Ultras in der Kreisklasse

Singen zu dritt

Ihr Verein heißt Teutonia Alveslohe. Ihr Block besteht aus morschem Holz und rostigem Stahl. Und wenn sie zu dritt sind, ist die Tribüne bereits gut gefüllt. Tilman Sturm, Friedemann Sturm und André Judisch sind Ultras in der Kreisklasse. Ultras in der KreisklasseSuse Walczak
Heft #63 02 / 2007
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Drei sind Standard, zwei sind das Minimum. »Allein auf dem Block zu stehen und 90 Minuten durchzusingen, das bringt keiner von uns«, sagt Tilman Sturm. Ansonsten aber sind die drei Alvesloher Ultras schon ziemlich hart gesottene Burschen. Seit fünf Jahren stehen Tilman, sein Bruder Friedemann und André Judisch jeden zweiten Sonntag auf einer baufälligen Tribüne am Rande des Sportplatzes in Alveslohe, einer Kleinstadt 20 Kilometer nördlich von Hamburg. Pünktlich fünf Minuten vor Anpfiff rollen sie ihren Doppelhalter aus, dazu das Megaphon und beginnen mit dem Support. Sie singen:

»Teutonia Alveslohe, das ist das Beste,
was es gibt auf der Welt.
Teutonia Alveslohe, weil hier der
Stürmer trifft und der Torwart hält.
Drum sind wir stets vergnügt,
auch wenn Teutonia hinten liegt.
Teutonia Alveslohe, das ist das Beste,
was es gibt!«


Natürlich, Fans übertreiben gerne. Es ist nur so: Die so feurig besungene Teutonia spielt derzeit abstiegsgefährdet in der Kreisklasse Segeberg, gegen TSV Wiemersdorf, den SV Großenaspe und den Leezener SC. 50 Zuschauer, viele Rentner, kommen zu solchen Spielen und sehen zumeist ein ziemlich fades Gekicke, mehr als zwei Pässe hintereinander funktionieren selten. Die Ultras Alveslohe ficht das nicht an, einer zückt das Megaphon und die beiden anderen fallen ein. »Wir haben inzwischen ein Repertoire, das wir 45 Minuten durchsingen können, ohne uns zu wiederholen«, sagt Tilman. Viele Lieder sind aus den großen Kurven der Fußballwelt übernommen, manches aber haben die drei Ultras auch selbst gedichtet. Dann sitzen sie bei Stammwirt Christos und formulieren Schlager und aktuelle Gassenhauer auf Alvesloher Bedarf um. »Da sind durchaus komplizierte Texte dabei. Es kann schon mal passieren, dass wir die Strophen nicht mehr parat haben und jeder von uns was anderes singt.« Die Alvesloher Ultras nehmen ihren Job sehr ernst. Sie unterstützen nicht nur die erste Herrenmannschaft, sondern auch die Reserve. Die spielt in der Kreisliga C, ganz unten, wo alles richtig weh tut, das Mitspielen und Zuschauen. Die Spiele der Reserve finden in der Regel vor den Spielen der 1. Mannschaft statt. »Das ist ungünstig, weil wir oft schon kaputt sind, wenn wir 90 Minuten bei der 2. Mannschaft gesungen haben!« Die Zweite bekommt dann schon mal ein eigenes Banner: »Auf in goldene Zeiten, mit der Zweiten.«


Angefangen hat alles bei einem ziemlich wichtigen Spiel vor fünf Jahren. Es ging um den Aufstieg in die Bezirksliga gegen die Mannschaft aus Wakendorf, es stand zur Halbzeit schlecht für Alveslohe. Als Tilman, Friedemann und Andre in der 2. Halbzeit plötzlich zu singen begannen, Fankurvenlieder, Anfeuerungen, was ihnen so einfiel, machten schnell andere Zuschauer mit, am Ende hatte Alveslohe gewonnen und die Mannschaft stand begeistert vor ihrem Fanblock. »Müsst ihr mal wieder machen«, sagten die Spieler. Was als Bierlaune begann, wurde schnell zur festen Einrichtung, fortan standen die Anhänger ständig am Spielfeldrand und sangen populäres Liedgut zu lokalsportlichen Themen, zwischendurch drängelten sich bis zu zehn Anhänger auf der Tribüne. »Das war ein großartiges Gefühl, mit so vielen Leuten Stimmung zu machen«, schwärmt Tilman.

