03.05.2012

Ukraines Sorge vor einem EM-Boykott

Abseitsposition

Weil die ukrainische Oppositionsführerin Julija Tymoschenko in Haft sitzt und zur medizinischen Behandlung nicht nach Deutschland gebracht wird, erwägte die Bundesregierung einen EM-Boykott. Doch wem ist damit geholfen?

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An der prachtvollen Khreschatyk Straße in Kiew haben einige Anhänger von Julija Tymoschenko eine Mahnwache postiert. Auf einem Laternenmast kleben Sticker mit dem Konterfei der inhaftierten Oppositionsführerin. Vor einem Zelt haben sie einen Vogelkäfig aufgebaut, der die Haftbedingungen anprangern soll. Ein paar Meter weiter steht Eugen Bantysh vor einem Fastfood-Restaurant. Er, 30 Jahre, Dynamo-Kiew-Fan und Sportlehrer, ist seit einigen Monaten damit beschäftigt, die Fanbotschaften in Kiew aufzubauen. Er rechnet mit über 100.000 Fußballanhängern aus ganz Europa. Im Hydropark, einer kleinen Insel im Fluss Dnjepr, sollen 15.000 Schweden in einem riesigen Fancamp übernachten. Doch werden sie überhaupt kommen? »Was denkst Du?«, fragt Eugen.

Die Ukraine hat momentan ein großes Problem: Die Party steht, doch den Gästen ist schon vor Beginn die Lust vergangen. Dabei hat sich die Gastgeberin in den vergangenen Monaten endlich zurechtgemacht. Die Arena in Lwiw etwa ähnelte vor einem Jahr noch dem missglückten Bauprojekt eines Hobby-Architekten. Der Ukraine drohte sogar der Verlust der EM, weil dieses Stadion nicht fertig werden wollte und zudem weit und breit keine Bauarbeiter zu sehen waren. Heute kann hier gespielt werden und im Inneren sieht die Arena nunmehr nicht anders aus als jedes x-beliebige Multifunktionsarena in Deutschland. Ähnlich ist der Stand andernorts. In Charkiw wurde unlängst ein Europa-League-Viertelfinale vor ausverkauftem Haus gespielt und in Kiew fand das Freundschaftsspiel zwischen der Ukraine und Deutschland statt. Die Donbass Arena in Donezk war schon 2009 fertig.

Boykott? Diktatur? Claqueure?

Doch das ist nun erst einmal egal, denn nun geht es um Politik. Bundespräsident Joachim Gauck hat eine Ukraine-Reise abgesagt und Angela Merkel erwägte Anfang der Woche einen EM-Boykott, sollten sich die Haftbedingungen von Julija Tymoschenko nicht bessern. Und weil die beiden höchsten Politiker Stellung bezogen, folgten rasch andere. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte etwa: »Sie (die deutschen Politiker, d. Red.) müssen aufpassen, dass sie nicht zu Claqueuren des Regimes werden, denn sie sitzen in Stadien möglicherweise neben Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten.« Und Bundesumweltminister Norbert Röttgen ergänzte: »Es muss unbedingt verhindert werden, dass das ukrainische Regime die EM zur Aufwertung seiner Diktatur nutzt.«

Die Ukraine fühlt sich sichtlich überrollt. Boykott? Diktatur? Claqueure? Was ist denn mit den positiven Seiten? Mit den tollen Stadien? Mit den historischen Bauten in Kiew? Mit der barocken Altstadt in Lwiw? Oder der Seilbahn in Charkiw? In den Hotels fragen sie ängstlich: »Kommen die Deutschen überhaupt?« Auf der Straße: »Was denken die Deutschen?« Und in der Arena von Lwiw wiederholt die Stadionmanagerin gebetsmühlenartig einen Satz, als müsste sie ihn in das Bewusstsein des Westens stanzen: »Hier ist doch alles sehr modern! Was denken Sie?«

»Das eine ist Politik, das andere ist Fußball!«

Auch der Sportjournalist Artem Frankow, Chefredakteur beim größten ukrainischen Fußballmagazin »Football«, fühlt sich in der Defensive. Er will nun retten, was zu retten ist. Denn dass die EM in Frage gestellt wird, hat hier niemand gewollt. »Die momentane Regierung hat mit der Inhaftierung Julija Tymoschenkos einen großen Fehler gemacht. Doch das eine ist Politik, das andere ist Fußball. Die EM hat damit nichts zu tun!«

Nur, so einfach es in der Ukraine nicht. Politik und Fußball gehören hier seit jeher zusammen. Alleine um die EM möglich zu machen, floss überproportional viel Geld in verschiedene Prestigeobjekte. In Charkiw butterte etwa der Oligarch Alexander Jaroslawski 126 Millionen Euro in ein neues Superhotel und 107 Millionen Euro in den Flughafen. In Kiew wurde das Olympiastadion für 580 Millionen Euro umgebaut. Zum Vergleich: Der komplette Neubau der Münchener Allianz Arena kostete 340 Millionen Euro.

