Unser Autor hat sich bei einem Bayern-Heimspiel in das Telekom T geschmuggelt

Einen im T

Zwischen Harndrang und Jeans-Käse: Wie fühlt es sich an, 90 Minuten lang ein Teil des Telekom-T in der Allianz Arena zu sein? Ein Selbstversuch. 

imago

Beim Torjubel der Bayern bin ich offenbar ins TV-Bild gerutscht. Kurznachricht eines Freundes: »Lass die Schultern nicht so hängen.« Ich antworte: »Das macht der Poncho!« Er antwortet: »Jein.«

5. November 2016, 16.38 Uhr:
Seit Sommer 2005 spielen die Bayern im Raumschiff Allianz Arena. Seit 2005 sitzen bei jedem ihrer Heimspiele Menschen in weißen Überziehern in Block 125, um das symbolhafte „T“ ihres Hauptsponsors Telekom zu bilden. Seit 2005 denke ich mir bei jedem Spiel, da ich diese fleischgewordene Marketingkampagne sehe: Pff. Nichts weiter. Bis zum 5. November des vergangenen Jahres. Bayern spielt gegen Hoffenheim, ich verfolge das Spiel in der Konferenz, als mir meine innere Abteilung Attacke Fragen in die Wahrnehmung stellt: Was sind das eigentlich für Leute, die sich da als menschliches Telekom-T, als Werbe-Vehikel in ein Fußballstadion setzen? Die stoisch die Lächerlichkeit ertragen, vor aller Augen in einem Aufzug dazusitzen, der sich vielleicht für den Tag nach dem größten anzunehmenden Unfall eignen würde, aber sicher nicht dafür, entspannt der schönsten Nebensache der Welt zu folgen? Wer macht so etwas freiwillig? Und vor allem: Warum?

Wahrscheinlich gibt es die Karten umsonst, denke ich mir. Irgendein Gewinnspiel, mit dem die Telekom Kunden ködert. Oder ein Bonus-Programm vielleicht. Sie möchten ihr Entertain-Paket nicht verlängern, sind unzufrieden mit ihrem Handyvertrag? Hier, zum Ausgleich eine Karte für ein Heimspiel der Bayern, dem besten Team der Bundesliga, ach was, der Welt. Gut, Sie müssten ein weißes Cape tragen während des Spiels. Aber hey, das sind die Bayern! Die Bayern! Die spielen zu sehen, nur wenige Meter vom eigenen Sitz entfernt, dafür würden andere ganz andere Dinge geben. Nicht nur ihre Würde.

7. November 2016, 10.03 Uhr:
Am darauffolgenden Montag rufe ich bei der Telekom an, frage, ob ich für eine Reportage Teil sein könne dieser Dada-Dauerwerbung. Kein Problem, so die überraschende Antwort, zum Topspiel gegen Rasenball Leipzig sei noch ein Plätzchen frei. Und ach ja, die 58 Menschen, die sich Bayern-Heimspiel für Bayern-Heimspiel zum »T« einfinden, sind allesamt Auszubildende des Konzerns. Die Spiel für Spiel von einem der Standorte angekarrt werden, an denen der Telekommunikationsriese seine zukünftigen Angestellten zu Arbeitnehmergold schmiedet. Dann fällt mir noch eine Frage ein, die menschlichste aller Fragen: Was ist eigentlich, wenn eines der Puzzleteilchen vom unbändigen Ruf des Königstigers heimgesucht wird? Also bitte, natürlich dürfe man jederzeit auf Toilette gehen. Wenn es denn unbedingt sein muss.

21. Dezember, 17.46 Uhr:
Abfahrt vom Münchner Hauptbahnhof in Richtung Arena. Den weißen Überzieher und eine weiße Mütze habe ich bereits vor meiner Anreise aus Berlin erhalten. Zeit für eine Anprobe. Die Mütze bereitet zum Glück wenig Probleme. In den weißen, von seiner Textur einer Regenjacke gleichen Poncho komme ich erst nach einigen Verrenkungen, die Unwissende glatt für U-Bahn-Yoga halten könnten. Strauchelnder Pudel würde ich die Figur nennen, denke ich mir, da an der nächsten Haltestelle zwei meiner Sitznachbarn aussteigen. Und obgleich an den kommenden Stationen mehr und mehr Menschen zusteigen, bleiben die Plätze neben mir frei. Ob es an meiner Verkleidung liegt? Die Blicke der Mitreisenden geben keine Antwort. Niemand hält meinen suchenden Augen auch nur für Sekunden stand.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!