Tilman musste neulich in der zweiten Mannschaft ran

Die Mannschaftsstärke konnte nicht gehalten werden, nur wenige packte so die Leidenschaft wie den ungarischen Austauschschüler Szolt Zsarka, der ein Jahr lang mit auf der Tribüne stand und Teutonia anfeuerte. Eine Liebe fürs Leben, Szolt lässt sich noch heute jedes Wochenende die Ergebnisse nach Budapest mailen. Nachwuchs zu rekrutieren fällt in einer Stadt mit 2500 Einwohnern ansonsten schwer, obwohl die Ultras zwischendurch sogar Handzettel in der Stadt verteilten, um neue Mitglieder zu werben. »Da kam leider überhaupt keine Resonanz.« Und so werden heute auch die Kinder nicht verscheucht, die bei Spielen öfter mal auf der Tribüne herumklettern. »Die können gerne mitsingen.« Da macht es Mut, dass die Alvesloher nicht ganz allein sind mit ihrem unterklassigen Support. Der Turnverein Unterboihingen, südlich von Stuttgart, wird ebenfalls seit Jahren von einer vierköpfigen »Supporters-Crew« begleitet. Alvesloher und Unterboihinger pflegen eine Fanfreundschaft, im September waren die Schwaben beim Auswärtsspiel der Zweiten bei der SV Wahlstedt III dabei. Und was war das für ein Spiel: 0:3 zur Halbzeit, 6:3 am Ende für Alveslohe, donnernde Gesänge an der Stange, Pyrotechnik in rauen Mengen, Wahlstedt brannte, am Ende die Welle mit der Mannschaft. »Solche Spiele tragen uns dann auch mal durch den Alltag in der Kreisklasse, wenn es Bindfäden regnet und wir wieder mal nur zu dritt sind.«

Die Frage drängt sich auf: Warum machen sie das? Denn all das, was Fankurven so faszinierend macht, scheint in Alveslohe weit weg. Die Choräle, die große Gemeinschaft, die Narrenfreiheit im Block. Tilman zuckt die Achseln: »Ist halt unser Klub.« So einfach ist das manchmal. Nick Hornby braucht nur mehr Worte dafür. Und wer genau hinschaut, entdeckt den speziellen Reiz des Kreisliga-Supports. Da sind die Rivalitäten mit den Nachbarn, der Kaltenkirchener TS zum Beispiel. »Die sind so etwas wie die Bayern auf Kreisebene. Die klauen sich auch mal Spieler von anderen Vereinen und haben am meisten Kohle hier in der Gegend«, sagt Friedemann. Schmähruf der Ultras: »Vorstadt-Alvesloher!«

Überhaupt die Gäste. Deren Bank ist auf dem Teutonia-Sportplatz direkt neben der Fantribüne platziert. Manch ein auswärtiger Kicker schaut schon man scheel über die Schulter und tuschelt mit den Kollegen, wenn die Ultras hinter ihm ihre Arbeit aufnehmen. »Prinzipiell halten wir uns mit Sprechchören über den Gegner eher zurück, Kreisligapartien sind schließlich ohnehin schon hitzig genug. Aber mit lockeren Gästespielern ergeben sich oft lustige Dialoge.« Vorwiegend wird auf dem Block aber gesungen, mit einer, angesichts der geringen Mannstärke, beeindruckenden Lautstärke: Über Teutonia, den großartigsten Klub der Welt und über Henrik Lescow, ihren Lieblingsspieler. »Großartiger Mann«, findet Tilman, »wir rufen ihn Ailton, weil er auch so ein Kugelblitz ist, der nie trifft und der am lautesten schreit, wenn er gefoult wird.«

Kein Zweifel, wenn anderswo die verlorene Nähe zwischen Fans und Spielern beklagt wird, in Alveslohe gibt es sie noch. Nach dem Spiel trifft man sich an der Theke, und wenn in der Reserve Not am Mann ist, wird schon mal der Fanblock dezimiert. Neulich musste Tilman für die Zweite ran. »Welcher Anhänger träumt nicht davon?«. Pfiffe aus dem Fanblock wurden nicht vermeldet.

Der Verein ist angetan von seinen aktiven Anhängern. In der Kreisklasse sind die drei tapferen Sänger von unschätzbarem Unterhaltungswert. Also müssen die Ultras keinen Eintritt zahlen, die Getränke sind auch umsonst, neue Pullover wurden finanziert und demnächst soll auch die Holztribüne erneuert werden. Schließlich steht 2013 das 100-jährige Vereinsjubiläum an, dann soll alles gut aussehen. »Bis dahin machen wir auf jeden Fall noch weiter«, sagt Tilman und stimmt an:

»Unterstes Niveau
Asis sind wir sowieso
Teutonia Alveslohe.«

Und der ganze Block singt mit.

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