Uli Borowka über den Fall Breno

»Der Fußball muss sensibler werden«

Für unseren Kolumnisten Uli Borowka ist der Absturz des ehemaligen Bayern-Profis Breno eine Tragödie. Auch, weil er sich selbst darin wiedererkennt. Und er fordert den Fußball zum Nachdenken auf, um solche Schicksale in Zukunft zu verhindern.

Der Fußballspieler Breno muss ins Gefängnis, weil er seine eigene Villa angezündet hat. Offenbar im Suff und unter dem Einfluss von Tabletten. Der Mann ist 22, hat außer Fußball nichts gelernt und steht jetzt vor den Trümmern seiner kurzen Karriere. Vielleicht wird er nie wieder Profifußball spielen können. Was für eine Tragödie.

Ich kenne Breno nur als Fußball-Interessierter. Ich war nicht dabei, als er sich mit Bier, Portwein und Whiskey zusoff. Ich war nicht in der Nähe, als er Feuer in seinem Haus legte. Aber ich kann in etwa nachfühlen, welche Hölle Breno in den vergangenen Monaten durchgemacht hat. Ich kenne das Gefühl, so einsam zu sein, dass man glaubt, die Flasche Schnaps wäre der letzte Freund, den man noch hat.

Wie soll der Knast Breno helfen?

Zur Haftstrafe selber habe ich mir viele Gedanken gemacht, vieles von dem, was mir durch den Kopf ging, gehört hier aber nicht her. Nur so viel: Ich finde die Strafe von drei Jahren und neun Monaten Haft viel zu hart. Hier hat ein junger Mann, der komplett vom Weg abgekommen ist, um Hilfe geschrien und landet nun hinter Gittern. Ob das Breno hilft, seine Dämonen erfolgreich zu bekämpfen, wage ich zu bezweifeln.

Vielmehr stellt sich für mich die Frage, wie es so weit kommen konnte. Wie ein junger und hochbegabter Sportler, angestellt beim größten Verein Deutschlands, in solch einen Teufelskreis geraten konnte. Denn: Die Nacht in der Breno sein Haus angezündet hat, war ja nur die Spitze des Eisbergs. Zu so etwas kann ein Mensch nur fähig sein, wenn er zuvor schon Höllenqualen gelitten hat.

Bei Breno kommen einige Faktoren zusammen, die zumindest ansatzweise deutlich machen, warum es ihm so dreckig ging: Er kam als damals 18-Jähriger aus einem völlig fremden Kulturkreis nach München. Und zwar nicht, um zu studieren, oder mit ein paar Gelegenheitsjobs Geld zu verdienen, sondern als Leistungssportler, für den sein neuer Arbeitgeber zwölf Millionen Euro Ablöse gezahlt hatte. Mit diesem Druck umzugehen fällt ja schon schwer, wenn man gleich neben der Säbener Straße aufgewachsen ist, aber als Ausländer muss das alles noch komplizierter sein.

Im Fußball gibt es keine echten Freundschaften!

Ein zweiter Faktor: Breno war häufig lange verletzt. Für einen Fußballer gibt es nichts schlimmeres, als nicht Fußball spielen zu können. Auch damit muss man lernen umzugehen. Und das schafft man nur, wenn man über ein krisensicheres Umfeld verfügt. Über eine Familie, die einen auffängt, enge Freunde, bei denen man sich ausheulen kann, einen guten Berater, der einem hilft, sich in der Fremde wohlzufühlen. Breno scheint dieses Umfeld nicht, oder wenn überhaupt nur teilweise, zu besitzen. Sonst wäre er jetzt nicht im Gefängnis. Ich möchte mir nicht anmaßen über Brenos private Situation zu urteilen, nur so viel: Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es echte Freundschaften im Profifußball nicht geben kann. Du kannst mit einem Mitspieler, der ja auch dein Konkurrent um deinen Arbeitsplatz ist, nie so eng befreundet sein, wie es im »normalen Leben« möglich ist.

Der hohe Erwartungs- und Leistungsdruck, der fehlende doppelte Boden im privaten Bereich, die ständigen beruflichen Rückschläge im Alltag, das Gefühl, alleine und fremd zu sein – Breno ist nicht der erste Fußballer, der sich irgendwann an die Flasche flüchtete. Er wird auch nicht der letzte gewesen sein. Bei mir war es ähnlich: Im Alkohol versuchte ich meine Sorgen und Nöte zu ertränken, wenn mir wieder einmal alles über den Kopf wuchs, flüchtete ich mich in den Suff. Wie singt es Herbert Grönemeyer? »Alkohol ist dein Sanitäter in der Not.« Da ist was dran. Nur mit der fatalen Wirkung, dass der Alkohol auf Dauer alles nur noch schlimmer macht.

Viele werden sich jetzt fragen: Wie kann der Fußballer Breno, der laut der Aussage des Gerichtsgutachters in den vergangenen Monaten regelmäßig Bier und Whisky getrunken haben soll, weiterhin seinem Job nachgegangen sein? So eine Alkoholfahne, die muss man doch riechen, spätestens, wenn derjenige nicht auf dem Fußballplatz steht, sondern in der Kabine neben einem sitzt oder in der Reha schuften muss!

Natürlich riecht man den Alkohol, man sieht den Kollegen auch an, ob sie am Vorabend gesoffen haben oder nicht. Fußballer arbeiten jeden Tag miteinander, so etwas fällt definitiv auf. Dass beim FC Bayern trotzdem niemand etwas gesagt hat, darf man den Verantwortlichen nicht unbedingt zum Vorwurf machen. Es ist im Spitzenfußball gang und gäbe. Bevor nicht jemand von alleine Hilfe einfordert – und das ist ein verdammt schwerer Schritt – bleiben solch unfreiwillige Hilferufe wie eine Alkoholfahne ungehört. Dein Sitznachbar in der Kabine stinkt nach Schnaps und sieht arg zerknittert aus? Dann hat er wohl gestern einen schlechten Tag gehabt und einen gesoffen, nicht der Rede wert. Und wenn das regelmäßig passiert? Hat er eine schlechte Phase.

Wenn Fußballer Schwächen zeigen, müssen Vereine Hilfe anbieten

Es ist nicht meine Aufgabe, irgendjemanden deswegen an den Pranger zu stellen. Ich hoffe nur, dass sich der Fußball nach dieser neuerlichen individuellen Tragödie noch weiter hinterfragt, noch sensibler wird, wenn Leistungssportler Schwächen zeigen und Hilfe brauchen. Das sollten und müssten Vereine und der DFB leisten, um in Zukunft solche Abstürze vielleicht zu verhindern.

Denn, eines ist sicher: Brenos Schicksal ist zwar ein Einzelfall, aber wie auch in den anderen Bereichen der Gesellschaft gibt es auch im Fußball eine Menge Problemfälle. Menschen, die Hilfe brauchen, die aber vielleicht Angst haben, laut nach Hilfe zu schreien. Oder die dazu einfach nicht in der Lage sind.

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Am 8. Oktober 2012 erscheint die Biografie unseres Kolumnisten Uli Borowka im Edel-Verlag unter dem Titel »Volle Pulle – Mein Doppelleben als Fußballer und Alkoholiker«. Das Buch ist ab sofort vorbestellbar.

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