Ungewollte Streicheleinheit

Bundesliga 1982: Werder-Bayern 1:0

21. August 1982: Der FC Bayern tritt in Bremen an, es ist Jean-Marie Pfaffs Debüt im Trikot der Münchener. Und was für eines: Der Belgier streichelt einen Einwurf von Uwe Reinders ins eigene Tor. Der Beginn einer großen Karriere. Ungewollte Streicheleinheit

Er ist ein Hoffnungsträger, dieser Jean-Marie Pfaff. Deshalb ist er an die Säbener Straße geholt worden. Er soll das schwärende Torwartproblem des FC Bayern lösen, denn die Lücke, die der Weltklassetorhüter Sepp Maier gerissen hat, sie ist noch immer nicht gefüllt. Weder Manfred Müller noch Walter Junghans haben sich in München durchsetzen können. Nun Jean-Marie Pfaff, der Mann mit den lustig blondierten Löckchen und der stets guten Laune. Als Referenz hat der Strahlemann eine hervorragende Weltmeisterschaft in Spanien im Gepäck, er wechselt vom belgischen Klub SK Beveren an die Isar.

[ad]

Warum er nach München gegangen ist, erklärt Pfaff später. Nicht das Renomee des bayerischen Klubs ist es, nicht die Aussicht, mit den Bayern einen internationalen Titel zu gewinnen. »Ich wollte den belgischen Vereinen eins auswischen, denn weder von Brügge noch Antwerpen hatte ich ein Angebot.« An internationaler Reife mangelt es Pfaff nicht. Schon zwei Jahre zuvor hat er mit Belgien bei der Europameisterschaft das Finale gegen Deutschland erreicht und sich international in den Vordergrund gespielt. Wie kaum ein anderer Spieler steht er für den steilen Aufstieg der belgischen Nationalmannschaft in den achtziger Jahren.

Sein Spiel, eine beeindruckende Mischung aus blitzschnellen Reflexen, enormer Sprungkraft und ausgefeilter Technik und Konzentration, verkörpert den Stil einer neuen Torwartgeneration. Er scheint genau der richtige Mann für das Tor der Bayern. Doch am 21. August 1982 in Bremen muss Jean-Marie Pfaff zunächst nur wenig von seinem Können zeigen. Es ist der erste Spieltag der neuen Saison und die Spielplaner haben dem SV Werder gleich die Münchener Bayern als Gegner beschert. Die rund 35 000 Zuschauer im Rund des Weserstadions sehen einen torlose und wenig erfreuliche Halbzeit. Das Spiel wird zwar intensiv geführt, doch keine der beiden Mannschaften greift ernsthaft an, man belauert sich und wartet auf die Fehler der anderen. Der Bundesliga-Debütant Jean-Marie Pfaff verlebt also einen ruhigen Nachmittag, ein paar Bälle hat er abgefangen, ein bisschen mit seinen Vorderleuten geschimpft, mehr hat er in 44 Minuten nicht zu tun gehabt.

Pfaff weiß nichts von Uwe Reinders’ langen Einwürfen

Und während auf den Rängen die ersten Zuschauer zur Bratwurstbude laufen, gibt es noch einmal einen Einwurf von der Seitenlinie für den SV Werder. Jean-Marie Pfaff geht leicht in die Hocke, in seinem Strafraum ballen sich die Spieler, während Uwe Reinders, der Mann mit dem buschigen Schnurrbart mit dem Ball an der Seitenlinie steht. Dass Reinders den Ball weit in den Strafraum werfen kann, weiß mancher Abwehrspieler, Jean-Marie Pfaff jedoch hat man nichts von der katapultartigen Technik des Stürmers erzählt, weite Einwürfe sind in den frühen Achtzigern noch nicht sonderlich verbreitet. Also stellt sich der Keeper auf einen kurzen Einwurf ein, anschließend wird dann eine Flanke in den Strafraum gesegelt kommen. Doch Reinders sucht nicht den nächsten Mann, sein Einwurf ist mehr Flanke als Kurzpass, lang und länger fliegt der Ball in Richtung Bayern-Tor. Er beschreibt einen Bogen in den Sechzehner, sofort recken sich dort die Köpfe der Abwehrspieler zum Duell.

Auch Jean-Marie Pfaff steigt mit den Feldspielern hoch, er hat so lange nichts zu tun gehabt, nun will er dabei sein im Getümmel und allen zeigen, dass er seinen Strafraum beherrscht. Aus dem Gewühl steigen seine Torwarthandschuhe empor, doch ebenso wenig wie die Stürmer und Abwehrspieler erwischt er den Ball. Er kann ihn weder fangen noch fausten, nur leicht touchiert der Ball Pfaffs Fingerspitzen. Es ist diese Berührung, die aus einem gefährlichen Einwurf einen Torschuss macht. Denn der Ball bekommt nun Effet, die ungewollte Streicheleinheit hat ihm neues Tempo und eine neue Richtung gegeben. Pfaff erkennt mit all seiner Erfahrung die Situation zwar schnell, doch nicht schnell genug. Hilflos dreht er sich um seine eigene Achse, greift um sich, doch den Ball aufzuhalten vermag er nicht mehr. Der herbeigeeilte junge Rudi Völler macht noch einen Schritt, aber er braucht nicht mehr einzugreifen, auch ohne sein Zutun zappelt der Ball im Netz.