Im Westen rümpften einige Verbandsherren die Nase. Es roch nach Cliquenwirtschaft, Geldwäsche und Ausschreibungen, die es nie gegeben hatte. Doch anstatt etwas zu unternehmen, rümpften sie fröhlich weiter. Man schien sich damit abzufinden, keine Ferndiagnose der ukrainischen Geschäftsgebaren abgeben zu können.

Lange Zeit gab auch die Inhaftierung Tymoschenkos keinen Anlass zu massiver Kritik oder gar Boykott-Aufrufen. Zur Erinnerung: Im November 2011 spielte Deutschland zur Eröffnung des Olympistadionstadions in Kiew. Julija Tymoschenko war da bereits drei Monate in Haft.

Seit Anfang April geht es aber Schlag auf Schlag. Der Dominoeffekt. Zuerst wurde publik, dass etliche Hotels die Kooperation mit dem deutschen Reisunternehmen TUI aufkündigten, die ein moderates Preisniveau vorgab. Die Hotels trieben die Preise in Eigenregie in die Höhe. Schließlich war von einer Mafia-Bande die Rede, die etliche Hotels in ihre Gewalt gebracht hatte. Wenig später gab es eine Bombenanschlagserie in Dnjepropetrowsk, bei der 27 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden.

Den aktuellen Sturm der Entrüstung löste ein Foto von Julija Tymoschenko aus, auf dem die Oppositionspolitikerin auf dem Rücken liegt, ihr T-Shirt nach oben zieht und ihre Blutergüsse auf dem Bauch zeigt. Ob diese von Misshandlungen aus der Haft rühren, steht noch dahin. »Wir werden Untersuchungen durchführen und dann ein Ergebnis veröffentlichen«, sagte Vadim Goran kürzlich in einem TV-Interview. Er ist Chef der Abteilung zur Einhaltung der Gesetze bei der Generalstaatsanwaltschaft. Eine Auslieferung nach Deutschland wird von der ukrainischen Regierung dennoch weiterhin verweigert.

»Aus einem mittelgroßen Säugetier einen Elefanten machen«

Eugen Bantysh blickt auf die Mahnwache und sagt dann: »Natürlich dürfen die das, wir haben doch eine Demokratie.« Er grinst, als wolle er ergänzen: Sie ist gerade nur ein wenig fragil. Artem Frankow sagt: »Man macht aus einer Mücke einen Elefanten.« Doch Frankow fühlt sich eigentlich nicht wohl in dieser Rolle, das Problem runterzuspielen. Er gilt als kritische und intellektuelle Stimme unter den ukrainischen Sportjournalisten, und auch er plädiert für eine Freilassung der Oppositionsführerin. Schließlich verbessert er sich: »Deutschland macht aus einem mittelgroßen Säugetier einen Elefanten.«

Ob Mücke, mittelgroßes Säugetier oder Elefant: Die Kritik war lange überfällig. Und man kann die aktuelle Situation auch nichts mit »Das ist Fußball und keine Politik«-Rhetorik beschönigen. Doch inwiefern der EM, dem Fußball, dem Land Ukraine und letztlich auch Julija Tymoschenko mit diesen lauten Boykottrufen geholfen ist, scheint mehr als fraglich. Schließlich torpediert die Forderung die eigentliche Idee eines solchen Turniers. Nun heißt es bereits im Vorfeld: Dort ihr und hier wir. Isolation statt Völkerverständigung. 

Auch Frankow fragt: Was käme denn nach einem Boykott? Und er gibt die Antwort gleich selbst: »Ein Mann, der in die Ecke gedrängt wird, wird sich wehren. Er wird keine Milde walten lassen.« Am Dienstag verkündete dieser Mann, Wiktor Janukowitsch, die Haftbedingungen Tymoschenkos prüfen zu wollen. Und Guido Westerwelle sagte, dass die Bundesregierung auf einen Boykott verzichten wolle. Zumindest als Kollektiv.

»Lwiw ist wunderschön, wirklich!«

Frankow fürchtet dennoch, dass es bereits zu spät sei. Und dass die Fans es den meisten Nationalteams gleich machten, und ihre Quartiere lieber in Polen aufschlagen, als in die Ukraine zu kommen. Schießlich sagt er: »Lwiw ist wunderschön, wirklich! Charkiw vielleicht nicht im klassischen Sinne, aber es gibt auch dort tolle Ecken! Oder Kiew, hier spielen England und Schweden!«

An der Khreschatyk Straße wird die Mahnwache dann nicht mehr zu sehen sein. Sie muss der Fanmeile weichen.

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