefpunkt befindet. Nach dem Ausscheiden bei der WM 1998 gegen Kroatien läuft die hilflose Suche nach neuen frischen Talenten und Ballack ist eine der wenigen Perlen, die der nationale Fußball zum Ende des Jahrtausends zu bieten hat.

Ins kollektive Gedächtnis am Betzenberg schießt sich Ballack mit einem perfekten Linksschuss in der dritten Minute am 21. Spieltag gegen Hertha BSC. Eineinhalb Monate später gibt er auch sein Debüt in der Nationalmannschaft, nach 60 Minuten schickt ihn Erich Ribbeck für Dietmar Hamann aufs Feld. Prompt fällt für eine Viertelstunde das Flutlicht im Bremer Weserstadion aus. Das Spiel gegen Schottland verliert die DFB-Auswahl mit 0:1. Drei Monate nach seinem ersten Einsatz für den Weltmeister von 1990 gibt Ballack seinen Wechsel zu Bayer Leverkusen bekannt. 3,9 Millionen Euro ist er Rainer Calmund wert.

Bayer Leverkusen

In Leverkusen lenkt zum Zeitpunkt von Ballacks Wechsel Christoph Daum die Geschicke. Der Trainer liefert den Zeitungen mit den dicken Überschriften die begehrten Schlagzeilen, als er öffentlich von seinen Meisterschaftsplänen schwärmt und die Spieler über glühende Kohlen und Glasscherben laufen lässt. Mit Erfolg: Bayer Leverkusen spielt in der Saison 1999/2000 berauschenden Fußball, Michael Ballack findet seinen Platz in der kreativen Zentrale und beeindruckt mit effizientem Passspiel, resolutem Zweikampfverhalten und einer Kopfballstärke, die an vergangene Flieger a lá Hrubesch und Riedle erinnert. Lange Zeit sieht Leverkusen wie der künftige Deutsche Meister aus, dann folgt am letzten Spieltag das legendäre Saisonfinale in Unterhaching. 21 Minuten sind gespielt, als der Mittelfeldspieler eine Flanke des Unterhachingers Schwarz unbedrängt ins eigene Tor grätscht und Kommentator Werner Hansch die Zuschauer wissen lässt: »Das erste Eigentor in der Karriere von Michael Ballack!« Bayer verliert Spiel und Meisterschaft und für Ballack beginnt ein Endspiel-Fiasko, das bis heute Bestand hat.

Im Herbst 2000 sitzt Ballack vor dem Fernsehschirm. Die EM in Belgien und den Niederlanden lief für ihn und die gesamte Mannschaft miserabel. Nur 63 Spielminuten lässt ihn Ribbeck auf dem Feld, gegen die zweite Garnitur Portugals unterliegt die DFB-Auswahl mit 0:3 im letzten Gruppenspiel und scheidet aus. Im Oktober hört der Fußballer Ballack den Trainer Daum sagen: »Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.« Es ist der Anfang vom Ende für den umstrittenen Übungsleiter. Wegen der »Kokain-Affäre« wird er in Leverkusen entlassen, Berti Vogts übernimmt das Bayer-Ruder und landet mit Ballack und Co. auf einem enttäuschenden vierten Platz. Für Vogts kommt Klaus Toppmöller, und für Michael Ballack beginnt die Saison seines Lebens. Vize-Meister. Vize-Pokalsieger. Vize-Champions-League-Gewinner. »Vizekusen« ist geboren.

Bei der WM 2002 sind es Torwart Oliver Kahn und Michael Ballack, die mit überragenden Einzelleistungen für den Einzug ins Finale sorgen. Dort scheitern beide, jeder auf seine Weise. Kahn lässt Rivaldos Schuss aus den Händen fallen, Ballack muss hilflos zusehen. Eine gelbe Karte im Halbfinale gegen Südkorea verhindert seinen großen Traum. Dass er im gleichen Jahr erstmals zu »Deutschlands Fußballer des Jahres« gewählt wird: ein schwacher Trost. Seine Leistungen haben die großen Namen im Geschäft auf den Plan gerufen: Real Madrid und Bayern München buhlen um Ballacks Können, am Ende entscheidet er sich für den deutschen Branchenprimus. Sechs Millionen Euro fließen aus München nach Leverkusen.

FC Bayern München

Erwartungsgemäß sichert sich Ballacks neuer Klub die Meisterschaft, im Pokalfinale schießt der Neuzugang gar zwei Tore gegen seinen alten Klub aus Kaiserslautern. Das erste »Double« seiner Laufbahn, es ist perfekt. Zwei weitere werden in den kommenden drei Jahren folgen, dazu 47 Tore in 135 Spielen und die Aussage seines Trainer Felix Magath, nur er, Ballack, sei im erlauchten Bayern-Mittelfeld gesetzt. Er ist längst unverzichtbar geworden, für seinen Klub, für die Nationalmannschaft. Und trotzdem: die Zeit in München verläuft für Ballack enttäuschend. Der große Wunsch, einen internationalen Titel, kann er sich auch mit dem Champions-League-Sieger von 2001 nicht erfüllen.

Bleibt die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Doch die droht der von Jürgen Klinsmann als »Capitano« geadelte Görlitzer zu verpassen, die »Wade der Nation« beschäftigt tagelang ein ganzes Land. Gegen Costa Rica noch Zuschauer ist Ballack gegen Polen auf dem Platz und reißt dem armen Oliver Neuville nach dessen spätem Treffer beim Jubeln fast den Kopf ab. Das Ende vom Lied ist bekannt: Ballacks Flanke auf Kloses Schädel zum Ausgleich gegen Argentinien und schließlich das dramatische Halbfinal-Aus gegen Italien. Deutschland wird Dritter. Wieder kein Titel für Ballack. Der entschließt sich, das warme Angebot vom FC Chelsea anzunehmen und wechselt Richtung England.

FC Chelsea

Machen wir es kurz. Jetzt, im Sommer 2009, hat Michael Ballack, inzwischen 32 Jahre alt, immer noch keinen internationalen Titel gewonnen. Er rennt seinem Traum hinterher. Nicht immer so dramatisch, wie in den vergangenen zwei Jahren in der europäischen Königsklasse. Das Endspiel 2008 gegen Manchester United endet im Elfmeterschießen und Ballack, der seinen ersten Strafstoß verwandelt hat, bricht nach John Terrys misslungenem Versuch ins sich zusammen.

Ein Jahr später stehen die Giganten Chelsea und Barcelona im Halbfinale gegenüber. Schiedsrichter Övrebö verweigert den Engländern im Rückspiel gleich vier mögliche Elfmeter, kurz vor dem Schlusspfiff lässt sich der Deutsche dazu hinreißen dem Norweger wild mit dem Armen fuchtelnd die aufgeheizte Meinung zu geigen. Die englische Presse übergießt ihn mit Hohn und Spott. Doch die seltsame Karriere eines Weltstars, sie ist noch längst nicht beendet. 2010 wird es wieder Michael Ballack sein, der die deutlich jüngeren Kollegen – so denn die Qualifikation zur WM gelingt – in Südafrika anführt. Mit dem FC Chelsea soll es dieses Jahr in Europa klappen, doch die Chancen stehen nach den monströsen Einkaufstouren von Barcelona und Real Madrid schlecht. Ballack wird weiter spielen, weiter träumen. Er, der längst vom »kleinen Kaiser« zum »Milennium-Beckenbauer« geworden ist.        

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