Völler dreht jubelnd ab, und Jean-Marie Pfaff fischt mit gesenktem Kopf den Ball aus den Maschen. Es bleibt das einzige Tor an diesem Nachmittag, so sehr sich die Bayern auch in der
zweiten Halbzeit um den Ausgleich mühen. Werder Bremen gewinnt sein Auftaktmatch gegen den FC Bayern und ausgerechnet der neue, der hoffnungsfrohe Mann im Tor hat das Spiel entschieden. Der Spott der Öffentlichkeit über den patzenden Neuling ist anschließend groß, die Presse stürzt sich begierig auf Pfaffs Fehlgriff. Immer wieder wird die Szene aus der 44. Minute im Fernsehen wiederholt, immer wieder drucken die Gazetten neue Fotos aus den verschiedensten Positionen. Sein Fehler wird regelrecht seziert. Doch Jean-Marie Pfaff zeigt sich unbeeindruckt, zumindest später. »Das Tor war positiv für mich. Ich war sofort überall bekannt, vom Fernsehen wurde es zehnmal wiederholt.« In den nachfolgenden Spielen hält er vorzüglich und lässt seine Vorgänger Müller und Junghans schnell vergessen.

Auf der Tribüne zeigen sich die Kluboberen des FC Bayern erleichtert, schließlich müssen sie sich rechtfertigen für den Millionentransfer aus Belgien. Am Saisonende wird man ihn in München als einen der besten Einkäufe der letzten Jahre feiern. Insgesamt drei Meisterschaften und zwei Pokalsiege erringt Pfaff in den folgenden sechs Jahren bei den Bayern. Und nur noch einmal macht er im Tor des FC Bayern eine unglückliche Figur. Es ist diesmal nicht seine Schuld, gegen Helmut Winklhofers 30-Meter-Hammer ins eigene Tor gegen Uerdingen ist auch ein bestens aufgelegter Jean-Marie Pfaff machtlos. 1987 wird er als weltbester Torhüter ausgezeichnet, er ist die höchste Auszeichnung für einen Keeper. Der Fehlgriff von Bremen ist da längst sehr weit weg. Heute lebt er mit seiner Familie in Antwerpen und war zuletzt sogar Hauptdarsteller und unbestrittener Mittelpunkt einer 14-teiligen Doku-Soap über sein Leben, einer Art belgischer »Osbourne«. Als Frühpensionär sieht er sich jedoch nicht, bald will er ins Trainergeschäft einsteigen.

»Das Geheimnis eines Spitzentorwarts liegt in der Mischung aus Reflexen, Sprungkraft, Technik und Konzentration«, hat Pfaff mal gesagt, »und im Willen, den Ball in allen Situationen fangen zu wollen.« Der Wille wurde ihm am 21. August 1982 zum Verhängnis.


Aufstellung

Werder Bremen: Dieter Burdenski, Klaus Fichtel, Norbert Siegmann, Rigobert Gruber, Jonny Otten, Yasuhiko Okudera, Karl-Heinz Kamp, Uwe Bracht, Uwe Reinders, Norbert Meier (87. Michael Böhnke), Rudi Völler (87. Thomas Schaaf). Trainer: Otto Rehhagel

FC Bayern: Jean-Marie Pfaff, Udo Horsmann, Wolfgang Dremmler, Klaus  Augenthaler, Wolfgang Grobe, Bernd Dürnberger, Paul Breitner, Norbert Nachtweih, Dieter Hoeneß
Karl-Heinz Rummenigge, Kalle Del´Haye. Trainer: Pal Csernai


Statistik

1:0 Pfaff (44., Eigentor nach Einwurf von Reinders)

Gelbe Karten: Augenthaler, Grobe
Schiedsrichter: Dieter Pauly
Zuschauer: 35 000
Stadion: Weserstadion
Datum: 21. August 1982
Wettbewerb: Bundesliga (1. Spieltag)


Stimmen

»Ich war ein Belgier und jetzt bin ich ein Bayer. Ich trinke Bier und esse Leberkäs mit Eiern. Und jeden Samstag stehe ich vor meinem Tor und kein Stürmer macht dem Jean-Marie was vor…« (Jean-Marie Pfaffs führt die Tradition der singenden Bayern-Profis fort – kurz nach seiner Ankunft in München. Und vor dem Spiel in Bremen.)


Fast live und in Farbe



Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!